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Jeschurun · 1884-11-27 · Heft 48 (27.11.1884) · p. 767

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 48 (27.11.1884)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1884-11-27
Page
767 (sequence 2)
Language
German
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767 nicht trennen zu können von hem Leidenden, bis dieser ' endlich nicht unfrenndlich aber heftig mir bcfnljl, die Schwester zum Palais be* Gouverneurs zu geleiten. 'Auch ich empfand es schmerzlich, den so schwer Leidenden, , wenn auch nur aus eine tjalbc Stunde, verlassen zu müssen. Doch ich konnte die Schwester nicht allein gehen lassen und die Unruhe meines Paters schien durch ihre Gegenwart von Minute zu Minute sich zu steigern. Ich drängte daher selbst meine Schwester, um des Paters willen sich zu beeilen. Das arme Mädchen war so ausgeregt, daß sie eS nicht wagte, den Pater wie gewöhnlich zu umarmen, sie drückte nur seine Hand au ihre Lippen und eilte hinaus; ich folgte ihr. Zn unglaublich kurzer Leit legten wir den Weg zum Palais zurück, fast ohne eine Wort mit einander gewechselt zu haben. ״Nun eile, daß Du wieder heim kommst," sagte Katiuka, indem sic uiir ihre -Vaud reichte. ״Und. morgen mit dem Frühesten tässest Du eS mich wissen, wie cS dem Pater geht." Ich versprach'S und eilte heim. Als ich die Thür dcS Krankenziinmers öffnete, winkte mir die Mutter, die wie gewöhnlich am Bette des Paters saß, und leise, aus den Fußspitzen schleichend, trat auch ich näher. Der Kranke schlummerte dem Anscheine nach vollkommen ruhig — Stunden laug saßen wir au seinem Bette, er regte sich nicht, er schlummerte fort — er ist nie wieder erwacht — Herzkow's Stimme war leise, fast flüsternd geworden, doch -er unterbrach sich nichtals schäme er sich seiner Erregung, sprach er gleich darauf weiter, doch mit rauher harter Stimme. ״Mein Pater war tobt — nun, wir müssen Alle sterben — das ist nun einmal so in dieser herrlichen Gotteswelt — Es lag ein nnsäglicher Hohn in den letzten zwei Worten, unwillkürlich wandte sich Lewinski ab, Hcrzkow beachtete es nicht. ״Mein Pater war in seiuent Bette gestorben — und doch, es war kein natürlicher Tod, es war die Folge der unmenschlichen Behandlung im Kerker. Er starb, kaum fünfzig Zahre alt. Früh am Morgen war ein Bote von meiner Schwester gekommen, sich nach des Paters Besiuden zu erkundigen. Ihre Perzweis- Inng, als sie die Unglückskunde erhalten, soll grenzenlos gewesen sein. Die Gräfin bemühte sich umsonst, ihr Trost zuzusprechen׳ und wich den ganzen Tag nicht von der Seite der Berzweiselnden, die sie mit wirklich mütterlicher Liebe in ihr sanftes Herz geschlossen. Während sie unablässig um Katinka bemüht war, trat ein junger Manu in das Zimmer; mit lautem Freudenschrei eilte sie aus ihn zu, ihn zu umarmen, es war ihr einziger Sohn aus erster Ehe, Baron Alexander Platow, der sie durch seinen Besuch überrascht hatte. Der Baron war der echte Sohn seiner Mutter, menschenfreundlich und warmherzig. Als er die Trosteswortc hörte, die sie an das weinende Mädchen richtete, empfand auch er aufrichtiges Mitleiden mit derselben, obgleich er ihr reizendes Antlitz noch nicht einmal gescheu. Doch er verweilte mehrere Wochen im Hause seines Stiefvaters, mehrere Wochen unter einem Daehe mit dem schönsten, sanftesten Mädchen — ist eS da;11 verwundern, daß sein Herz bald wärmer für sie schlug? — Und Katiuka — wer hätte cS ihr verargen können, daß sie den sanften Trostesworten des jungen BaronS lieber lauschte, als den tröstenden Schmeichelworten des Gouverneurs. — Die Absichten des BaronS waren die reinsten, er war reich und unabhängig, in wenigen Monaten war er volljährig, daun sollte Katiuka zu seinem Glauben übertreten, und er wollte das Mädchen seiner Liebe zu seiner Gemahlin erheben. Denn von seiner sanften, zärtlichen Mutter, der einzigen, 11111 deren Einwilligung er sich zu kümmern hatte, hoffte er die Zustimmung leicht zu erringen. Er hatte sich verrechnet. Zwar die Gräfin hätte auf die Dauer schwerlich widerstanden — doch der Graf wnthcte. Er sollte das reizende Mädchen, das er von Ansang an für sich bestimmt hatte, dem verhaßten j Stiefsohne überlassen? — nimmer. Unter dem Bor-; wände, sie dürfe eine derartige Mesalliance nicht zu-! geben, hatte er seine Frau aus seiner Seite. Und dann! versuchte er bei Katinka sein Heil. Er begann damit,! den Baron Platow in schwärzester Weise zu verleumden, l kein Laster giebt es, das er ihm nicht angedichtet hätte, i und dann sprach er von seinen väterlichen Gefühlen für; sie, von dem Pcrsprechcn, das er unserem verstorbenen j Vater gegeben haben wollte, über sie zu wachen, wo-! durch er eö als heiligste Pflicht betrachte, ihre Ver-! bindung mit einem Ungeheuer, wie sein Stiefsohn, mit! allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln;11 Hintertreiben.! Katinka fühlte sich unsäglich unglücklich, sie hatte auf l alle seine Reden mir Thrünen.! Und allmählich trat er auch mit seinen Plänen; offener hervor. — Während Platow einige Tage ab-! wesend war, stellte er ihr vor, daß ihr Aufenthalt in | fernem Hause durch die häufige Amvesenheit seines Sliefj sohncs gefährdet sei, daß er sie auf ein Landgut bringen! wolle, wo sie mit ihrer Mutter verweilen könne, und! wo er für Beide ans's Reichlichste sorgen wolle. Katinka! hatte ihn jedoch bereits durchschaut; sie erwiderte, daß sie sein Hans verlassen und zu ihrer Mutter in die Stadt zurückkehren walle. Dem widersprach der Goutierneur jedoch auj'S Entschiedenste, das dürfe er nicht zugeben, um leinen Preis. — Katiuka schwieg, sie wollte am folgenden Tage die Mutter besuchen und mit ihr berathen. (Fortsetzung folgt.)

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