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Jeschurun · 1884-12-18 · Heft 51 (18.12.1884) · p. 808

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 51 (18.12.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-12-18
Page
808 (sequence 2)
Language
German
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808 im nächsten schon, die Tänschung erkennend, in die belogen habe, hochgnadigcr Herr, so soll mir die Sonne vcrzwciflungsvollstc Hofsmmgslosigkeit znrückznsinkcn. auf den Kops herabfallcn und Krähen sollen mir^ bu Sie wälzte sich am Boden, riß sich ganze Haarbüschel lebendigem Vcibc die Augen aus hacken. Aber ich flehe aus und lief dann wieder thalwärls. unterthänig, goldener, großmächtigcr ׳Herr, laßt mich * * los, meine Truppe ist schon weit voraus und wenn Der kürzeste Weg von Prcßburg nach S—ist ein schmaler Pfad, welcher mitten durchs Gebirge führt. Er schlängelt sich durch Wälder und Thäler, über hohe Berge und schroffe Felsen. Er windet sich am Saume manches hohen Abgrundes, zwängt sich oft zwischen zerklüftete, himmclanstrcbcnde Fclsenwände, wo der Himmel den in der Tiefe Wandelnden wie ein schmales Baud aus Himmel blauein Arlas erscheint, und ruancher schäumende Sturzbach dnrchschncidet ihn mit seinem schmalen Bette. Wer diesen Pfad wählt, der muß gefaßt sein, Berge zu erklimmen, Fclssprünge zu übersetzen und Bäche zu durchwaten. Ans diesem Pfade, eine Stunde weit von S—z, taucht um die neuule Bor- Mittagsstunde ein Reiter auf, staubbedeckt und schweißtriefend. Dicke Schanmflockcu fallen seinem edlen Thierc vom Maule, wenn cs zu erneuter Schnelligkeit ansholend den Kops in die Höhe wirft und ins Gebiß knirscht. Der Reiter ist nur leicht bewaffnet und in dem hohen Neitcrsticfc! steckt ein weißes Fähnlein, dessen Flagge um den Stab gewickelt ist. Oft blickt der Reiter besorgt zum -Himmel aus, wo die Sonne schon zieutlich hoch steht, und nach einen! jeden solchen Aufblicke drückt er feinem Pferde die Sporen in die Weichen, es zu schnellerer Flucht antreibend. Jetzt bringt er das jagende Pferd mit einem jähen Ruck zum Stehen. Nathlos überlegt er, welchen der vier sich abzwcigvnden Waldpsade er wohl wählen soll, als sich ihm ein Zigeuner naht und ihn um ein Almosen anbcttclt. Froh holt der Reiter ans der Tasche seines Kollers eine Münze und wirf! sie dem Zigeuner hin. ״Bist Du hier des Weges kundig?" fragte er dann. ״Jawohl, zu Gnaden, hochcdler -Herr," erwiderte der Zigeuner, sich dehmüthig krümmend. ״Wie weit istS noch von hier bis S—z?" ״Eine Stunde, hochcdler, gnädiger -Herr." ״Und welcher von diesen vier Wegen ist der richtige?" ״Dieser da, hochedler, gnädiger -Herr. Geruhet' nur auf diesen! Wege da sortzurcitcn, und ihr müßt noch vor einer Stunde im gewünschten Orte sein." ״Der Zigeuner wollte sich wieder entfernen, aber der Reiter hatte sich rasch im Sattel vvrgcbcngt und ihn am Kragen erwischt. ״Und ist der Weg, den Du mir bezeichnet hast, auch wirklich der richtige?" Der Zigeuner zuckte heillos erschrocken zusammen. ״So — so wahr mein Vater der größte Pferdedieb in ganz Ungarn war," stotterte er verwirrt; ״so wahr ist's, daß dieser Weg der richtige ist. Wenn ich Euch ich ihr nicht schnell nachcile, so erreiche ich sie nicht mehr und muß dann elend am Wege umkommen." ״Nichts da," herrschte der Reiter barsch, aus dcur Halfter eine Pistole hcroornehmend, ״Du wirst vor mcincin Pferde lausen und wenn ich nicht in einer Stunde in S—z bin, so schieße ich Dich nieder, hörst Du?" Der Zigeuner machte noch einige Versuche sich loszubitlcn, aber vergebens. Der Reiter kommandirte: ״Vorwärts'." und spannte den Hahn der Pistole. Der Zigeuner sah bald ein, daß sich da nicht spaßen ließe, er ergab sich also in sein Schicksal und begann zu laufen. Nur von Zeit zu Zeit warf er zaghafte Seitenblicke auf den Reiter und die Pistole. Eine Stunde mußte nach der Berechnung des Reiters bald um sein und noch immer wollte sich nicht die geringste Spur von der Nähe menschlicher Wohnstätten zeigen. Der Psad wurde immer unwegsamer und die Gegend immer wilder. ״He, Bursche," rief endlich der Reiter ungeduldig, ״sind wir bald am Ziele?" Der Zigeuner blieb stehen, blickte um sich, wie wenn er Plötzlich ans dem Schlafe geweckt würde und schlug dann die Hände zusammen. Er warf sich auf den Boden nieder und jammerte winselnd: ״Erschießt mich, reißt mich in vier Thcile, allmächtiger, gnädiger Herr — ich kann nichts dafür! Im Schrecken, den mir Eure Pistole eiugejagt hat, habe ich den Weg verfehlt — wir haben uns verirrt — thnt mit mit mir, was ihr wollt — ich kann nichts dafür!" Die Wuth des Reiters kannte keine Grenzen. Er riß sein Pferd in die Höhe und schon schwebten die furchtbaren Hufe desselben über den sich im Staube windenden Zigeuner, als er sich eines Besseren besann und wieder ablcukte. Wenn er den Zigeuner zertreten ließ, dann hatte er vollends keine Aussicht, sich seines heiligen Auftrages noch rechtzeitig genug entledigen zu können. Wer sollte ihn dann ans diesem Labyrinthe von Bergen und Thälcrn führen? Er begnügte sich also, vorläufig seine Reitgerte in den Nacken des Zigeuners nicdersansen zu lassen, worauf dieser mit einem!veithinschallenden Geheule anfsprang. ״Führe!!!ich zurück, Schurke," brüllte der Reiter, vor Wuth schäumend, ״und wenn Du nicht unter die Hufe meines Pferdes gelangen willst, so wirst Du Dich sputen muffen." (Fortsetzung folgt.)

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