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Jeschurun · 1886-12-23 · Heft 51 (23.12.1886) · p. 810

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 51 (23.12.1886)
Article
Deutschland : Stargard i. Pomm. [Nachricht]
Date
1886-12-23
Page
810 (sequence 1)
Language
German
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810 * Stargard L. Pomrtt., 14. Dezember. Gestern verstarb hier einer der wenigen noch lebenden Krieger ans den Frciheitslämpfm, der Rentier Gerson Abel im 96. Lebensjahre nach einen! Krankenlager von wenigen Tagen. Er hat die Feldzüge als Freiwilliger inr National- Regiment mitgemacht und war bis dahin trotz seines hohen Alters noch recht rüstig. (Osls.-Ztg.). נ tfuv Ostpreußen, Dezember. Die zu Lhck erscheinende Zeitung ״Hamagid" bringt einen größeren Auszug aus einer Predigt des Odessacr Rabbiner Dr. Schwabacher. Zu meinem großen Erstaunen sehe ich, daß darin sehr eifrig der Konfirmation das Wort geredet und dieselbe mit zu den nachahmungSwerthen Schöpfungen einer auf dem Boden des Judenthumö stehenden Aufklärung und Bildung gezählt wird. Meine Verwunderung gilt sowohl dem Odessaer Rabbiner, wie der Redaktion des ״Hamagid". Wenn unsere russischen Brüder erst von der Einführung einer Schaustclluug, wie der Töchterkonsirmation, welche Herr D1\ Schwabacher in glühenden Farben schildert, das Heil erwarten sollen, dann sieht es sehr schlimm bei ihnen aus. Ich glaube, daß unsere russischen Gtaubenofsen ernstlich gewarnt sein sollten, nicht diesen — Schwinde! aus Deutschland importiren zu lassen. Oesterreich-Ungarn. 6. Wien, 15. Dezember. Gelegentlich einer gestrigen Gerichtsverhandlung wegen Betruges wurde der hiesige Rabbiner Dr. Güdemann als Zeuge vorgeladen, um eine sachverständige Auskunft über einige Streitfragen, die über jüdische Bornamen entstanden sind, zu geben. Die Vernehmung gestaltete sich nach der ״N. fr. Pr." folgendermaßen. — Präsident (Graf Lamezan): Einer der Angeklagten heißt offiziell Ariel Leib Berger, die Angeklagte Taube Mischke Berger; Beide haben aber im Laufe ihrer Vergangenheit sich andere Rainen beigelegt. Der Erstgenannte nannte sich abwechselnd auch Anton. Leopold, Victor und Avigdor; die Angeklagte dagegen legte sich den Namen Antonie bei. Nun behauptet Ariel Leib Berger, daß der Name Ariel gleichbedeutend sei mit Leib, dann aber auch mit Leopold, ja selbst mit Anton u. s. w. Ich ersuche Sie nun, uns gefälligst Auskunft zu geben, welche Gebräuche in Ihrer Religions-Genossenschaft in Ansehung der Namen bestehen. — Zeuge: Im Allgemeinen kann ich nur sagen, daß die bürgerlichen Namen den hebräischen nicht zu entsprechen brauchen und denselben auch nicht immer entsprechen. Der Name Ariel war ursprünglich kein Eigenname, und der Gebrauch als solcher ist solgeuderruüßen entstanden: In der Bibel wird 2uda mit einem Löwen verglichen, Ariel heißt aber zu Deutsch Löwe, und im Mittelalter entstand bei den Inden die Sitte, sich den letzteren Namen beizulcgcn, wie ja auch in der katholischen Kirche der Name Leo auf Grund der gleichen philologischen Abstammung eingeführt wurde. Da nun Ariel auf Deutsch Löwe heißt, bei den Juden sich aber das mittelalterliche Deutsch am Längsten erhalten hat, erklärt cS sich, daß viele Inden heute noch das Wort Löwe mit Leib übersetzen, da man ja im Mittelalter für Löwe ״Leuw" oder ״Leiw" sagte. Es ist also möglich, daß Jemand, der Ariel heißt, sich deutsch Leib oder auch im Ncudcntschrn Leopold nennt. WaS hingegen den Namen Anton detrifft, so hängt derselbe mit Ariel allerdings nicht zusammen, aber ich muß wiederholen, daß die bürgerlichen Namen der Juden den hebräischen keineswegs zu entsprechen brauchen. Hierbei führte ich mich selbst als Beispiel an. Ich heiße Moses,!nein deutscher und bürgerlicher Name aber ist Moritz, obwohl dieser Nam< mit Moses nicht zusammenhängt. Ich hätte mit gleichen! Recht ganz anders, z. B. Heinrich heißen können, erst seit relativ kurzer Zeit wird von den Juden ein gewisscr Zusammenhang im Wortklang zwischen den beiden Namen gesucht. ES kommt ferner vor, daß Juden nur einen Namen haben, so z. A. wild der Name Alexander, obwohl er nicht hebräisch ist, als ein hebräischer akzeptirt, und cs ist überhaupt nur eine Sitte, keines- Wegs ein Zwang, daß die Juden neben ihren deutschen und bürgerlichen Namen sich auch hebräische beilegen. — Präsident: Was bedeutet der Name Avigdor? — Zeuge: Dieser Name ist nach meiiictt philologischen Uebcrzeugnng kein hebräischer, obwohl er schon ein hohes Alter besitzt. In den Gebeten des Mittelaltcs wird MoscS manchlnal auch Avigdor genannt. Ich glaube, daß dieser Name eine Hebräisirung des lateinischen Viktor ist. — Präsident: Steht bei den Israeliten Jedem die Wahl des Namens frei? — Zeuge: Sie steht Jedem frei. — Präsident: ES besteht also nicht der Gebrauch, einen Zusammenhang mit den alten Namen herzustellen? — Zeuge: ES geschieht dies nur manchmal; so z. B. wurde -der Name Naphtali in Hirsch verwandelt, weil in der Bibel Naphtali mit einem Hirsch verglichen wird. Aber eine Vorschrift in dieser Richtung besteht nicht, und so kann z. I. Jemand, der hebräisch Abraham heißt, sich deutsch neunen wie er will und auch ganz gut Franz heißen. — Präsident: Jede Persönlichkeit muß durch zwei Namen bezeichnet sein, durch einen Vor- und Zunamen. Würde man den Israeliten die Vefugniß zucrkennen, sich beliebige Namen beizulegen, so wäre die juristische Feststellung der Persönlichkeit oft unmöglich. — Zeuge: Ich habe nur eine philologische Auskunft zu geben. Es ist klar, daß ein ehrlicher Mann nur einen bestimmten Namen führen wird, und daß er den Namen, den er einmal gewählt hat, beibehält fürs ganze Leben. Aber bei den Juden verschiedener Länder haben sich verschiedene Sitten herausgebildet,

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