Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1884)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1884-12-11
- Page
- 799 (sequence 2)
- Language
- German
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799 BrudcrS willen. Du weißt, er wünschte auch einmal! hinaus zu kommen in andere Länder." 1 Tolza fuhr sich mit der Hand über die glatte J Stirn, als wolle sic von derselben etwas verscheuchen. I ״Liebe Mutter," sprach sie nach kurzer Panse, ״ich! möchte Dich nicht gern nnnöthigcrwcisc beunruhigen, aber — aber ich glaube, ich müsse cs Dir doch sagen —" ״Was ist geschehen, liebes Kind?" forschte Frau Lcwinski ängstlich. ./Nichts ist geschehen, liebe Mutter, nichts, worüber Du zu erschrecken brauchtest. Alexander meinte nur, daß ihm der beständige Verkehr unseres Ignatz mit mit dem Hofmeister des jungen Grasen Orloffski nicht gefalle." ״Und warum nicht. Kind? ist der Hofmeister kein ordentlicher Mensch? — das könnte ich mir doch cigent-!ich nicht denken." ,,Das hat auch Alexander nicht gesagt," cntgcgnetc das junge Mädchen, ״im Gegenthcil, ich glaube, er hält ihn für ordentlich. Gestern am Strande machte er mich ans ihn aufmerksam, auf sein auffallend intelligeutcs Gestellt, aus dem jedoch ein tiefer Schmerz zu sprechen scheint. Warum Alexander den Umgang mit ihm für Ignatz nachthcilig hält, weiß ich eigentlich nicht — aber —" ״Du hast jedenfalls recht gethan, cs mir mitzutheilcn," erwiderte Frau Lewinski ernst. ״Alexander mag Recht haben — dennoch werde ich Ignatz nicht auffordcrn, den Verkehr mit dem Hofmeister zu deschränken. Verbotene Früchte sind am süßesten, verbotcne Bücher am meisten gelesen, verbotene Kameraden die interessantesten. — Ich denke," fuhr sie nach kurzer Uelierlcgung fort, ״wir werden unseren Aufenthalt hier abkürzen, das wird das beste Mittel sein, den möglicherweise nachtheiligen Verkehr zu unterbrechen. Aber da kounncn ja unsere jungen Herren. Guten Morgen, Kinder," rief sie den Eintretcndeu entgegen. Der eine der beiden jungen Leute war der uns bereits bekannte Ignatz Lewinski, der - Andere, Frau Lcwiiiski's Neffe und zukünftiger Schwiegersohn, Alexander Roscnfeld. TolzaS Bräutigam. Beide erwiderten den freundlichen Gruß, und während Ignatz sich an der Seite seiner Mutter nicdcrließ, wandte sich Noseufeld zu seiner Braut, die hold crröthcnd zu dem Verlobten emporschaute. Alexander war ein schöner hochgcwachsener junger Manu von 24 Jahren; sein geistvolles Antlitz von dunktem Vottbart umrahmt, ließ ihn jedoch um einige Jahre älter erscheinen. Seit ihren Kinderjahren hatten die beiderseitigen Eltern die jungen Leute für einander bestimmt, im vorigen Jahre war ihre Verlobung gefeiert worden, und unmittelbar nach ihrer Rückkehr in die Heiniath sollte die Vermahlung stattsinden. Als daher Frau Lewinski verkündete, daß sie sich entschlossen habe, im Lause der komnienden Woche die Heimreise anzutreten, sprang der glückliche Bräutigam hoch erfreut auf und brach in lauten Jubel aus. Lewinski's Augesicht verfinsterte sich jedoch zusehends, was indessen von Keinem bemerkt zu werden schien. ״Warum bist Dn uns denn gestern Abend durchgebrannt? Du Ausreißer, Du hast Dich als schlechten Kavalier gezeigt, wenn Alexander nicht da gewesen wäre —" ״Dann wäre ich auch nicht durchgcbrannt, ganz gewiß nicht, liebe Mutter. Aber cs war so drückend schwül im Saal, und ich habe es Alexander mitgetheilt, daß ich fort ging." ״Er hat uns auch sicher hcimgcleitct. Aber wo hast denn Du den Abend verbracht?" ״Ich war mit Herzkow am Strand, cs war Secleuchten, ein zauberhast schöner Anblick. Es hat mir nur leid gethan, daß Ihr nicht auch dort wäret." ״Ach, wie schade," sagte Tolza, ״ich Hütte cs so gern gesehen." ״Wir können doch noch einige Zeit hier verweilen, ich würde jeden Abend an den Strand gehen und mich danach umsehen, ob die See leuchtet, und würde Euch eventuell sofort benachrichtigen." ״llnd deshalb sollten wir noch einige Wochen hier bleiben?" lachte Frau Lcwinski, ״daraus wird nichts, nächsten Dienstag —" Sie ward unterbrochen, die Thür ward hastig aufgerissen, eine elegant gekleidete junge Dame stürzte ans Tolza zu, die sie laut weinend umschlang. ״Um des Himmels willen! Irene, was ist Ihnen?" fragte das junge Mädchen bestürzt. ״Ich bin das unglücklichste Geschöpf unter der Sonne," schluchzte die junge Dame, indem sie sich in ein Fantenil warf und das Antlitz in den Händen barg. ״Beruhigen Sic sich, liebes Fräulein," bat Frau Lewinski, sich zn ihr neigend, ״Sie sind heftig erregt, und in der Aufregung halten wir gar leicht ein kleines liebet für ein großes Unglück. Es wird mit Gottes Hülfe nicht so schlimm sein, wie sic glauben." ״Es ist entsetzlich!" schluchzte Irene, das thrüncnüberfluthcte Antlitz verzweiflnngsvoll gen Himmel wendend, ״nein, daS ׳überlebe ich nicht! das überlebe ich nicht!" ״Kind, Kind, so darf man nicht reden." (Fortsehung folgt.) Druckfehlerberichtigung. In Nr. 18, Kundgebung des Herrn ÄaLbiucr Hirsch zu Fraulfurt a. M.» in der Veile statt ״wurden" lies ״werden" und in dem hebräischen Texte, N. Veite, statt ו׳א׳ה׳יי׳ lies ו׳א׳ה׳ז׳.