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Jeschurun · 1886-12-23 · Heft 51 (23.12.1886) · p. 808

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 51 (23.12.1886)
Article
Giftsaat
Date
1886-12-23
Page
808 (sequence 2)
Language
German
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So schießt das Tod und Verderben bringende Unkraut mächtig empor und bedeckt weite Flächen, welche ehedem Segen zeitigende Saaten getragen, und nur hier und dort in einem vergessenen, verborgenen Winkel entdeckt man vielleicht noch ein schwaches Pflänzlein, von reiner Hand gehegt, Leben und Heil für die Zukunft in seinem Keime bergend.- ES war an einem kalten frühen Wintermorgcn, als die Feuerglocke ihre Schrecken verkündenden Touschwiugnngen entsandte und die guten Wclsinger ans der friedlichen Ruhe des Morgenkaffees ansstörte. Eine Feuersbrunst war in Welsingen cm seltenes Ercigniß und erregte um jo mehr das allgemeinste lebhafteste Interesse. In den sonst stillen Straßen wogte ein hastiges Treiben. Die zur Feuerwehr zählenden Bürger eilten nach ihren Spritzenplätzcn. Die Frage ״wo brennt es?" war auf Aller Lippen und fand bald die Antwort:, ״der Judentempel steht in Flammen!" So war cS auch in der That. Aus der Synagoge drangen Rauchsäulen, und eine feurige Lohe züngelte aus ihrem Giebel empor, welche sich bald als Helle Flannnengarbe durch die dichte Rauchwolke hindurch einen Weg bahnte. Die Synagoge befand sich in unmittelbarer Nähe des Fricdlich'schen Hauses; nur ein Bretterzaun trennte die zu den beiden Gebäuden gehörigen Höfe. Zn der Hinteren Synagogcnpforte befand sich ein Schlüssel in Friedlich- Gewahrsam. Herr Friedlich nahm mit seiner Familie das Frühstück ein, als das Feuer ausbrach. Joseph eilte sofort hinab, nm in die Synagoge zu gelangen. Er hatte nur den einen Gedanken, die Thorarotten zu retten. Da keine Thür in dem hohen Bretterzann des Hofes angebracht war, griff er zu einer Axt und zertrümmerte mehrere Planken, um sich einen Weg zu dem Synagogcnhofe zu bahnen. Das lange nicht gebrauchte Schloß der Synagogenthür spottete den angcstrengtestcn Oesfnnngöversuchcn. ES blieb nichts Anderes übrig, als die Thür einzuschlagen. Joseph eilte zurück, um sich mit der Axt zu bewaffnen. Es gelang ihm endlich, die Thür zu dcmolircn. Ein dichter heißer Nauchstrom kam ihn! entgegen. Durch die von Außen cindringende Luft gewann das verheerende Element überwältigende Kraft. Der ganze Raum stand in! Nu in Hellen Ftannnen. Cs war unmöglich, in denselben einzudringen. Inzwischen hatte sich eine große Menschennienge vor der Synagoge versammelt. Die Spritzen waren noch'nicht zur. Stelle. Das müssig dastehende Volk erging sich. in Betrachtungen über das Schadenfeuer und Vermuthungen über die Entstehung desselben. ״Nur gut, daß cö der Jndcntempel und keine Kirche ist," sprach der Eine. ״Den Juden schadet es nicht," meinte ein Anderer. ״Der reiche Friedlich baut den Tempel ans eigene Kosten wieder auf." ״Wie dumm Du doch bist," entgegnete man darauf. ״Tragt denn die Jndengemeiude den Schaden? Die Inden werden doch wahrlich nicht so einfältig sein, ihren Tempel unversichert zu lassen." ״Natürlich," rief ein Anderer, ״und gewiß nicht zu niedrig, darauf könnt ihr euch verlassen!" ״Sicherlich," hieß es int Kreise. ״Die verdienen noch bei dem Brande!" ״Jawohl, und nicht wenig, das ist gewiß. Da müßten sie nicht Inden sein, die überall ihr Profitchcn zu machen wissen!" ״Natürlich! Es wäre kein Wunder, wenn sie ihren Tempel nicht selbst angesteckt hätten," rief, eine Stimme. ״Das ist ganz sicher," sprach ein altes Mütterchen zu ihrem Nachbar. ״Mir hat das diese Nacht auch geträumt. Ich habe gesehen, wie der alte Moses eine große Kanne mit Petroleum genommen und die Indenschule angcsteckt hat." ״Hört Jhr's, Leute," schrie der soeben diesen merkwürdigen Traum vernommen hatte. ״Die Schulzen hat gesehen, wie die Juden ihren Tempel augezündet haben!" ״Die Schulzen ist ein närrisches Weib," rief eine andere Stinnne. ״Die träumt immer das Attcrtollste." ״Die Schulzen ist eine rechtliche Frau," lautete die Gegenrede. ״Wenn sic sagt, sie hat cs gesehen, dann ist cs wahr!" ״Die Inden haben ihren Tempel an gesteckt!" schrien Mehrere auf einmal. ״Jawohl, jawohl!!" hieß es von allen Seiten, ״die Juden haben ihre Schul angezündet, um die ganze Stadt niederzubrennen!" ״Hört Jhr's, verd.... Inden," rief ein vierschrötiger Mann und faßte einen in seiner Nähe stehenden Juden an! Rockkragen. ״Ihr habt eure Schul in Flammen gesetzt, ihr Mordbrenner, ihr Wichte!" ״Bist Du verrückt, Müller!" schrie der Jude und suchte sich von dem Griffe im Nacken zu befreien. ״Wahrscheinlich hast Du den Brand gelegt!" ״Was, der Jude sagt, Müller habe die Schul angestcckt!" riefen mehrere Nahestehende. ״Die Juden sagen, die Christen hätten den Tempel angeznndet!" hieß es in weiter Runde. ״Die Elenden!" schrie eine Stimme. ״Die Schutzen hat gesehen, wie die Inden das Feuer gelegt haben und nun wollen sie die Schuld ans die Christen wälzen!" (Schluß folgt.)

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