Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1886)
- Article
- Deutschland und Rußland
- Date
- 1886-12-16
- Page
- 790 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933203-2968126--23737-2968170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der nothwcudigstcn Bedingungen des täglichen Lebens, und auch der Erhaltung dcö religiösen und geistigen, nicht ganz verlustig zu gehen. Trübe, böse, schwere Zeiten, dennoch nicht ganz des Lichtcö entbehren- — nntcr den Hnnderttausenden Israels fand sich kein Verrathcr! Die dceformer hatten aber den meisten Einfluß nach Oben. Daö Volk bednrste ihrer, und man — fürchtete sie. Wie, wenn sie unwillig diesen Einfluß zum 1111־ heil mißbrauchten? Daö schloß manchen Mund. Daö spielte ihnen aber auch die Führerschaft im Innern zu. DaS Volk im Großen und Ganzen versteht aber die Sprache dcö VerstummcnS nicht, begreift nicht daö stillschweigend Gcwährenlassen. ES schaute auf seine alten, bewahrten, ehrwürdigen Leiter und Lehrer hin — ft: schwiegen. Ja, sie schwiegen uicht nur riumer, sondern der allgemeine NoLhftand, die Rücksicht auf die äußeren Verhältnisse und die vorhin angcdeutctc Gefahr der Erzürnnng ließen sie auch manches zustimmende Wort, manche Handlung dcö Einverftändnisscö 11)1111, daß das Volk in der That die verkappten Ncsormcr im innigen Bunde mit den von ihm alö leuchtendes Vorbild verehrten ehrwürdigen Gestalten wähnte. Wirf keinen Stein auf diese! Leichter ist cö, daS Martyrium auf sich zu nehmen für die geringste Verletzung deö Gesetzes, als in dem Dilemma zwischen einer gewissen, die Gcsammlhcit bedrohenden Gefahr und der möglichen, einer indirekten moralischen, daö Rechte zu wählen. Der Vergangenheit nachbückcn ist leichter als der Zukunft voranschancu!- Damit aber begann eine Acra, die au NutiochnS' Verfolgung deö Judcnthnmö gcniahnt. Die Rcforin war zur allgewaltigen, alleinigen Herrschaft gelangt und sie übte diese daö Jndcrithum vernichtende Gewalt unter dem Scheine der Gottcöfurcht und Begeisterung für daö Jüdcnthum. Es war die Zeit, wo Uwarow an der Spitze des Ministeriums der Bolköausktärnug stand. Daö russische Volk sollte aufgeklärt und gebildet werden. Die Juden erschienen alö ganz besonders gecigucte Träger dieser Aufklärung und Bildung,, welche nicht daö Produkt einer langsamen, gcsunden, inneren Entwickelung, sondern über Nacht mit diktatorischer Gewalt gefordert werden sollte. Der für sie Ilncnipfäiigliche galt alö fanatischer Empörer. Die-Reformer halten leichtes Spiel. Sie sahen ihr Ziel mächtig näher gerückt und konnten noch immer dem von ihnen geleiteten Volke daö Angesicht der Frömmigkeit znwcnden. z Dieses Doppelspiel wird bis zu dieser Stunde getrieben. Dem Kundigen und mit-den inneren Vcr- ' lMntsseu Vertranten ist eS klar und durchsichtig — dem Harmlosen und Fernstehenden aber bereitet cö Täuschung. Man stitdirc ihre Lileratur, man schaue ihre Thatcn, man gewinne Einsicht in ihre Bestrebungen. Und die Nutzanwendung? Deutschland ist bereits ans dem Wege der Besserung. Accht indisches Leben blüht, wenn auch langsam, wieder ans. Rußland befindet sich noch auf abschüssiger Bahn. Der Abfall ergreift immer weitere Kreise. In Deutschland stehen sich die Parteien schroff gegenüber. Die GesetzeStrcuen aber sind kraftvolle Streiter, und sie dürftn offen den Kampf anfnehmen. In Rußland herrschen die Neformcr über die Gcsctzcötrcucii. Diese aber sind schwach und stumm. Wann und woher wird die Erlösung kommen?? Iss Wshe tu Rhki!lklU1d!11 Mn hat zwei Dezennien einer reichen gesegneten Wirksamkeit bald vollendet. Dem soeben anögegebcucn Nechenschaftöbericht sür 1885 entnehmen wir soigcn.de Betrachtungen und Daten: Wenn eine im Lichte der Ocffmtlichkeit wirkende Anstalt, welche, wie die nnscrige, im Dienste der heiligftcit von der Menschheit und für dieselbe ZN lösciiden Ausgabe steht, ihr neunzehntes Lebensjahr znrückgelegt hat und sich während dieses Zeitraumes eines stetö wachsenden Vertrauens und einer zunehmenden Förderung in immer weiteren Kreisen zu erfreuen hatte, so darf sie mit einiger Geniigthnung auf ihre Vergangenheit znrückblickcu und mit freudigem GotteSvertraucn der Zukunft entgcgensehcn. Wenn auch, wie überall, wo Menschen durch Menschen auf Menschen sittlich veredelnd und geistig bildend cinznwirken haben, mancher Wunsch unerfüllt bleibt und daö angestrebte Ziel nur annähernd erreicht wird, so darf doch, selbst wenn einzelne Mißerfolge zu verzeichnen wären, daö durch vielseitiges hingebcndcö Znsainiiicuwirkeii unter Besiegung von oft nicht bekannten Schwierigkeiten mit göttlicher Hülfe Erreichte nicht unterschätzt werden und noch weniger unerwähnt bleiben. So wollen auch wir am Eingänge unseres diesjährigen Berichtes nicht unerwähnt lassen, daß in diesem Jahre wiederum 11 ans der Anstalt hervorgcgcurgene Zöglinge die staatliche Prüfung bestanden und als RcligionS- und Elcmcntarlehrcr Verwendung gefimdcn haben. Die zahlreichen Lchrcrgcsnch?, welche von Gemeinden in allen Theilen unseres Vaterlandes an uns gerichtet