Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1884)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1884-12-04
- Page
- 783 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933097-2968461--17364-2968496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
783 Wliilismus und IttdentlZnm. Bon׳ Friedrich R 011. 110!*־׳ :Hcolilo r.sibolmlteit.) (Forlfthnng/׳ Es war Abend, sic l)attc die Kinder yar Ruhe gebracht auch im Hause war bereit? alles ruhig, als es leise an ihre Thür pochte und sic ihren Namen rufen Hörle, sie erkannte die Stimme des Grafen. .Um des .Fimmels willen kommen Sie rasch/ rief er ängstlich, .meine Frau ist ohnntächtig geworden, kommen Sie, helfen Sie!' Zn Tode erschreckt, denn sic liebte die gütige Herrin aufrichtig, eilte Katinka hinaus. .Wo-׳ stammelte sie, ,wo?׳ — .In meinem Ka bittet/ erwiderte der Gouverneur voranschreitend. Doch sic eilte an ihm vorüber, auf das am anderen Ende des langer! Korridors liegende Zimmer;1t. — Aber das Zimmer war leer. /Wo ist die Gräfin?׳ rief!ie angstvoll, ,wo?' Sie wandte sich und wollte zurück eilen, doch der Gras versperrte ihr den Weg, er stand mit dem Rücken gegen die Thür gelehnt. — ,Meine Frau scheint sich bereits erholt zu haben/ sagte er lächelnd, ,sie ist vermuthlich in ihrem Zimmer/ — Katinka hatte die Situation erkannt, .Lasstn /Sic mich hinaus!׳ ries sie flehend. — Er aber Lachte. .Heute cutkomnist Du mir nicht, Liebchen.׳ — Aber Katinka hatte MuH) und Geistesgegenwart, rasch entschlossen riß sie ein Jagdgewehr, das an der Wand hing, herunter und hielt es drohend ihrem Dränger entgegen. — . ,Nehmen Sic sich in Acht, es ist geladen!׳ rief dieser. — .Lassen Sic mich hinaus, oder ich schieße,׳' entgegucte Katinka. — Der Gouverneur mußte jedoch selbst nicht geglaubt haben, was er gejagt, daß die Waffe geladen; mit ausgcstrcektcn Armen wollte er ans meine Schwester zneilen, sie aber drückte an den Hahn und der Gras stürzte getroffen zu Boden; die Kugel war ihm in das Bein gedrungen. Rasch eilte Katinka an ihm vorbei auf den Korridor hinaus, die Stiegen hinunter. — Das ganze Haus war im Nu durch den Schuß in Bewegung gerathen, von alleu Seiten stürzten die Hauslcute herbei. In der allgemeinen Bctwirrung war es Katinka ein Leichtes, unbemerkt durch das Hausthor zu eutschlüpseu. Wie ein gescheuchtes Reh eilte sie, ohne sich nmzusihen, durch die nächtlich öden Straßen aus das Haus der Mutter zu. — Sie klopfte an das Fenster und ries die Thcnre und hatte rasch Einlaß gefunden. Entsetzt ob des Schrecklichen, das der Tochter gcdroht, umarmte die Mutter schluchzend das tapfere Mädchen. ,Aber Du mußt fort/ rief sie, ,fort auf der Stelle, sonst bist Da verloren.׳ Doch wohin in siusterer Nacht die beiden schwachen, hülsloscn Frauen? — Und Katinka war zu Tode erschöpft. Die furchtbare Aufregung, die Ueberrcizurig sowohl ihrer geistigen als ihrer körperlichen Kräfte, eine plötzliche Reaktion trat ein, ohnntächtig sank sie der Mutter in die Arme. Die schwache Frau konnte nichts anderes thun, als sie laben, und als Kalinka endlich die Augen wieder ausschlug und trotz des Zuredens der Mutter sich tticht aufzuraffen vermochte, mußte diese endlich selbst ihr zurcdeu, aus ein paar Stunden zu ruhen, sie werde inzwischen alles zu ihrer gemeinsamcn Flucht vorbcrcitcn. Katmla antwortete nichts, die Augen waren ihr wicderutn zugcfallen und bald vcrrtcthen ihre ruhig gleichmäßigen Athcmzüge, daß sie jchlummcrte. Die Mutter begann in namenloser Angst mit ihren zitternden Händen das wenige Geld, das sie besaß, und einige Hadscligkeiten, die sie leicht sortschafsen zu können glaubte, zusammen zu raffen, und entwarf dabei einen Plan zur Flucht, die sie in wenigen Stunden, sobald Katinka sich nur einigermaßen erholt haben werde, mit ihr autreten wollte, und dann trat sie wieder an das Bett, auf dem ihr Liebling schlununcrte, so sanft, so friedlich — 0 gewiß, ein solcher Schlummer mußte die Erschöpfte stärken, bald werde sie sie wecken können. — Doch plötzlich, noch graute der Morgen kaum, da vernahm sie gleichmäßige schwere Männerschritte die Straße entlang, ihrem Hause nahen — ihr war es, als stockte ihr Herzschlag. — Und plötzlich pochte cs an ihrer Thür: .Macht auf! im Rauten des Gesetzes!' — aber sic regte sich nicht, alles Leben in ihr schien erstarrt. Aber das Klopfen dauerte fort, Katinka war erwacht, sic sprang auf und schlüpfte rasch in ihre Kleider — da sprang die Thür schon auf, Bewafsnete drangen in das Haus, entrissen das wehrlose Mädchen den sie umschlingenden Armen der Mutter, die bewußtlos zu Boden stürzte. Als sie die Augen wieder ansschlug, fand sie sich allein — ihr Kind war fort — der Gouverneur hatte angegeben, Katinka habe ihn crntordcu wollen, weil er sich ihrer Heirath mit feinem Stiefsohne widersetzt. — Seit nahezu fünf Jahren schmachtet sie in Sibirien, l weil sie ihre Ehre gewahrt — , Mit bebender tonloser oft stockender Stimme hatte i Hcrzkow seine Erzählung zu Ende gebracht. Letvinski j war aufgesprungen in höchster Erregung, unwillkürlich! hatte er die Hand des Freundes ergriffen und sie mit! Macht gedrückt, zu sprechen war er nicht im Stande.! — Herzkow erwiderte den Händedruck nicht, sein Haupt war aus die Brust gesunken, sein bleiches Antlitz schmerz-! verzerrt. — Mehrere Minuten saß er wie abwesend j da. Endlich begann cr wieder, doch ohne das Haupt! zu heben, mit heiserer kaum vernehmbarer Stimme, j die Worte mehr hervorstoßeud als sprechend.