Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1886)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1886-12-02
- Page
- 765 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933201--23648-2968012- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Geistlichen, welche sich der Juden annehmen, haben gewiß Anspruch auf die allgemeinste dankbare Auerkennung. Frankreich. x Paris, 27. November. Die am 31. Mai vorgenommene Volkszählung in Frankreich hat für Algerien das überraschende Resultat einer kaum glaublichen Zunahme der Bevölkerung ergeben. 1672 zahlte man in Algerien 2416000 und!885 3617031 Seelen. Der Verdacht, daß entweder bei der ersten oder zweiten Zählung Ungenauigkeiten vorgekommen sind, liegt auf der Hand und wird auch ganz offen ausgesprochen. Die eingeborenen algerischen Israeliten haben sich seit 1876 um 7 079 vermehrt; Ln Wahrheit hat die Zahl der algerischen Inden noch starker zugenvmmen, aber da die meisten Israeliten dort ihre Kinder einfach als Franzosen bei dem ZivilstandS- Register eintrageu lasten, so ist es schwer, sich Einsicht über den wahren Stand der jüdischen Bevölkerung zu verschaffen — mau giebt deren Zahl augenblicklich auf 42 744 in Algerien an. In Algerien lebten in diesem Jahre 225 662 Franzosen (die Armee nicht berechnet), 210 213 Spanier, Italiener und Elsässer, endlich an Araber zählte man 3 273914 Kopse. Rußland. ..2. Warschau. Der ״Wiek" bringt die solgcnden Mittheilnngen über die jüdischen Kolonien in Volhynien: Von allen Kolonien, welche in den letzten 40 Jahren in Volhynien gegründet worden sind, ist nur eine einzige in ihrer ursprünglichen Anlage übrig geblieben; es ist dies die Kolonie Antonowka, während die übrigen nach und nach sich zu kleinen Städtem emporschwangen, in denen mehr Handel als Ackerbau getrieben wird. Die Kolonie Antonowka befindet sich in waldreicher Gegend in der Nähe der Städtchen Garingorvw und Tutschin. Die Kolonie wird von fünfzig jüdischen Familien bewohnt. Die Leute sind äußerst fleißig, bestellen ihre Felder selbst, ohne Hülse fremder Anbauer, die Frauen helfen wacker mit, so daß bei angestrengtem Fteiße auch der Erfolg nicht ausbleibt, indem sie alle ihr gutes Auskommen haben. Auch für Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ist in aus׳ reichendem Maße gesorgt: im Dorse befindet sich eine Synagoge, Schule, Schlachthaus 2c. — nur eins haben sie — zu ihrem Lobe sei's gesagt — nicht: eine Schänke. Abgesehen vom Landbau bsschästigeu sie sich mit Handarbeit; so befinden sich unter ihnen Schuster, Schneider, Tischler, Wagner, Gerber, Holzfäller rc. Einige unter ihnen jedoch, denen im Allgemeinen Landleben und Landarbeit nicht Zusagen, verlausten, zu einigem Wohlstand gelangt, ihr Besitzthum und zogen selbst in die Stadt, um daselbst Handel zu betreiben. Im Weiteren ergeht sich sodann der Korrespondent in Lobeserhebungen über die Kolonisten, was um so anerkennenSwerther ist, als der ״Wiek" im Allgemeinen kein Freund der Inders ist. 3 Kiew, 22. November. Wir haben Ihnen vor׳ Kurzem berichtet, wie durch die neuesten Maßregeln der Polizei eine große Anzahl von unseren Glaubensgenossen Kiew verlassen muß. Wir haben Ihnen auch geschrieben, wie viele Familien dadurch naturgemäß zur Vagabondage geführt werden. Wir hatten es zwar damals noch nicht ausgesprochen, eS uns indessen bereits im Geiste auSgemalt, zu welchen Akten der Verzweiflung jene Unglücklichen möglicherweise getrieben werden. Unsere Befürchtung ist nun leider auch zur Wahrheit geworden. Wie sollte es beim auch anders kommen? Versetzt euch in die Seele jener Acrmften. Von Haus und Hof verjagt, schauen sie hinaus in die weite, weite Welt, in die sie nunmehr hinauSgestoßen werden. Welches Gefühl muß über die Unglücklichen kommen, zumal sie ja das traurige LooS einer Unzahl ihrer Vorgänger im Unglücke täglich so zu sagen vor Augen haben. Jene Unglücklichen waren auch von Haus und Hof verjagt, sie hatten den Wunderstab ergriffen — wenigstens aber hoffnungsvoll der Zukunft entgegengeblickt, daß ihnen, wenn auch vielleicht nach unsäglichen Mühsaten, doch dereinst der Stern des Glückes leuchten werde. Diese Hoffnung ist zu Schanden geworden — die großen Züge Derer, die tagtäglich wieder nach der Heimath ihre Schritte lenken, voll getäuschter Hoffnungen, überreich an bitteren Erfahrungen, sie predigen laut und vernehmbar, daß eS nicht gut aussieht in den sernen Ländern, daß das Elend im eigenen Lande denn doch leichter zu ertragen ist, als in der Fremde. So ist denn den unglücklichen, vom heimathlichen Herde verstoßenen Glanbensbrüdern nicht einmal erlaubt, zu hoffen und zu harren auf bestere Tage in fremden Ländern. Wenn aber der letzte Schimmer des Hoffnungsstrahles erbleicht, dann hält die düstere Verzweiflung ihren Einzug in des Menschen stilles Kämmerlein, ins Herz. Und weh dem Armen, der der Verzweiflung verfällt! Unberechenbar ist, was der Verzweifelte unternimmt! Kein Wunder drum, wenn wir hören müssen, daß unsere vertriebencn Glanbenöbrüder, der letzten Hoffnung, im sernen Lande ein einigermaßen erträgliches Dasein zu finden, beraubt, in ihrer furchtbaren Verzweiflung ihres Glaubens vergessen — und sich den Karäern in die Arme werfen. Es heißt nämlich, daß eine Anzahl der Ausgewiesenen bei den Karäern, die des Glückes der Emanzipation theilhastig sind, um Einlaß in deren Glaubensbund angepocht haben. Sie wurden jedoch