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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-06-01 · Heft 6 (1.6.1883) · p. Seite 136

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 6 (1.6.1883)
Date
1883-06-01
Page
Seite 136 (sequence 16)
Language
German
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136 Wäre es vergönnt, wie von Bergeshöhen herab in's Thal, so aus den lichten Tagen einer leider noch fernen Zukunft herabzublicken auf unsere Zeit, sie würde uns in vielen Punkten so erscheinen, wie uns heute das Mittelalter in seinen düstersten Abschnitten. Überlassen wir die Verurteilung des Vorurteils der Zukunft und halten wir uns heute an die eine Frage: welche Mittel haben die jetzt davon Betroffenen anzuwenden, um ihrerseits dem heillosen Zustande zu begegnen? Die Judenfrage, wie man sie heutzutage ebenso rechtswidrig wie verfassungsfeindlich aufgebauscht hat, führt zu einer Frage der Juden, zu einer Frage, die sie selbst an sich richten müssen. Vor allem die: was sind die Juden? Diese Frage erscheint oberflächlicher Betrachtung sehr überflüssig. Mindestens in den Augen ihrer Gegner. Bei näherer Prüfung indeß selbst da nicht. Denn tagtäglich hört und liest man von Kornjuden, Börsenjuden, Kleiderjuden, Wucherjuden, Zeitungsjuden in einem weiteren, Juden und Christen umfassenden Sinne. Der Judenfeind bezeichnet mit dem Wort jüdisch alles ihm Widrige, bös, häßlich, gemein Erscheinende. Ja, im Mittelalter hat man sogar die Frage gestellt: ob die Juden Menschen sind? Man schrieb gelehrte Abhandlungen an Judaei sint hommes gerade so, wie man damals die Frauen derselben Frage unterstellte. Und man hatte Anlaß zu solcher Judenfrage, ob die Juden Menschen sind, um durch dereu Verneinung ihre unmenschliche Behandlung zu rechtfertigen. Was sind nun aber die Juden? Sind sie ein Volksstamm? Bilden sie eine eigene Nationalität? Ja, vor Jahrtausenden in Palästina, ja vor Jahrhunderten in den Ghetti, ja heute noch überall da, wo sie gesetzlich verachtet und geächtet sind, in den barbarischen Ländern. Nein aber, sie sind kein Volk mehr, in allen Culturstaaten, vor Allem, was hier allein in Frage kommen soll: auf deutscher Erde. Schon seit hundert Jahren sind sie Deutsche geworden, seit Moses Mendelssohn ihnen die Bibel ins Deutsche übersetzt hat. Der Germanisirungsprozeß ging langsam, aber sicher von statten. Er fand Widerstand von außen und von innen. Von dorther wies und stieß man sie zurück. Daheim eiferte der Fanatismus wider jedes deutsche Buch, deutschen Brauch und deutsche Bildung. Aber beiderlei Gegner wurden überwunden. Schon im Mittelalter Mten die Juden dem Grundsätze gehuldigt: Oirsebu schelonj hamalchuss — sorget für die Wolfahrt des Reichs, in dem ihr wohnt — schon in den düstersten Jahrhunderten haben sie ihre Teilnahme an den Geschicken des Landes, der Stadt, in denen sie lebten und litten, bekundet, wie z. B. in Prag, wo sie im dreißigjährigen Kriege ihre Vaterstadt gegen die Schweden vertheidigten, wofür sie die heute noch auf ihrem Gemeindehause befindliche Glocke erhielten. Ja, in dem Judendeutsch, das die im Mittelalter aus Deutschland nach Polen und Rußland vertriebenen und gewanderten Juden dahin getragen und das ihre späteren Nachkommen heute noch sprechen, kennzeichnet sich schon eine gewisse Anhänglichkeit der Juden an Deutschland. Ein jüdisches Volk gab es in Deutschland nicht mehr von dem Augenblick an, wo der große Assimilirungsprozeß begann, der die Thore der Ghetti öffnete und den Juden deutsche Bildung zuführte. Heutzutage, da die Juden rechtlich und verfassungsmäßig deutsche Staatsbürger sind, von ihnen als einem besonderen Volke zu reden, widerspricht den wesentlichsten Voraussetzungen des Volkscharakters.

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