Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-12-11 · Heft 50 (11.12.1884) · p. 792

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 50 (11.12.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-12-11
Page
792 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933098-2968517--17383-2968571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dein Wunsch gewährt sein," sagte der Graf, ״vnte! Dich aber, jene schmachvolle Thorheit zu begehen!"; setzte er dann mit schrecklicher 2timmc hinzu. ״Ich werde mir's merken," versetzte Engen, ״vcrgiß aber auch Du nichr, Vater, dag es von der gewissenhaslcn Erfüllung Deines Versprechens abljümjcit wird, ob Dtt noch einen Lohn Dein nennen kannst oder nicht. Ich werde über Alles genau unterrichtet werden, was hier vorgchl! Wenn die Juden gehen ft werden, eine Minute bevor am vierten Tag der Zeiger der Sonnenuhr die Mittagsstunde anzcigl, dann kannst ן Du um Deinen Lohn den Todtenschmans abhalten : und Deine Besitzungen der .Kirche vermachen." Ein schmetternder Fanfarcntusch drang jetzt vom! Hofe iws Gemach heraus und ermahnte Engen ansznj brechen. Lein Vater hatte ihm den Rücken zngc- : wendet und er lehrte sich nicht um uub sprach fein! Wort des Abschiedsgrußes, als ihn! Eugen r,Vcbc wohl!" j zu rief und sich entfernte. j Es tobte heftig in dem alten Ltarrkops. cs kostete! ihn einen harten Kampf. sich ein ge stehen zu müssen, daß eS ein Mensch wagen durfte, ihitt etwas abzuriitgcti. Es wurde in ihm sogar die eine und die andere Stimme laut, welche ihn verleiten wollte, über den Lohn den Ltab zu brechen. VII. ״Es tvar doch' ein wenig unüberlegt von Euch, gestrenger Herr," sagte der Pfarrer bei Gelegenheit zum Grafen, ״den! jttngcn Herrn sein.» sonderbaren Wunsch zu gewähren, denn so viel ich mir auch den K opf darüber zerbreche, kann ich dennoch nicht herausbügeln, was der Aufschub sonst für einen Zweck hätte, wenn cs sich nicht darutn handeln soll, die nöthige Zeit zur Einwirkung einer königlichen Begnadigung zu gewinnen." ״Wie oft soll ich Dir noch sagen, Pfarrer," entgcgnete der Graf heftig, ״daß diefc Befürchtung eitle Albernheit ist. Auch ich weiß nicht, was zum Kuckuck er damit haben will, aber wer wird sich denn darüber den Kops zerbrechen? — Das Eine jedoch sage ich Dir, ich habe ihin meine Meiltnng unzweideutig zu wissen gegeben, mtd das genügt, so wie er mich kennt, um ihn davon abznhalten." Der Pfarrer zuckte die Achseln. ״Der junge Herr Graf ist ein Schwärmer und hat einen harten Kopf, die heilige geschändete Kirche aber heischt unerbittlich die Bestrafung ihrer ketzerischen Beleidiger. Dann ist cS and) unsere heilige Pflicht, den Lündern das gefährdete Seelenheil .zurückzugeben, sic für die ewige Leligkeit zu retten, was nur dadurch geschehen kann, daß wir ihnen die gerechte und läuternde Strafe zu Thei! werden lassen. Meint Ihr nicht, hochcdlcr Herr, daß es für unser eigenes Seelenheil verderblich sein kann, wenn wir zugeben, daß so viele heilige und ernste Verpflichtungen durch eine nnnöthige Verzögerung der Gefahr der Bercitelung ansgesetzt sein sollen?" ״Mach' mir die Hölle nicht heiß, Pfarrer," sagte der Gras, sich mit den Fingern durch daS spärliche Haar seines halbnackten LchcitclS fahrend. ״Meinst Du denn, meine Brust sei schon so bar jeder menschliehen Regung, daß ich einer Kleinigkeit wegen das reden meines einzigen Kindes auf's Lpicl setzen werde? Freilich, Du weißt eS nicht, waS ein Kind seinem Vater bedeutet und noch dazu ein einziges! — WaS habe ich denn noch auf meinen alten Tagen außer diesen Lohn? Freilich den Glauben," — murmelte er kaum hörbar —, ״ja, ich habe mich immer bestrebt, ein treuer Lohn meiner Kirche zu sein, aber-— kurzum, die Inden werden gehängt, was liegt daran, ob cS heute oder morgen .geschieht?" Der Pfarrer fand es nicht rathsam, fernere Ein- Wendungen zu erheben, aber die peinigcndstc Unruhe wollte ihm nicht nichr anS den Kopf. Hah! — ein unreifer Knabe sollte mit verständnißloscr Hand daS! feine Netz zerreißen, welches er mit den! ganzen Auf-; geböte seiner Lchlanheit gewoben? Das durfte nicht ■ geschehen, oder der Pfarrer wäre nicht gewesen, was! er war! Trotz der UeberzengnngSfestigkcit des alten; Grafen konnte er sich seines Mißtrauens gegen Eugen nicht entledigen. Er war überzeugt, daß sich von Preß-; bürg ans ein Gewitter znsammenziche, welches seine! Pläne und Aussichten, diese Erfolge vieler Mühe und : Sorgen, mit der Vereitelung bedrohe und er traf seine : Maßregeln, um der Entladung dieses Gewitters vorznbeugen. — — Der verhängnißvollc vierte Tag begann unter Auspizien, die etwas Außerordentliches erwarten ließen.! Der Nachtwächter berichtete, daß er um die Miller- ' nachtSzeit über der Burg einen blntrothen Feuerschein j schweben gesehen. Etwas später sei ein glühender Regen l vom Himmel auf die Burg herabgesallen, und knapp vor! der Morgendämmerung wäre die drei glänzendsten Sterne! des Siebengestirnes zur Erde gefahren, lind dann dieser Sonnenaufgang! Die ältesten teilte behaupteten steif und fest, so etwas noch nicht erlebt zu haben. Bevor der Morgen anbrach, wurde es ganz dunkel, und dann, jäh und ohne Uebergang, schossen die purpurrothcn Strahlen der Sonne wie die Flammen eines Wellbrandes am Himmel empor und beleuchteten die Gegend, welche plötzlich, wie von Blut übergossen, ans der Finsterniß hcrvortrat. Es war cm gräßlicher Anblick, die gewaltigen Berge, die Häuser und Gassen, das Kirchthürmlein, die Menschen und Thiere — alles sah aus wie von Blnt triefend! Gortsctznng folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.