Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : aus Ungarn [Nachricht]
- Date
- 1886-12-16
- Page
- 798 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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798 Aszod, Schreiber-Erlau, Sldon-Tyrnan- Singer-Gr. Stefselsdorf, Ulkman-Wcitzcn. Wcissz-Torda, 1)!-. Weiß';- Gran, Wcissz-KarlSburg, Weissze-Nenstadtl, Wols- Kalocsa. Holland. w 2!Uiftci’bani,2 ו. November. Eigentlich sollte ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, diese Korrespondenz gar nicht senden; diejenigen Matter, welche ob des gräßlichen Umstandes, daß in Berlin an Stelle Ludwig Lowe's von seinen Parteigenossen nicht wieder ein jüdischer Reichstagskandidat ausgestellt worden ist, in rcligiöspolitischcr Ent׳ rüstung ihrem Herzen Luft!nachten, wären mir für das lindernde Pflästerchen, das ich hiermit auf ihre offene Wunde legen könnte, zum Mindesten sehr dankbar. Ob Sie es aber so zu schätzen wissen? ״De Standaard", das politische Organ der nach rechts extremsten Richtung dcS ProtcstantisrnuS in unserem Lande, schreibt nänilich in einen! Artikel über hiesige Wahlbezirke: ״In Amsterdam ist ein jndischeö Enklave: ein Stadtviertel, wo fast ansschließlich Juden wohnen, wo sic zu Hause sind, wo sic sich gegenseitig kennen und seit Jahrhunderten ihr eigenartiges Leben forllcbcn. Ist nun, so fragen wir, dieses Stadtviertel nicht wie von selbst dazu angewiesen, um den jüdischen Theil der Bevölkerung unseres Landes in der Kammer zu vertreten? Wenigstens auf einen Vertretcr haben die Inden ein Recht, aber dieses Recht darf dann auch nicht von Willkür abhängig sein: nicht durch die Gnade von ״BnrgerplichL" (eine liberale Bereinigung), sondern durch den Anspruch ans sich selbst müssen sie daran Theil haben. And daö kann nur auf diese Weise geschehen." — Habe ich nun nicht Recht, geehrter Herr Redakteur? Würden die erstgenannten Blatter mir nicht sehr dankbar sein, wenn ich ihnen Vorstehendes direkt mittheilte? Aber jetzt kommt die Kehrseite der Medaille. Schreibt da nämlich Mr. H. I. van Lier, noch dazu Mitglied der ״Zentral Kommissie", Vizepräsident unseres Kerkeraad n. s. w. an das ״Algcmecn Handelsblad": ,,1)1־. Kuvper, welcher für beständige Abwechselung in dein politischen Treiben sorgt, beweist mit einer bis jetzt unbekannten Liebe für seine israclmschen Landgenossen, daß sie ein Recht aus nlindcstcuS einen Abgeordneten ans ihrer Mitte haben; er trachtet deshalb die Nothwendigkeit darznlegcn, unsere Stadt in verschiedene Wahlbezirke, worunter ein jüdischer, zu thcilcn. Ich bezweifle sehr, ob die Israeliten dcm Schreiber für diese ungefragte (Oirasü) Unterstützung dankbar sind. Sind sie doch zu gute Staatsbürger, um nicht zu wissen, daß die Religion außerhalb der Politik gehalten werden soll. Aber außerdem haben sie auch eine zu gute Meinung von ihren Stadtgcnosscn, die schon so oft bewiesen haben, daß sie mit und ohne den. übrigens (begreiflicher Weise nicht von Dr. K.) sehr geschätzten Einfluß von ״Bnrgerplicht" nicht fragen, zu welcher Konfession Jemand gehört, wo cs die Wahl zu irgend einem Politischen oder administrativen Körper gilt. Sic werden deshalb sicherlich als erleuchtete Bürger die Rücksendung in ein politisches Ghetto, welche ihnen von so ״befreundeter" Seite augeboten wird, mit Entschiedenheit und Stolz zrirnckweisen." — Ich glaube, daß Mr. van Lier durchaus Recht hat. N ußtaud. .. x. Warschau, 5. Dezember. Der״ Kjublienin" ereifert sich darüber, daß die Friedensrichter in Shitoinir noch weiterhin in ihrer Schlechtigkeit beharren und einzelne Juden im Dienste als Sekretäre belassen, nachdeu! doch genugsam die Gemeingcsährlichkeit der Inden bekannt sei, in Folge dessen auch gesetzlich bctt Notaren cs untersagt wäre, jüdische Schreiber cniznstellcu. — Ich habe schon wiederholt erwähnt, wie gewaltig noch immer trotz der trostlosen Aussichten der Strom der Auswanderung ist. Ein treffendes Bild davon entwirft eine Korrespondenz des ״Woschod" aus Ielisawctgrad, in welcher cS ungefähr heißt: Die Auswanderung nach Amerika nimmt immer größere Dimensionen an, besonders in! Verlause der letzten drei Monate. Es vergeht, abgesehen von Sabbath und Festtagen, kein Tag, wo nicht eine Anzahl von Familien HanS und Hof verläßt, um in der Ferne sich eine neue Existenz zu gründen. Der Ruf ״Nach Amerika" ist in Aller Munde. Sobald ein Brief eines nach dorthin Ausgewanderten hierher gelangt und derselbe nur einigermaßen Erfreuliches enthält, so macht er sofort bei Allen die Runde und wird zum Tagesgespräch. Klammert man sich doch krampfhaft an jede noch so winzige Hoffnung. Und ist dies nicht bei den trostlosen Zuständen nur allzu erklärlich? Schrecklich ist's anzusehcn, wie eine solche Auswanderung von Statten geht. Zuerst verkauft nnn alles Verkäufliche. Wie Manchem bricht das Herz dabei, wenn er das, was er mühsam nach und nach in! Laufe der Jahre sauer erworben und thener erkauft hat, um einen Spottpreis zu veräußern gezwungen ist. Ist das geschehcn, so hat'ö aber noch seine liebe Roth und kostet noch manches Stuck Geld, bis der Answandcrnngöpaß ansgestellt wird; besonders haben da die Landbewohner zu leiden, die sich erst in die Hauptstadt des Gonvcrncments wenden müssen. Und endlich ist der langersehnte Tag gekommen, von dcm sie Befreiung von jahrelangem Leid erhoffen. Da ziehen sie in Schaarcn mit ihrem Gepäck zum Bahnhof. Der Anblick, ist herzzerreißend, die Emigranten von ihren Angehörigen Abschied nehmen zu sehen. Unwillkürlich legt man sich! die Frage vor: Warum all dies? Warum verlassen