Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-12-09
- Page
- 776 (sequence 2)
- Language
- German
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776 sporne der antisemitischen Liga, denen das stille friedliche Dasein des kleinen jüdischen Kreises innerhalb der Studentenschaft ein Dorn im Auge war. Sie suchten begierig nach einer Gelegenheit, den Mitgliedern desselben den Verdruß recht empfindlich zn bezeigen, den ihre bloße Gegenwart ihnen verursachte. Nun ist bekanntlich nichts leichter, als eine solche Gelegenheit herbeizufnhren, wenn sie sich nicht ungerusen ein stellen will, und nach studentischen Gewohnheiten ist die Veranlassung zu einer ״Contrahage" unschwer gegeben, eS braucht nur einer eine solche zu suchen. An einem Sommcrabende befanden sich die Freunde in einem Gartenlokale. Unweit von ihnen saßen mehrere Studenten der Liga, welche sich Lebhaft über die brennende Frage des Tages unterhielten. Es warnämlich an einer anderen Universität die Wahl zum Rektor auf einen Professor gefallen, welcher das Unglück hatte, Jude zu sein. Darob herrschte begreiflicher Weise in allen Kreisen große Ueberraschung. Noch begreiflicher ist es, daß dieses Erstaunen in antisemitischen Zirkeln sich als Entrüstung äußerte, und nicht minder begreif-!ich. Laß diese Entrüstung nirgend lebhafter getheilt ward, als gerade in der studentischen Liga. Man verhandelte hier in lebhaftester Weise über die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit der Genehmigung dieser Wahl seitens des Ministeriums. Dieses Thema bildete auch den Stoff der lebhaften Unterhaltung an dem Tische der ligistischen Studenten. ״Ein jüdischer Rektor ist eine Verhöhnung aller Universitäten!" rief Einer. ״Nie und nimmer kann der Minister dem Volksbewußtsein solches zn bieten wagen." ״Sollte aber dennoch das Unglaubliche Wirklich-!eit werden, dann müssen wir allesarumt dagegen jeicr-!ich Verwahrung einlegeu," rief ein Anderer. ״Was an der kleinen Universität sich abspielt, geht alle Hochschulen an, ist Sache aller akademischen Bürger aus deutscher Erde!" ״Wir dürfen cS soweit nicht kommen lassen," schrie ein Dritter. ״Die Liga hat die Pflicht, gegen das seiner Würde als Vertreter deutscher Wissenschaft so wenig eingedeuke Professorenkollegium offen aufzutreten. Vergessen sich die Meister, so haben sie die Zurechtweisung der Jünger zn gewärtigen. Es gilt eine imposante Entfaltung des nationalen Gedankens gegenüber dieser unwürdigen Kundgebung." ״Du hast Recht," rief der Erste. ״Das Volk sott erfahren, daß sein Hciliglhum" in der akademischen Jugend seinen treuesten Schirmherrn findet. Ist cS nicht eine Schmach, daß Judcnbengel an deutschen Universitäten iw.matrckulirt werden, und die Hörsale durch ihre Gegenwart verpesten? Ist es nicht eine Schande, daß leider schon mancher Lehrstuhl von einem Juden eingenommen wird? Soll cS jetzt auch dahin kommen, daß sie Rektoren der Universität werden?" ״Nie und nimmer!" unterbrach ihn ein Anderer. ״Diese Schmach muß abgcwcndct werden." Joseph und seine Freunde hatten diesen in ihrer Nähe überlaut geführten Reden;!!gehört und sich Ge- Walt anthun müssen, nicht dagegen zu remonstriren. Sie standen auf, um sich aus dem Lokale zu entfernen. Sie wollten jedem Streit aus dem Wege gehen. ״Seht da, die feigen Juden," schrie man ihnen von dem andern Tische zu. ״Sie schleichen sich von dannen, sobald sie Gefahr wittern. Ja, wenn sie erst die unbeschränkte Herrschaft an den Universitäten in Händen haben, wenn die armen Christen und Deutschen sich von ihnen Gesetze vorschreiben lassen müssen, dann weiden sie das freche Haupt erheben!" Eine dichte Menschenmenge hatte sich nach diesem Theile des Lokals versannnelt, um Zeuge dieser Provokation zn sein. Lautes Bravo begleitete die höhnischen Zurufe aus dem Kreise des Publikums, welches wie eine Mauer die jüdischen Studenten umgab und ihre Entfernung unmöglich!nachte. Ihre Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit fanden sich ans eine harte Probe gestellt. Sie konnten diese Schmähung' nicht stillschweigend über sich ergehen lassen. Joseph trat zu dem Tische der Gegner heran und sprach im festen Tone: ״Den Vorwurf der Feigheit weisen wir zurück. Wir wollten uns entfernen, weil unS die Ehre der Universität thencr ist, welcher' es wenig geziemen dürste, daß Kommilitonen in einem öffentlichen Lokale an einander gerathcn. Wir können cs nicht für eine Heldenthat erachten, Schmähungen gegen friedliche Genossen auSzustoßen." ״Der Jude will uns Hofmeistern," schrie der Hauptredner. ״Ich fordere Sie, und ein Feigling, der die Forderung nicht annimmt, ein Bube, der die Huudspeitsche verdient." Josephs Antlitz hatte sich entfärbt. Die Mahnung des Vaters trat vor seine Seele, jedem Duck! auszuweichen. Hier aber ward ihm solches aufgedrängt. Eine große Menschenmenge umgab ihn. begierig zu erfahren, wie der Jude sich aus dieser Sache herausziehen würde. Sein Gegner hatte die Peitsche in der Hand, bereit ihn zu mißhandeln, falls er die Forderung ablehnen würde. ״Hier ist nicht der passende Ort für eine Auseinandersetzung," entgegnete er. ״Wenn Sic mich sprechen wollen, so erwarte ich Sie in!!!einer Wohnung." Er nannte dieselbe und entfernte sich mit seiner! Freunden. Der Menge ׳imponirte die ruhige Haltung der jungen Leute. Sie machte ihnen willig Platz. (Fortsetzung folgt.)