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Jeschurun · 1886-12-16 · Heft 50 (16.12.1886) · p. 795

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 50 (16.12.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1886-12-16
Page
795 (sequence 2)
Language
German
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1 795 Gott der Herr! Und warum? Weit sie der lebendige Zeuge sind für die göttliche Wahrheit der Schriften deS alten Testamentes. Soweit sie überhaupt noch Inden sind, halten sie diese heiligen Dokumente noch heilig und in hohen Ehren und sobald sie dies nicht thnn würden, würden sie auch aufhören, Inden zu sein. So sind sie gleichsam die lebendigen Lesepulte der heiligen Urkunden geworden. Gäbe es keine Inden mehr, Ware cS gelungen, dieses Volk gänzlich auSzurotten, so würden unsere Gegner behaupten, die Schriften des alten Bundes seien unecht, sie seien von heidnischen Autoren oder von Christen selbst gefälscht worden. — WaS sagen die Herren Antisemiten zu diesen Worten eines eifrigen Dieners der katholischen Kirche? *jj* Pest, 12. Dezember. Unseren heimischen Antisemiten müsst» die edlen Organe, welche sie mit dem Gifte ihrer verwerflichen Gesinnung täglich ansüllcn, nicht genügen, daß sie sich nach AblagcrnngSstatten im Anstande umthnn. Da sitzt in Wien ein Herr B. und versorgt das Deutsche Reich mit dem kostbaren Stoff. Ich kenne diesen Herrn B. nicht, aber er scheint zu der Sippe der Jstoczy nnd Konsorten zu gehören. Möglich auch, daß er in noch näheren Be- Ziehungen zu Pattai und Schönerer steht. Wenn man die Frage nach den! Stammbaum dieses chrcmvcrthcn Herrn einer gründlichen Forschung unterziehen wollte, müßte sich vielleicht gar eine noch intimere Verwandschast zwischen ihm und dem frommen Herrn an der Spree ergeben. Jedenfalls hat dieser ungarisch-wienerischberlinische Antisemit sich das anerkenncnSwcrthe Ziel gesteckt, eine internationale Verbrüderung der antisemitischeu Geister hcrbcizuführen. DiescS lobcnSwürdige Streben findet seinen bedcntnngövollen Ausdruck darin, daß dieser in Wien sitzende Herr V. Berlin mit antisemitischen Berichten über Ungarn versorgt. Diese zeichnen sich weniger durch Wahrheit als durch phan- Lastischc Kühnheiten aus, wie die reiche antisemitische Literatur überhaupt nichts anderes als Entstellungen der Wirklichkeit zur . Grundlage hat. Auf dieser Basis der Lüge wird dann eine gewaltige Burg ansgerichtet, in welcher die vielköpfige Hydra boshafter Verleumdung ihr Quartier nimmt und aus tausendzüngigcm Schlunde den Strom ihres Giftes über friedliche Thälcr auSgicßt. Unser Herr B. hat nun kürzlich einen sehr schönen Schreibebrief nach Berlin gesandt^ ״In Berlin, dacht' er, mußt du fein, dacht' er, und geschickt, dacht' er, mußt du sein, dacht' er." Und da machte er denn diesen Schreibcbricf recht fein und geschickt, zumal er ihn an keine Geringeren, als den hochwohlgcborencn Herrn Baron von Hammerstcin und den hochgeborenen Herrn Graf Finkenflein, den Redakteuren, Herausgebern und Verlegern der l)0chansehnlichen Neuen Preußischen Zeitung, adrcjsirtc. Diesen hohen Herren und ihren hochgeborenen Leser» erzählt nun der Herr B. die folgende merkwürdige Geschichte, von der aber kein Körnlein wirklichen Thatsachen entlehnt ist: ״Seitdem israelitische Politiker die offene und mehr noch die geheime Führung der Magyaren in die Hand bekommen, haben sie den verfolguugösüchtigen NationalitätS- Fanatismus ihrer Nasse, der dem Charakter des magyarischen Volkes gänzlich fremd ist, zur Geltung gebracht. Die Folgen fangen bereits hellte an sich zu zeigen. Das unkluge Verhalten gegen die anderen Nationalitäten muß um so mehr auf den Einfluß der jüdischen Politiker zurückgeführt werden, als bei einem benachbarten Volke, welches der zersetzende Einfluß seiner zahlreichen Juden bereits um die staatliche Selbstständigkeit gebracht hat, der Nationalitäts-Fanatismus sich auf gleiche gefährliche Weise gegen die anderssprachigen, wenngleich ebenfalls slavischen LaudeSgenosscn äußert/' ״Da hat er den gescheiten Berlinern aber einen gewaltig gespaßigcn Tratsch vorgcmacht", sagte mir eben ein Bekannter herzlich lachend. ״Davon ist ja kein einziges Wort wahr! Die ungarische Politik wird gar nicht von Juden gemacht, sondern von guten Christen römischkatholischen oder augSburgischm Bekenntnisses." Wir haben allerdings auch einige jüdische Abgeordnete, welchen aber nicht im Entferntesten ein so weittragender Einfluß bcigelcgt werden kann, lvie Herr V. fabulirt. Außerdem ist eS aber geradezu eine Lüge, daß die Juden sich durch verfolgungssüchtigen NationalitätS- Fanatismus auSzeichncn. Ach, die Juden spielen die Nolle des Verfolgten, des von fanatischer Wuth Unterdrückten und Mißhandelten. Und endlich ist cS eine Lüge, daß Polen seine Selbstständigkeit wegen des Einflusses seiner jüdischen Bevölkerung eiugebüßt hat. Weiß man denn nicht, daß die Mißwirtschaft dcS polnischen Adels und die Indolenz des polnischen Bauern das finis poloniae gewesen? — Aber so werden die handgreiflichsten Unwahrheiten nnd Entstellungen über die Juden von Süd nach Nord, von West nach Ost geschickt und machen Stimmung. - Ist cS nicht schrecklich, daß man mit solchem Geschreibsel, das nicht die darauf verschwendete Tinte wcrth ist, rechnen muß?! *II* Pest, 12. Dezember. In der vorigen Woche fand hierselbst die Einweihung deS neu errichteten BercinShauscS' des israelitischen Franenvcreins statt. In bemfclOesi befinden sich die Näumlichkeiteir für ein Waisenmädchcnasyl, eine Volksküche und ein WohlthätigkeitSburcan. Bei -der CinweihungSseierlichkeit war auch der Oberbürgermeister Noth zugegen, welchen: in warme Worten seine Anerkennung über die Leistung des israetitischc» FraucnvereinS anösprach. — Eine fernere ehrende Anerkennung wurde dem Verein dadurch zu Theit, daß der katholische Pfarrer der Elisabeth-Stadt,

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