Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1884)
- Article
- Nihilismus und Judentum
- Date
- 1884-12-25
- Page
- 831 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933100-2968690--17530-2968727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
831 müssen, unsere Familie rein halten müffcti von jedweder Verbindung mit niedriger Stehenden, daß —" ״Ihre Schwester ist getauft'? —" fragte Frau Lewinski. ״Ach, du lieber Gott ja, — freilich ist sie getaust", seufzte Irene, ״ist das nicht entsetzlich'? um der Ehre willen, der hochadeligcu Familie anzugehören, seinen Glauben opfern, seine Religion verschachern'? — Ach, wenn unsere liebe gute Großmama noch leben würde, dann wäre' ich nicht so namenlos unglücklich, dann wäre alles anders, ^)tataUc hätte keinen Christen heirathcn dürfen, und Alles wäre gut. — Ach, die war ja so fromm! so fromm! denken Sic sich, am Sabbath hat sie keinen Bries selbst ausgemacht, hat kein Geld augerührt, nicht einmal, um einem Armen Almosen zu geben, und war doch die personisizirte Wohlthatigkeit. Ich erinnere mich noch, als Kind da durften wir auch am Sabbath nicht fahren, nicht schreiben, leine Blumen pflücken und noch vieles Andere nicht Papa hat streng darauf gesehen, wahrscheinlich, weil er gewußt hat, wie die Großmaina darüber denkt. Nach und nach ist das freilich anders geworden, ab»r unsere gute fromme Großmama hat davon nichts erfahren' dürfen, obgleich sie bei uns im Hause gewohnt hat. Aber sie war schon alt und schwach und ist gar nicht mehr anS ihren Zimmern heraus gekommen. Und an Ostern, da hätten Sic sehen sollen, wie es bei ihr auSgcschcn hat! Da sind alle Schränke und alle Wörter mit weißem, ausgezacktem Paar beschlagen worden und während der ganzen acht Tage ist kein Stückchen Brod in ihre Zimmer gekommen, auch nicht das kleinste Krümchen. Und einmal, ich erinnere mich noch als ob es heute geschehen wäre, es war Ostern, iinb unser Arthur, er wird damals ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein, kommt aus der Schule, denkt an nichts und will mit seinem Bntterbrod in der Hand hinauf zur Großmama gehen. Unglücklicherweise — oder sollte ich vielleicht lieber sagen glücklicherweise, kommt ihm Papa entgegen und fragt ihn, wohin er will. Und wie er sagt, zur Großmama und Papa das Butterbrod sicht, gerüth er dermaßen in Wuth, daß er ihm eine furchtbare Ohrfeige versetzt. Der arme Junge wäre beinahe die Stiegen hinuntergcfallen und hat geweint und ans der Nase geblutet — es war wirklich arg. — Aber darin hat Papa recht gehabt, wenn Großmama das Kind mit dem Butterbrod gesehen hätte, das wäre noch weitaus ärger gewesen. — Ach, wenn die liebe, gute Großmama noch leben würde, dann wäre alles anders, denn das hätte man ihr nicht verschweigen können, daß Natalie sich hat taufen lassen und einen Christen geheirathet hat. — Und ich soll dafür geopfert werden! Denken Sie sich diese entsetzliche Ungerechtigkeit! — Aber ich werde eS mir nicht gefallen lassen! nein! nein! und abermals nein, so wahr ein Gott im Himmel lebt, der die Kinder den Eltern nicht überliefert hat, auf daß diese das Herz ihnen brechen —" Hochanfgerichtct stand sie da, die lang herabwallenden blonden Locken schimmerten im Sonnenglanz wie das reinste Gold, die großen, dnnkelen Augen schleuderten Blitze — eine vollendet schöne Mädchengestalt. Doch die Ausdrucksweise, das ganze Gebahrcn des jungen Mädchens hatte etwas Theatralisches. Frau Lcwinöki wandte sich ab, das Lächeln zu verbergen, das vollständig zu unterdrücken sic nicht vermochte. Da suhlte sie sich plötzlich von weichen Armen umschlungen. ״Liebste, beste Frau LewiuSki, Sie sind so gut, so unendlich gut, ich bin überzeugt, Sic werden die Bitte einer Unglücklichen, einer Verzweifelnden nicht abschlagen." ״Wenn cs in meiner Macht steht, sie zu erfüllen, gewiß nicht, liebes Fräulein." ״Ich wußte cs ja, Sic sind ein Engel, sind der Schntzgcist unserer Liebe. Nicht wahr, beste Frau LewinSki, ich darf unserem Jean sagen, wenn AlfonS kommt, daß er ihn hier herein führt und mich benachrichtigl'?" ״Und in meiner Wohnung wollten Sic gegen den Willen Ihrer Eltern Herrn Di׳. Lilienthal empfangen? bestes Fräulein, Sie fordern mehr als ich gestatten darf." ״Versteh' ich Sie recht?" rief das Fräulein im Tone schmerzlichsten Erstaunens. ״Sie schlagen meine Bitte ab?" ״Ich darf nicht die Hand dazu bieten, daß eine junge Dame gegen den Willen ihrer Ellern —" ״Aber Alfons ist mein Verlobter, ist mein Bräutigam —" ״Nach Ihrer Schilderung haben Sie allerdings Ursache sich zu beklagen, das sehe ich ein, und darum hoffe ich auch, daß es gelingen wird, Ihre Eltern zu bestimmen, das Sic so schmerzlich treffende Verbot zurück zu nehmen. Wenn es Ihnen recht ist, versuche ich cs — ich müßte sclbstverstänglich Ihrer Frau Mama sagen, was Sie mir mitgethcilt haben." ״Dank, tausend Dank, beste Frau Lewinski, Sie sind ebenso weise als gütig. Mama gicbt auch so viel auf Ihren Nath. Wenn cs irgend Jemandem gelingen könnte, meine Eltern zur Raison zu bringen, so sind Sie cS — aber schwer wird es halten, wir dürfen uns keine Illusionen machen —" (Fortsetzung folgt.)