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Jeschurun · 1886-12-16 · Heft 50 (16.12.1886) · p. 794

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 50 (16.12.1886)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1886-12-16
Page
794 (sequence 2)
Language
German
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794 Nealschullehrer Hofmann am Ncalgymnasium zu Neichenbach in Schlesien beschäftigte, führte gestern den Redakteur des genannten Blattes, Emil Barth, vor die II. Strafkammer hiesigen Landgerichts I. In jener Briefkastennotiz war einem Abonnenten in Neichenbach der Rath ertheilt worden, über angebliches antisemitisches Gebahren und über Angehörigkeiten des Lehrers Hofmann Beschwerde zn führen. Letzterer Hai sich dadurch beleidigt geführt und den Strafantrag gestellt. Theils durch daö Zngcständniß deS Beleidigten, theils durch kommissarische Vernehmung mehrerer Schüler des Gymnasiums in Neichcnbach ist Folgendes festgestellt worden: Herr Hofmann unterrichtet u. A. in der Quarta im Latein, und als ein Schüler bei der Ucbersetznng einmal eine Präposition falsch gebrauchte, indem er sagte: ״ich gehe in der Schule", antwortete ihm der Lehrer: ״Das ist KarlSplatz-Dcntsch!" Er ließ cs aber dabei nicht bewenden, sondern gab zu dieser Bemerkung noch folgende Erläuterung: ״Auf dem Karlsplatz in Breslau wohnen die Schacherjndeu, welche zu den Vorübergehenden inuner sagen: ״Nischt zu handeln? Alte Kleider? Alte Hosen?" Einige der Schüler haben sich durch diese Bemerkung und das daran sich knüpfende Kichern einzelner Mitschüler verletzt gefühlt, und der Vater eines solchen Schülers hat den Thatbestand der Nedaktion deö Neichsfrenndes mitgetheilt, um so!!!ehr, als bekannt war, daß der Lehrer Hofmann einzelne der Schüler auch mit ihnen nicht zukonnucuden Vornamen, wie ״Isaak", ״Jakob״ und dergleichen belegte. Lehrer Hofmann hat bei seiner Vernehmung bestritten, daß er antisemitische Tendenzen verfolge, und behauptet, daß. er lediglich ״Unterrichtszwccke" mit jenen Bemerkungen im Auge gehabt habe. — Der Staatsanwalt Großpietsch glaubte dem Lehrer Hofmann darin, und meinte, daß man sich doch hüten sollte, den Antisemitismus bei den Haaren herbcizuziehen. Thatfächlich sei doch der Aus׳- druck ״Schacherjnde" ganz iit den Sprachgebrauch übergegangen, als typische Bezeichnung für solche Leute, die ohne festes Geschäft mit alten Kleidern handeln. Das die Bricfkastcnnotiz eine Beleidigung für den Lehrer Hofmann enthalte, sei zweifellos, und er beantrage 100 Mark Geldstrafe event. 20 Tage Gefängniß. — Rechtsanwalt' Kau fmann macht den Schutz des § 193 geltend und hielt cS durch die Beweisaufnahme für erwiesen, daß sich der Lehrer Hofmam! eines ungehörigen, antisemitischen GcbahrenS schuldig gemacht habe. Der Gerichtshof billigte dem Angeklagten den Schutz des 8 1-93 nicht.zu und glaubte, zu einer Vernrtheilung kommen zu müssen, da die qu. Notiz nicht eine Thatsuche, sondern ein Urtheil in beleidigender, Form darstelle. Im Üebrigen habe aber der Gerichtshof aus der Beweisaufnahme die Ueberzeugnng gewonnen, daß das Auftreten des rc. Hofmann nicht ein solches war, wie es sich für einen Lehrer schickt, daß vielmehr sein ganzes Auftreten gezeigt habe, daß es ihm darauf an* gekommen sei, die jüdischen Schüler zu diskrcditiren. AuS diesem Grunde hat der Gerichtshof eine Geldstrafe von nur 15 Mark event. drei Tagen Gefängniß erkannt. (Berk. Tcrgbl.) Oesterreich-Ungarn. CK Wien, 9. Dezember. Die ״Neue Freie Presse" bringt in ihrer heutigen Nummer daö Folgende über eine Erklärung des Professors Rohling: Die Glückwunsch-Adresse der Deutschen Böhmens an Or. Schmcykal aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstages war unter Ander!»! auch von den Professoren der vier Fakultäten der deutschen Universität in Prag unterschrieben worden. Nachträglich erklärt nun der Professor der Theologie, Dr. Angnst Rohling, in einem Schreiben an die Vcrliner ״Gernrania", er habe jene Adresse nicht unterschrieben, weil dieselbe nicht ausschließlich dem Personlichen Wohle des Adressaten galt, sondern eine Zustimmung zn dessen Prinzipien bekundete. Er sei erstens ein christlicher Antiseinit und vor Allem katholisch; durch die Unterzeichnung der Adresse hätte er sich aber einer förmlichen Verleugnung des katholischen Glaubens schuldig gemacht. Bisher hat allerdings noch Niemand Notiz von der Thatsachc genommen, daß der Nan!e des Herrn Professors ans der Adresse fehlt; »nan muß ihm also eigentlich dankbar dafür fein, daß er selbst darauf auf!ncrkja!n macht, denn die Adresse der Deutschböhinen hat dadurch an Werth und Bedeutung ge- Wonnen, daß Herr Rohling ihr seinen Namen vorenthielt, und die durch diese Abstinenz entstandene Lücke gereicht ihr nur zur Zier. Schließlich benutzt der ״christliche Antisemit" die Gelegenheit, um anznZcigeir, daß er demnächst eine Antwort auf die Schrift deö Di*. Joseph Kopp veröffentlichen werde. G. ZAierr,. 10. Dezember. Anerkennende, von Herzen kommende, von Haß und Vornrtheit freie Worte Lhun uns Inden in heutiger Zeit doppelt wohl. Und so dürfte cs denn auch am Platze sein, die Worte, mit welchen der ehrwürdige Pater Arche in der dritten der Konfcrcnzrcden in der hiesigen Pfarrkirche zu St. Peter, gelegentlich einer Ncde über die kirchliche Lehre von der Erbsünde, deö Mischen Volkes gedachte, an dieser Stelle wiedcrzugeben. ״Die Inden",, so sagte er ungefähr, ״leben seit nunmehr fast 2000 Jahren zerstreut auf der Erde ohue Verfassung, ohne Tempel, ohne Oberhaupt, ohne politischen und konfessionellen׳ Zcntralpunkt" ü. s. w. Ueberall und .fast zu aller Zeit habe man sie verfolgt und ihre Ausrottung angestrebt. Und doch sind sie nicht -vernichtet, nicht auSgerottet worden. Was hat sie erhalten? Nientand anders, als

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