Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1884)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien, 28. November [Nachricht]
- Date
- 1884-12-04
- Page
- 781 (sequence 2)
- Language
- German
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78t am 21. d. MtS. bereit Depntirte unter Bortritt bc$ Advokitten 1)1־. \?trittc 11 ftcrn ans Prag im Kultusminiftc1־ium und am 2:1.• d. MtS. bei dem Bünister- Präsidenten. Baron Eonrad und Gras T aa ffe nahmen die Wünsche wohlwollend entgegen, und die ersten! Tage deS kommenden Jahres werden dem Reichsrathe in eifriger Besehäs!ignna mit der Regelung der Angelegen׳ heit sehen. Wad man will, läßt sieh in;wei Punkte zusantnrettfasseit: örtlichen Kultnsgetneittdezwang und ein mit unumschränkter Macht and 18 Personen destehendes k. k. israelitisches Konsistorium. Die Reform soll zur einzig anerkannten alleinigen jüdischen Religion erhoben und ihr der starke Arm ded Staats zur Berfngnng gestellt werden. Das Konsistorium soll eine Ablheitnng im Kultns- und Unterrichts Ministerium sein, es regelt endgültig alle Kultusnnnd Religions- Unterrichts Angelegenheiten. Ohne ausdrückliche Äpprobatiou dieser Behörde darf in Oesterreich nicht gebetet und gelehrt werden; alle inneren Streitfragen innerhalb der Gemeinden sinden vor dem Forum des Koitsistorinms ihre inappellable Bescheidung. — So der Plan der Reform, dem die höchsten Organe der Regiernng freundlich gegennberstehen. Einige reformistische Barone, Großhändler. Advokaten, Aerste. Prediger werden das jüdische Konsistorium bilden und Wien der Sitz dieser mvnstriösen omnipotente Behörde sein. Schon seit Jahren zwitschern es die Sperlinge ans den Dächern, nur die Orthodoxen hören es nicht; sie schlafen. -- Wie lange noch wollet Ihr schlafen? Erhebet Euch aus Eurer Ruhe. Der Feind ist bereits an die Rampe Eurer Burg erschienen mit gewaltiger Kriegsmacht; soll er Euch im Schlafe gefangen nehmen? Stellet Eure Mannen ans, ivecket Eure Feldherren! Es gilt den Bertheidignngstampf, den Kampf um das Heiligste; versäumt Ihr die Zeit, so legt Euch zu Euren Lötern und nehmt das heilige Natcrcrbc mit in's Grab. Für das Indenthunt ist kein Boden mehr in Oesterreich, wenn Ihr jetzt das Feld feige räumt. Aber wo sind die Männer, wo ist die Begeisterung für Gott und Sein Gesetz?? O, das; ich die Kraft Härte, den Ruf: das Indenthnm ist in Gefahr! durch alle Gemeinden erschallen zu lassen, daß die Sehlmnmernden anfgernttelt würden und sie den Abgrund ge-- wahrten, an welchen ihre fast sträfliche Sorglosigkeit und Ruhe dos Indenthum gebracht, das; sie sich endlich ermannten zum kräftigen frischen handeln und sich und ihre Kinder von dem Verderben retteten! g. Wien, 22־. November. Die vom ungarischen Ministerpräsidenten in seiner Großwardeiner Rede angekündigten Ansnahmemaßregeln, welche 11. A. auch gegen die antisemitische Agitation gerichtet werden sollen, werden wohl zunächst, der ״Pol. Eorr." zufolge, unterbleiben, da diesbezügliche Borlagen erst in der zweiten Reichstagssession eingcbracht werden sollen. R utzl and. g. Kurland, 30. Roveinber. Ein Gcschästsfrennd sendet mir den Ausschnitt einer angesehenen Berliner Zeitung, eine Schilderung der Kommunal- Verhältnisse der Ostseeprvvinzen enthaltend. Der Benchtcrstattcr ist den Inden nicht gut gesinnt, und er möchte ihnen sehr gern die Misere der Mißwirthschaft in die Schuhe schieben. Wie wenig ihm das gelingt, wie selbst nach seiner Darstellung nicht den Inden, sondern ganz anderen Faktoren die Schuld trifft, mag die unverkürzte Bütt Heilung dieses Berichts ergeben, den ich hier folgen lasse: ״In den großen und größten Städten sind oll diese Posten, das Stadthanpt, der Stadtsekrctär und Gerichtsvogt, gut besoldet und die Herren ihrer Ausgabe gewachsen. — In den kleinen, von Juden überschwemmten Städten wird gar kein Geld für diese Aenitcr bewilligt. Oie Folge ist, daß der anständige Handwerker und Bürger 11111 keinen Preis ein Amt annimmt, das ihn von seinem Berufe abzieht und gar kein Aegnivalent bietet. Endlich findet sich ein herabgekommener Handwerker, um die Polizei zu übernehmen; verschuldet und verkommen tritt er den Posten an: er hat ein weites Her; und eilte offene Hand, nach vier Jahren ist er in der Regel HanSbesitzet־ und Rentier. In der Stadtverordneten-Bersammlnng zu T. wurde kürzlich dem Gerichtsvogt Herrn S... vorgeworfen, daß er für zwei Schnäpse käuflich sei, alle Stadtväter riefen Bravo! Ein Unikum geordnetet־ Stadtverwaltung bildet das im 17. Jahrhundert durch seine kampfesmnthige Ritterschaft derühmte Städtchen Pilten im Norden Kurlands. Pillen ist jetzt ein ganz verkommenes Indennest. Nichts desto tveniger ist es ״Stadl" und hat zwölf Stadtverordnete. Nun dürfen gesetzlich nur ein Drittel dieser Herren Ebräer sein. Hieraus erwachsen stets die größten Schwierigkeiten, da wohl Ehristcn in Pillen seit Jahren nicht zu sinden sind. Man wählt also benachbarte Arreudatoren oder Schmiede, und Tischler eines nahegelegenen Gutes; für einige Visitationen werden die Herren Bürger der Stadt; ja der Gerichtsvogt (ein Tischler) ist sogar ״Ehrenbürger", da er diese Auszeichntntg verlangte, falls er die Polizei unter dem ״depravirten Volk" ausüben sollte! Ich übertreibe nicht, cs siltd Thatsachen. die ich erwähne. Unter solchen Umständen ist der Stadtsekrctär ziemlich Tyrann von Mottenburg, da er der einzige ist, der korrekt lesen und schreiben kann. Bei Abfassung der Protokolle geht! eS mitunter kontisch zu. — Als Manassem ins Land! kam, ergriff ein panischer Schrecken die Väter einzelner! ״Städte". Eine Unzahl Akten lag halbsertig, bei vielen