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Jeschurun · 1886-12-23 · Heft 51 (23.12.1886) · p. 812

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 51 (23.12.1886)
Article
Österreich-Ungarn : aus Odrau [Nachricht]
Date
1886-12-23
Page
812 (sequence 2)
Language
German
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812 erbtöt werde. In diesem Sinne ertheilte auch der in Abwesenheit des Bürgermeisters amtslcitende Gemeinderath Benjamin Heinz die nöthigen Weisungen und ordnete die Beerdigung des Morgens gestorbenen Kindes für 3 Uhr Nachmittags an. Hiervon in Kenntniß gesetzt, legte der hiesige Pfarrer, Konsistorialrath I. Bardntzky, einen Protest ein, dem aber weder von der Gemeinde noch von der politischen Behörde in Troppau stattgegeben wurde. Die Beerdigung des Kindes konnte aber erst gestern um 7 Uhr Morgens stattfinden, und mußte die Leiche noch eine Nacht im Trauerhause — dasselbe ist zugleich Fabrikgebäude — liegen. Die Beerdigung selbst erfolgte anstandslos, doch halten sich seit gestern die Geistlichen vom Friedhöfe ferne. Hierdurch ist auch für unfern Ort ein Zustand geschaffen, wie er seit der neuen Grundbuchsanlage an vielen Orten der Umgebung besteht. Die Bevölkerung steht dieser Thatsache zwar nicht indifferent gegenüber, weiß sich aber zu fassen und wird hoffentlich auch die Konsequenzen zu ziehen wissen. H o l l a n d. % Rotterdam, 19. Dezember. Ein Zwischenfall in der Sitzung nuferer Zweiten Kammer vom 16. d. M. ist in mancher Beziehung charakteristisch genug, um registrirt zu werden. Zur Orientirung der -ausländischen Leser sei das Folgende mitgetheilt. Die Zweite Kammer hält in der Regel Samstags keine Sitzungen; sie zählt seit längerer Zeit wieder einen jüdischen Abgeordneten zu ihren Mitgliedern; die Partcicti bestehen aus Liberalen einerseits, Antirevolntionaren und Ultramontanen andererseits. Als nun gegen Ende der Sitzung vom jüngsten Donnerstag der Präsident vorschlug, aus nächsten Samstag eine Sitzung anzuberaumen und ein Abgeordneter aus persönlichen Gründen sich dagegen erklärt hatte, ergriff das Wort — ich übersetze aus dem ossiziellen Berichte — der Führer der Antircvolntionare, KeucheniuS: Mein Bedenken ist anderer Art. Ich hätte durchaus nichts dagegen, in der Sitzung zu erscheinen, ich würde sogar geneigt sein, einen Antrag von Ihnen, Herr Präsident, um sowohl morgen״ als während der ganzen folgenden Woche jeden Abend eine Abendsitzung abzuhalten, zu unterstützen, aber ich muß mich dagegen aussprechcn, eine Sitzung ans Samstag anzuberaumen, weil wir unter uns ein Mitglied haben, für welches der Samstag ebenso thcucr und heilig ist, wie für uns der Sonntag. (Gelächter auf der linken Seite.) Das verdient durchaus nicht, meine Herren, Ihrem lauten Gelachter nach, verspottet zu werden. Wer gehorsam zu sein wünscht den Geboten Gottes, die selbst Herr Levy (ein jüdischer Advokat in Amsterdam, einer der hervorragendsten und radikalsten Publizisten der liberalen Partei) für allgemein verpflichtend hält, die also auch Herr Levy als von einem Gesetzgeber herrührcnd bezeichnet, der die Macht hat und über die ganze Welt gebietet, der betrachtet auch das vierte Gebot als für ihn verpflichtend. Und wo ich nun Ihren Antrag, um kommenden Sonntag eine Sitzung abzuhaltcn, nicht würde unterstützen können, glaube ich, mich in die Lage unseres geachteten Kollegen, des Herrn Hartogh, versetzend, um ihn: in Bezug ans seinen Glauben keinen Anstoß zu geben, auch nicht den Antrag unterstützen zu dürfen, kommenden Samstag zu tagen. Das würde ihn in Versuchung bringen. — Ban׳ der Feltz (liberal): Die Gründe, welche der Vorredner angab, um konnnenden Samstag keine Sitzung zu halten, verdienten, wie er sagte, nicht verspottet zu werden. Ich protestire dagegen, Herr Präsident, daß ein Mitglied dieser Versammlung, wer eS auch sei, sich das Recht anmaße, ein anderes Mitglied auf seine religiösen Pflichten aufmerksam zu machen. Ich meine, daß ein Jeder von uns verpflichtet ist, cs jedem seiner Kollegen zu überlassen, welche religiöse Pflichten er nach eigenem Gewissen zu erfüllen, welche Feiertage er zu halten hat, und ich versage dein geachteten Abgeordneten von Amersfoort, ebenso wie Jedem von uns, das Recht, sich darüber Bemerkungen zu gestatten. — Der Vorschlag des Präsidenten wurde hierauf angenommen; der Abgeordnete Hartogh summte mit der Majorität. Frankreich. *** Paris, Dezember. Die Wittwe des Herrn Isaak Pereire hat zum Andenken ihres Gatten vor der Stadt eine Armmapothcke und ein Hospital zur unentgeltlichen ärztlichLN Behandlung und Verpflegung gestiftet. Rußland. Petersburg, Dezember. Der höchste Gerichts- Hof hat in Folge erhobener Beschwerde entschieden, daß den in Militärverhältnisscn lebenden Inden der Aufenthalt in der Hauptstadt nicht versagt werden darf. — Alls Sndrußland wird berichtet, daß viele Juden, die als Notariats- und Gcrichlsschreibcr sich bis jetzt ernährt haben, durch die neueste Verfügung, welche sie von ihren Stellen verdrängten, brodlos und elend geworden sind. Die Leute vermochten nicht, sich einen Spargroschen zurnckzulegcn und haben jetzt nichts für den Bedarf ihrer Familien. Leider haben manche der Versuchung nicht widerstehen können und haben sich taufen lassen. — Die Dorfbewohner werden von irgend einer Seite gegen die Inden aufgehetzt, so daß selbst daö Zureden menschenfreundlicher Oberbeämten sie oft nicht zurückhatt, einen Gemcindebeschluß zur Abschaffung der seit langen Jahren in ihrer Mitte wohnenden Inden

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