Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-12-04 · Heft 49 (4.12.1884) · p. 774

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 49 (4.12.1884)
Article
Betrachtungen über den Religions-Unterricht
Date
1884-12-04
Page
774 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933097-2968447--17330-2968487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jiiljvtcn die Ucbcrjcugimfl gewonnen haben, daß ich fein blinder Jaudator tempons acii bin, daß ich vielmehr mich redlich bemiihc, der Vergangenheit und Gegenwart gerecht zu werden. Wenn ich in der mangelhaften Pflege nnd Perbrcitnng religiöser Erkenntniß einen Fehler der Vcr-! gangen heit beklage, welcher sich an der gegenwärtigen Generation nur allzusehr gerächt hat. so kann der )kcuzeit der viel gewichtigere Vorwurf nicht erspart bleiben, daß der Religionsunterricht, wie er sich in den meisten der mir bekannten Verhältnisse gestaltet, in keiner Weise dem Ziele und den Bedingungen enrspricht, für welches nnd unter welchen er crthcilt werden soll. Ich bin mir vollkommen der Tragweite des Vorwurfs bewußt, welchen ich hier ausspreche, und der Mißbilligung, der ich bei vielen meiner Kollegen damit begegne. Aber ich bin ebenso von der Ucberzeugnng durchdrungen, daß gar viele wackere Genossen und Freunde ans dem Vcljrcrftaiibc mit mir vollkommen übcreinslimmcn. Doch ich habe mich wohl eingehender über Ziel und Bedinaungcn, sowie über Inhalt des heutigen Rcligions- Unterrichts auszusprechen. Was sii das Ziel des Religionsunterrichts? Die uothweudige Kenntniß der indischen Religion der Jugend zu gewähren — darüber dürfte wohl keine Kontroverse herrschen —, aber auch darüber nicht: um sie zu einer unverbrüchlichen, grwissenhastcn Befolgung des ganzen indischen Religionsgcsctzes für das ganze Leben zu gewinncn?? Ucbcr den Umfang der nvthwendigen Kenntniß in der jüdischen Religion herrschen die verschiedensten Ansichten bei Eltern, Gemeinden und — leider — auch bei Lehrern. Ich bekenne, daß ich bei der Abfassnng dieser Zeilen nur diejenigen Lehrerkreise i1!1 Auge habe, welche sich nicht in den Dienst der Elternnnd Porstandslanncn stellen möchten, nnd selbst in vollster und innigster Uebcrzengmig nnd in praktischer Bclhätignng ans dem Boden des orthodoxen Judenthttms stehen, welche schmerzlich berührt werden von dem Widerspruch, in welchem das Leben nnd die Anschaunng des HanscS mit den Lehren stehen, die dem Kinde von dem Religionslehrer crthcilt werden sollen, und entrüstet die nicht allzu seltene Zumnthung znrückweiscn. den Kindern ein Indcnthum nach der Approbation der gnädigen Frau Mama oder des gestrengen Herrn Papa zu lehren. ״Unsere Kinder sollen die hauptsächlichsten Stücke der Religion, das eigentliche Wesen der Religion kennen lernen", sprechen Ellern nnd Gemeinden zu dem Lehrer, ,,also nehmen Sie mit ihnen die Glaubenslehren durch, berühren Sic jedoch das Zercmonialgcsetz nur in ganz allgemeinen Umrissen, damit, Gott bewahre, kein Konflikt zwischen Schule und Haus entsrcht nnd den Kindern die Eltern als Gesetzes- Verächter erscheinen müssen" — so hört man ja vielfach reden, nnd nach dieser Vorschrift wird vielfach die Medizin des Religionsunterrichts rczcptirt, und zwar täuschen wir uns doch nicht, auch von keineswegs leichtfertigen Lehrern. Was sollen diese solchen Anforderungcu gegenüber beginnen, wie sollen sic es einrichten, wenn mau ihnen nur zwei, drei oder ,clbst vier wöchent« lichc Stunden zur Verfügung stellt, und dabei genau den Lehrplan vorschrcibt? Hebräisch Lesen, Uebcrsctznng der Pslichtgcbcte, biblische Geschichte, für die erste Stufe; hebräische Grammatik, Uebersctznng der Pflichtgebcte und ansgewählter pentatenchischcr Stücke, biblische Geschichte, Glaubenslehre für die zweite Stufe; dasselbe Pensum nebst nachbiblischcr Geschichte, systematische Uebersicht über den Bibelinhalt für die dritte Stufe; eine jede Stufe zwei bis drei Jahre umfassend. Steht da nicht der Ncligionslchrer in dem Dienste der Gewissenlofigkeit der Eltern und Gemeinden, soll da nicht der Religionsunterricht den Deckmantel für den Abfall nnd die Irrlehren weben, dem der Konfirmandcnuntcrricht und die Konfirmation die fadenscheinige Verbrämung und den nnächtm, falschen Schmuck mit trügerischem Schein anhcftct? Sieht der gewissenhafteReligionslchrer seinem Unterrichte so nicht die engsten Grenzen gezogen und das hohe Ziel, welches er sich setzen möchte, nicht nur in nnerreichbare Ferne gerückt, sondern sich überhaupt auf eine Lahn gestoßen, welche zu einem ganz anderen Endpunkte führen soll? Nicht Kenntniß des Inhalts .des Indenlhums und die Uebcrzcugnug von der Verpflichtung zu dessen Ersüllung ist das Ziel, sondern die gänzliche llnkeuntniß dieser Verpflichtung, die skrupellose Uebcrlrctung der Rcligionsgcsctzc — nnd für ein solches hat derNeligionslchrer zu wirken! Die Schamröthe steigt mir bei diesem Gedanken in's Angesicht'— aber cs ist leider nun einmal so. Ausgleichung der Lehre und deS Lebens, der Religion und Aufklärung, des Iudenthnms und der modernen Bildung, so nennt man dieses srcvcntlichc Werk. — ״Wir haben eine ausgezeichnete NeligionSschule", rühmen die Eltern, wenn sic am Konsirmationstage ihren ausgezeichnet bestandenen konfirmirten Kindern die unjüdische Festtafel Herrichten, nnd Rabbiner und Lehrer beglückwünschen sich ebenfalls über ihre gedeihlichc Wirksamkeit, dank welcher ״in unserer aufgeklärten, friedlichen Gemeinde" die ״frömmste", wie die ״freisinnigsten" Eltern — sogar Kommerzienrath X und ׳Rechtsanwalt Lj — ihre Kinder ait dem Rcligiouö- und Konfirmandennntcrricht thcilnchmcn lassen! Ein gedankenloseres Gebühren, einen größeren Hohn auf Religion nnd Unterricht kann man sich kaum Vörstetten. -Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.