Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1868-10-01 · Heft 1 (Oktober 1868) · page 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1868-1869)
Issue
Heft 1 (Oktober 1868)
Date
1868-10-01
Page
– (sequence 72)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933206-2933208--11327-2968823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

72 Angela. Es war, als hätte der Andere den momentanen Zweifel in des Freundes Brust errathen. Er harte die Pfeife eben ausgeraucht, nun legte er ne bei Seite, griff in die Tasche seines ziemlich langen Nockes, zog die goldene Tose heraus, reichte sie mit zierlicher Verneigung zuerst seinem Wirthe, athmete daun selbst eine gehörige Portion Rape ein und begann in ernstem salbungsvollen Ton: ״Ich theile die vsefühle und Befürchtungen meines verehrten Herrn Amtsbruders in vollem Maße. Schon seit langer, langer Zeit habe ich darüber nachgedacht. Wahr ist's, unsere heilige Sache in in Gefahrund mir ihr ist' unsere Stellung gefährdet, ja unsere ganze Eristenz. Es war eine schone goldene Zeit, zu der wir noch allein ein Monopol Hallen auf Bildung und Intelligenz, zu der unsere Gegner noch Jeden, der ein rein deutsches Wert aussprach, als Abtrünnigen von sich stießen. Doch jene schönen Zeiten sind nicht mehr. Ein neues Geschlecht wächst heran, selbst in den errhcdorcsten Kreisen blüht Wissenschaft und Bildung und hierin sind wir ihnen durchaus nicht mehr voran. Aber cs ist noch ärger; während im Lager unserer Feinde Muth und Eifer beständig wächst, obgleich sie ihn bis jetzt noch nicht gegen uns wenden, erlahm: und erkalte: er in unfern Kreisen. Nur unsere Priester sind neck begeistert für nufere Sache, die Mehrzahl unserer׳ Anhänger aber wird lau und indifferent. Ter in prachtvoller Majestät sich erhebende Tempel, der wohlgeordnete Gottesdienst, ja selbst die bestrickenden Klänge der Drgel — Alles har seinen Reiz verloren, Alles ist ihnen schon etwas Altes. — Es muß etwas geschehen! — Das habe ich mir längst gesagt, es muß etwas geschehen! — Aber was? ־־־ Mit diesem meinem Hirn", er beschrieb mit dem rechten Arm einen weiten Bogen und senkt die Spitze des rechten Zeigesingers auf die Nasenwurzel, ״mit diesem meinem Hirn", wiederholte er mit gehcbener Stimme, ״habe ich Tag und Nacht über diese schwere, schwere Frage gedacht und gegrübelt und ich hoffe zu Gott, daß es mir gelungen, ihre Lösung zu finden." Er hielt einen Augenblick innc und holte tief Athem. Ter Andere lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit. ״Auch ich," bemerkte er, ״habe über diese Frage schon oft nachge'onnen, aber —" er zuckte die Achseln. Sein Freund schien indessen diese Bemerkung gänzlich zu überhören, wenigstens ohne sic zu beachten, fuhr er-sort:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.