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Jeschurun · 1886-12-09 · Heft 49 (9.12.1886) · p. 782

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 49 (9.12.1886)
Article
Rumänien : Bukarest [Nachricht]
Date
1886-12-09
Page
782 (sequence 2)
Language
German
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782 weiter tm Speziellen gezeigt, daß im ersten Quartal 1665 im ganzen Lande 53918 Geburten vorgekommen sind, darunter 49489 bei der griechisch-orthodoxen, 1790 bei den übrigen nichtjndischen Konfessionen, 2500 bei den Juden. Im selben Quartal 1886 wurden geboren 46 663 bei den Orthodoxen, 1789 bei den übrigen nichtjndischen Konfessionen und 2607 bei den Inden, in Summa 51059, also im ganzen 2759 weniger als im Vorjahre, und zwar um 2 825 bei den Orthodoxen, um 1 weniger bei den übrigen uichtjüdischeu Konfessionen, dagegen um 67 mehr bei den Juden. Gestorben sind im ersten Ouartate 1865 im Ganzen 34522, darunter 31645 Orthodoxe, 1000 von den übrigen nichtjüdischen Konfessionen,!431 Juden. Im Jahre!686 dagegen 37 792 Orthodoxe, 1507 von den übrigen nichtjüdischen Konfessionen, bei den Juden 1412, mithin im Ganzen 40521, d. h. 5799 mehr als im vorjährigen ersten Quartale. Der Unterschied vertheilt sich in der Weise, daß bei den Orthodoxen 5787 mehr, bei den übrigen nichtjüdischen Konfejsionen 261 mehr, bei den Juden dagegen 9 Todesfälle weniger vorkamen. Nimmt man aus den Geburtszahlen das Mittel, so ergicLt sich, daß auf 10 Geburten eine jüdische kommt. * Ueba: die rumänischen Zustände enthält die Nr. 47 der ״Oesterr. Wochenschr." einen beachtenswcrlhen Artikel, welchem wir das Folgende entnehmen: Es giebt wohl kaum einen Winkel in Europa, in weichem,die Lage der Juden so trostlos wäre, wie in Rumänien. Die Judenverfolgung besteht dort nicht in Ausschreitungen eines aufgehetzten Pöbels, nicht Ln einer Propaganda obskurer Schwärmer oder abgekrachter Individuen, die die Rassenhetze als Nothanker bctrachten, nein, Pöbelausschreitungcn gegen die Juden gehören dort zu den Seltenheiten und antisemitische Verbände existircn dort gar nicht. Die Judenverfolgung hat einen andern Vorn, einen unev[cT)öpftid)cn, ihr Quell ist die Regierung, oder eigentlich ihr intellektueller Gewalthaber, ihr absolutistischer Chef, Joan C. Bratian u. Wer das rumänische Volk aus eigener Wahrnehmung, auS Autopsie kennt, der wird wohl zugeben müssen, daß dorr kein Terrain für den AntisemitiömuS sei. Die rumänische Nation ist eine friedfertige, gastsrenudliche, ja., man kann sagen eine liebenswürdige. Der Rumäne lebt mit den! Juden in trauter Harmonie, er gönnt dein Inden seine Existenz und ist mit ihm beinahe sauüliär. Allein alles Uebel kommt von oben! Die Negierung, oder eigentlich ihr Lenker I. C. Bratianu. hat eine systematische Judenverfolgung inaugurirt und betreibt sie mit enter Konsequenz, mit einer Zähigkeit, die nicht nur einen Philosemiten, sondern jedem wahren Menschenfreunde mit Aergcr und Abscheu erfüllen müssen. Herr 2. C. Gratianu begnügt sich nicht damit, den Juden ihre politischen Rechte vorzuenthalten, er will sie ä tont prix auch materiell ruiniren. Er will sie an den Bettelstab bringen,' sie ganz auSmerzen. Jeden Tag schneidet er ihnen einen anderen Erwerbszweig ab, um sie ihrer Existenz zu berauben. Er schafft keine Gesetze gegen die Juden — inkonstitutionell, wäre illiberal —er schafft nur Gesetze gegen ״Fremde", und wer könnte ihm da verwehren, seine Nation gegen fremde Elemente zu schützen, nationale Gesetze zu schaffen! Aber wer ist der Fremde? Der Jude, nur der Jude ist es. Bei aller Abneigung gegen Fremde bekommt der Deutsche, der Franzose, der Italiener u. s. w. doch leicht das Jndigenat, nur der Jude bleibt ״fremd". Den Sack schlägt mau, den Esel meint man. Der J1!stizminisier läßt sich neulich von allen Gerichtshöfen einen statistischen Ausweis einsendeu, wie viele Zivilprozesse, zwischen Juden und Nichtjuden ge« führt, zu Gunsten der ersteren ausgefallen seien; dann heißt es in demselben Erlasse, es seien Klagen laut, daß die Richter sich zu Gunsten der Inden decinflusseu lassen, Nun ist das nicht deutlich genug gesagt, wie sich die Richter künftighin bei Prozessen zwischen Inden und Nichtjuden zu verhalten haben? Zum Glücke haben wir von dem rumänischen Richterstande eine bessere Meinung als I. C. Bratianu und seine Kreaturen. Wir übertreiben nicht, wenn wir behaupten, daß es bei diesen! System noch ein Wunder ist, daß die öffentliche individuelle Sicherheit für die Juden nicht gefährdet sei. Allein, das haben wir nur dem Charakter und der Gutmüthigkeit des rumänischen Volkes zu verdanken, nicht der Negierung. י Ans Nurnärrien. Das NechtSbewußtsein treibt doch manchen Antisemiten gegen die unsinnigen Anschuldigungen, welche man gegen die Inden schleudert, das Wort zu ergreifen. So schreibt die zu Krajova erscheinende Zeitung ״Olttmnil", daß es eine Lächerlichkcit sei, den Juden darüber Vorwürfe zu machen, daß sie sich gewisser Handels- und Industriezweige bemachtigten. Warum entwickeln denn die Rumänen nicht selbst die gleiche Intelligenz und die gleiche Emsigkeit wie die Juden! Warum sind sie faul und indolent? Die Juden haben den Rumänen nichts genommen, sie haben in redlicher Weise gestrebt, und wenn sie hier und dort vom Glücke begünstigt seien, so könne man ihnen darum keinen Vorwurf machen. Und die Anschnldiguug der größeren Fruchtbarkeit des jüdischen Stammes sei gar ungereimt. Man habe sich früher in Nulnäuien gefreut, daß die Jnd.en ins Land gekommen. Hätte man sic doch nicht ausgenommen! Da sie nun aber da seien, könne man ihre Vermehrung doch nicht hindern. Wir sind auch der Meinung, sagt ״Olteanul", daß die Juden ein Unglück für unser Land sind, aber man darf trotzdem nichts gegen sie 1 rhnn. Wir müssen sie unter uns dulden.

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