Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1888)
- Date
- 1888-02-01
- Page
- Seite 44 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Gemeinde, wurden im vorigen und auch in diesem Jahre die armen Kinder der isr. Gemeinde am ersten Chanuka-Abend beschenkt. Unter zahlreicher Beteiligung der Gemeinde gestaltete sich dieser Act zu einer erhebenden Feier, welche durch die zündende Rede des Herrn Dr. Mansbach die rechte Weihe erhielt. Nach dem Vortrage zündeten die Knaben, nachdem sie den Segensspruch gesprochen, die Chanukalichter an, sangen mit den Seminaristen zusammen das Chanuka-Lied und nahmen sodann freudestrahlend die reichen Geschenke in Empfang. Es ist dieses gewiß der rechte Weg, die Jugend wieder Freude für die eigenen Feste empfinden zu lassen, anstatt die Brosamen vor fremden Thüren aufzulesen. Charakteristisch in dieser Beziehung ist eine ans dem Leben genommene Frage eines jüdischen Kindes: Feiern denn die Christen auch Weihnachten? Der Artikel in Nr. 12 der Monatsblätter, „Unsere Zustände" veranlaßt mich darauf hinzuweisen, daß in hiesiger Gemeinde sowol Trauungen als auch Beerdigungen in geradezu musterhafter Weise stattfinden. Bei solchen freudigen und traurigen Ereignissen ist die große Zahl der Zuschauer, unter welchen sich oft Hunderte von Andersgläubigen befinden, jedesmal begeistert. Trauungen werden meistens in der Synagoge vollzogen. Das so herrliche Gotteshaus wird alsdann mit Topfgewächsen geschmückt und die Krone vor dem Allerheiligen angezündet. Präludium und Choral leiten die Feier ein. — Die Tochter eines hervorragenden Banquiers in Berlin, die jüngst eine Mischehe mit einem Officier gegen den Willen ihres Vaters eingegangen, hat den Schritt sehr zu, bereuen. Wegen Insulten von Seiten ihres Mannes soll die Ehe geschieden werden. — Durch einen Proceß gegen einen antisemitischen Redakteur in Marburg wurde von der Behörde beschlossen, Gutachten über den Talmud von Prof. Paul de Lagarde, Prof. Delitzsch und Prof. Cohn in Marburg einzuholen. — In Berlin hat sich, wie die „Zukunft" berichtet, in Kreisen der studirenden Jugend ein Verein gebildet, dessen Mitglieder, auch wenn sie nicht verpflichtet sind, in Kriegsfällen mit ins Feld ziehen sollen, um Verwundete zu pflegen. Juden werden als Mitglieder nicht angenommen. Würden doch die Studenten zunächst lieber daran denken die Geisteswunden zu heilen, die der Antisemitismus geschlagen, denn Leidende an Geist bedürfen auch Pflege und Heilung. — In Thüringen wurden in letzter Zeit viele antisemitische Pamphlete verbreitet. — Am 2. December hielt Herr Hofprediger Stöcker in Berlin einen Vortrag über „die verschiedene Arten des Antisemitismus". Er sagte unter Anderen: „So lange der Semitismus in seiner schlimmen Art unter uns existirt, so lange wird auch der Antisemitismus nicht entbehrlich sein. — Auf einer Seite sind die Juden Vertreter der kapitalistischen Anschauung und erregen durch die rücksichtslose und massenhafte Anhäufung von Reichtümern die Unzufriedenheit des Arbeitsstandes; auf der andern Seite schicken sie ihre Emissäre ins sozial-demokratische Lager zur Organisirung des Umsturzes. Wir in der Berliner Stadtmission, wir Pflegen auch Katholiken wenn wir ihnen begegnen. Wenil an unser Asyl für entlassene Gefangene ein Jude klopft, so nehmen wir ihn auf- Ich habe selbstverständlich nie ein Wort des Hasses oder der Abneignung gegen den Glauben der Juden ausgesprochen. Von Böckel sagte Herr Stöcker in demselben Vortrage: Ein solcher Antisemitismus schadet dem Christentuin und nützt dem Judentum. Solche Mitkämpfer kann man nicht brauchen; sie bewirken, daß die Bekämpfung des Judentums allen Credit verliert. — Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt in Bezug auf die christlich sociale Partei „Vom Antisemitismus, welcher allein der Sauerteig der christlich socialen Bewegung in Berlin sei, müssen sich weitere Kreise fernhalten." — Bei der Be-