Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1886)
- Article
- Rußland : Kiew [Nachricht]
- Date
- 1886-12-02
- Page
- 766 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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- Aleppo 1× ep/1047811
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766 nicht allein abgewiesen, sondern sogar den Behörden gesanglich eingeliefert. — Ferner hört man, daß Einzelne der Ausgewiesenen bald nach ihrer Ausweisung trotzdem hierher zurückkehren, da sie nicht ein noch aus wissen — selbst auf die Gefahr einer erneuten Ausweisung, ja vielleicht noch härterer Strafen hin. — Wie soll dies Unglück enden? Der Allmächtige, der Helfer in der größten Noth, erbarme sich der Elenden!! Kiew, Ende November. Neueren zuverlässigen Ermittelnngen zufolge beträgt die Zahl der aus Kiew in den letzten sechs Jahren auSgewicscncn Israeliten 7001, und zwar wurden im Jahre 1880: 225, im Jahre 1681: 278, im Jahre 1682: 621, im Jahre 1833: 1179, im Jahre 1884/1254, im Jahre 1885: 1468, in den verflossenen zehn Monaten des Jahres 1836: 2076 jüdische Personen auSgewiesen. A s i e n. * Bagdad. Es gelangen über die traurigen Verhältnisse der armen jüdischen Bevölkerung Bagdads, folgende Nachrichten nach Europa. Die armen Juden vermögen die hohe Militärstcuer nicht zu erlegen und werden deshalb in den Kerker geworfen. Die Gesangnisse sind von ihnen voll. Ein großer Thcil der zahlreichen Armen ernährt sich kümmerlich von dein Handel in den Dorfen. Während der ganzen Woche ist der Familienvater unterwegs und kehrt am Freitag vor Sabbatheingang heim, um am Sonntag wiedcrun! seine Wanderung zu beginnen. Ein beschwerliches Loos. Jetzt aber wagen sich die Aermsteu nicht heim, bleiben monatelang auö und schleichen sich daun gleich Dieben auf einen Tag in ihre Wohnungen, um sich des Anblicks der Ihrigen zu erfreuen. Sie fürchten, den Häschern in die Hände zu fallen. Man kann sich vorstellen, welch' trübseliges Dasein unter steter Angst und Sorge sie führen. Die Ihrigen darben. Kürzlich haben fünfundzwanzig Familienväter den verzweifelten Entschluß gefaßt, ihren Wohnsitz nach Aleppo oder Damaskns zu verlegen. Sie machten sich auf den Weg, sind aber an dem Ziele ihrer Reise nicht angclangt, so daß man annehmen muß, daß sie von Beduinen überfallen und niedergemetzelt sind. Amerika. 2 Philadelphia, Anfangs November. Es ist schon zu wiederholten Malen in den Spalten Ihres geschätzten Blattes davon berichtet worden, daß es mit dem jüdischen Leben in Amerika in letzter Zeit nicht mehr so schlecht bestellt ist, wie in früheren Jahren, indem durch unsere eingewanderten russischen Brüder ein guter Kern ins Land getragen ist, der, wenn, auf guten Boden gepflanzt, gehegt und gepflegt, im Stande sein wird, dereinst gute Früchte zu tragen. Aber wenn sich dereinst diese Hoffnung verwirklichen soll, .fo gilt'S vor Allem, der Mahnung eingedenk zu sein חזק ואמץ! Ja seid stark und fest in Euch, stärket und festigt Eure Kinder, Ihr jüdischen Männer aus Rußland, aus daß das einzige Kleinod, daS ihr aus Eurem verwüsteten Heim gerettet und mit hinüber genommen habt in die neue Welt, Euch immerdar erhalten bleibe! Seid auf Eurer Hut! Die Verführer sind Euch stets nahe in stets veränderter Gestalt, auf daß Ihr cingeschläfert überrumpelt werdet! Und das ist's eben, daß der Verführer nicht offen an Euch herantritt, sondern langsam leise heranschleicht — um nur um so sicherer Posten für Posten zu gewinnen. — Einen interessanten Beitrag für die Wahrheit des von uns eben Aus« einander gesetzten bieten die folgenden in der Wise'schen ״Debora" enthaltenen Zeiten. Es heißt daselbst: Unter den kleinen orthodoxen Gemeinden ließ besonders die unserer cingewanderten russischen Glaubensgenossen im südlichen SLadttheile von der vollen Quote der herkömmlichen Festzeit Lurch die äußeren Verhältnisse oder mercenärc Erwägungen nichts abmarkten, wie die bei allen -gottesdienstlichen Versammlungen von eifrig Betenden und Feiernden gefüllte Synagoge an der 5. und Lombard-Straße bewies. Wir erwähnen dies gegenüber mißfälliger Kritik der Festcsfeker und Gebetweise jener Leute, die uns, znineist von orthodoxer Seite kommend, um so auffallender und härter erscheint. Jene Kritik finden wir in besonders starken Ausdrücken in der heutigen Korrespondenz des ״Jsraelite" von hier. Wenn wir an dieselbe einige Bemerkungen knüpfen, so wollen wir vorausschicken, daß wir weit davon entfernt sind, Ungehöriges oder Verwerfliches rechtfertigen oder beschönigen zu wollen. Wir möchten uns nur die beschcidene Frage erlauben: ״What are yon going to do about it?" Welcher Art soll die ״Powerful moasure" sein, die man ergreifen soll, jene Leute aufzuklärcn und ihnen zu beweisen, daß ihr Gottesdienst (?) (daS Fragezeichen befindet sich im Original) nichts ist'S, als bloßes Gcspöttc? Doch nicht äußere Gewalt durch Anrufung obrigkeitlicher Intervention zur Unterdrückung jenes, was man ״nuisance" zu nennen beliebt. Wir erinnern uns noch recht wohl der Zeit, wo die Orthodoxie im alten Vaterlande kein Bedenken trug, die Hüife der Behörde für Unterdrückung der Reform-Bewegung auzurufcn. Gott sei Dank, wir leben in einer anderen Zeit, und in einem freien Lande, in dem ein Jeder Gott verehren kann ״according to the dictate of bis ConscienceNein, vor Allem möchten wir unsere cingewanderten Glaubcnsbrüdern nicht zu schnell aufgeklärt (enlighteud) wissen; das plötzliche Licht möchte sie blenden und verwirren und die Folge solche sein.