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Jeschurun · 1886-12-16 · Heft 50 (16.12.1886) · p. 792

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 50 (16.12.1886)
Article
Giftsaat
Date
1886-12-16
Page
792 (sequence 2)
Language
German
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״Ich werde sie tragen. Die innere Befriedigung, die Zufriedenheit meiner Eltern werden mich entschädigen für die vcrurtheilende Meinung der Wett. UebrigenS glaube ich, daß die Zahl der Einsichtigen und Vcrnünftigcn größer ist, als wir meinen. Diese aber werden mir Recht geben." Man war an Josephs Wohnung angelangt. Die Freunde trennten sich. Einige hatten Joseph beigepflichtet, Andere aber grollten ihm, daß er, wie sie meinten, sich und die jüdischen Studenten mit Schmach bedecken wollte. Am andern Morgen erschien der Kartcllträger seines Gegners und überlieferte ihm die Herausforderung. Er lehnte solche ab. ״Wir haben das wohl denken können," cntgcgnete Jener höhnisch. ״Wir wußten längst, daß gewisse Leute den Pulvergeruch nicht vertragen können." Joseph wieö dem Frechen die Thür. Als er sich später zur Universität begeben wollte, traf er auf dem freien Platze vor derselben die Studenten des gestrigen Abends. Er wollte an ihnen vorübergehen. Man vcrlegte ihm aber den Weg. ״Der Bube T>at hier nichts zu suchen!" ״Geh handeln, Mauschelt" ״Feiger Jude!" und ähnliche Zurufe schallten ihm entgegen. Der Herausforderer trat aber auf ihn zu und schlug ihn mit den Worten: ״Dem Hunde die Peitsche!" ins Angesicht. Scham und Grimm über diese entsetzliche Schmach ttbermanntcn den Jüngling. Er wollte sich auf den rohen Gesellen stürzen, ward aber von den herbeieilenden Freunden zurückgchaltcn. Sie brachten ihn in eine Droschke und geleiteten ihn nach Hause. Am Nachmittage erstattete er auf den! Rektorate die Anzeige von der ihm widerfahrenen Mißhandlung. Eine Untersuchung ward ciugcleitct. Das UnivcrsitätSgcricht sprach über den brutalen Angreifer die Rclegation aus. Die Angelegenheit hatte die allgemeinftc Ausmcrksamkcit auf sich gelenkt. Die antisemitische Presse beutete sie ans, einerseits um die Frechheit und Feigheit der Juden in das grellste Licht zu stellen, andererscitö aber um die dringende uud ״berechtigte" Forderung der Beschränkung des jüdischen Elements an den deutschen Hochschulen zu erheben. ״Inden und Deutsche können paritätisch nicht friedlich neben einander verkehren, das hat wiederum einmal dieser Vorgang deutlich gezeigt. Der listige Jude reizt den geraden beider» Deutschen. Fordert dieser ihn zu einem ehrenvollen Austrag der Differenz auf, so zieht er sich feige zurück. Geräth darob'der Deutsche in gerechte Aufregung und läßt dem Burschen eine wohlverdiente Züchtigung angedeihen, Hann lauft dieser heulend und winselnd zun: Richter. Dieser aber muß, so schwer cö ihm auch in diesem Falle gewiß geworden, daö Recht walten lassen, das freilich nur aus Deutsche berechnet ist, leider aber auch für den übermüthigcn fremden Eindringling in gleicher Geltung ist. Der ehrliche Deutsche verfällt natürlich der Strafe, der schlaue Jude lacht sich iuS Fäustchen. Bedenkt man den Schmerz dcr Eltern, die ihren hoffnungsvollen Sohn durch einen Inden inS Unglück gestürzt sehen, so könnte man in dcr That fragen: ist das Gerechtigkeit? wenn nnS Deutschen nicht das. Recht so heilig wäre, daß wir selbst dessen härteste Konsegrunzen gegen uuS gelten lassen. So war ja der gute, ehrliche deutsche Michel von jeher! Aber cö dürfte doch endlich an der Zeit sein, das geschriebene Recht mit dem lebendigen Ncchtöbewußtsein des deutschen Volkes in Uebereinstimmung zu bringen. Dieses aber verlangt gebieterisch den wirksamsten Rechtsschutz gegen die Uebcrwuchcrnng des JndenthnnrS. Fort mit den Inden aus allen Stellungen, welche ihnen eine Gewalt über, die Deutschen einräumen! Und׳ ferner: ein Recht für die Deutschen, wie cö ihrem geraden, edlen Charakter entspricht — ein Recht für den Semiten, dein hinterlistigen, niedrigen Wesen desselben angepaßt. DaS ist wahres Rechts!" So und ähnlich ward dieser Vorfall zu einem willkommenen AgitationSinittel gegen die Inden benutzt. Den jüdischen Studenten wurde dos Leben in der Universitätsstadt immer mehr verbittert. In den Hörsälen harrte ihrer eine frostige, abweisende Begegnung. Sie sahen sich von allem Verkehr mit den Stndicngcuosscn ausgeschlossen. Auf der Straße oder an anderen öffentlichen Orten erfuhren sie manche stille Dcmüthigung. Freilich wagte Niemand eine Wiederholnng des rohen Gebahrens, welchen! Joseph auSgrsetzt gewesen. Das strenge Urthcil dcö Gerichtes dämpfte selbst dcö wildesten Ligisten Uebermuth. * * * Joseph hatte seine Studien beendigt und war in das Vaterhaus zurückgekehrt. Obgleich er seine Zeit gut benutzt hatte und mit Auszeichnung zum Doktor iuris promovirt worden war, zog er cs doch vor, den! gelehrten Beruf zu entsagen und in das Geschäft seines Vaters cinzutrctcn. Es trafen verschiedene Gründe zusammcn, um ihn zu biefent Entschlüsse zu bewegen. Des jüdischen Referendaren harrte eine Zeit des Mißbehagens in dcr anhebendcn antisemitischen Aera, selbst wenn cö Joseph gelingen sollte so viel Berücksichtignng zu finden, nur den Sabbath halten zu können. (Fortsetzung folgt.)

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