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Jeschurun · 1886-12-02 · Heft 48 (2.12.1886) · p. 763

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 48 (2.12.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1886-12-02
Page
763 (sequence 2)
Language
German
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763 zu machen. Nun besteht eine bekannte Verordnung aus dem Jahre 1854 gegen politische und andere diverse Demonstrationen, auf Grund welcher die Beseitigung der erwähnten Firmatafel vor der Bezirkshauptmannschaft hätte dekretirt werden können. Mein man empfindet stets einen unüberwindlichen Widerwillen, dem Antisemitismus entgegenzutreten. Er ist ein Produkt der derzeitigen Strömung, und gegen den Strom schwimmen ist bekanntlich nicht Jedermanns Sache. Der Antisemitismus hätte niemals diese Dimensionen annehmen und bis in die breitesten Volksschichten getragen werden können, wenn man in maßgebenden Kreisen nicht eine heilige Scheu empfände, sich mit ihm eingehcuderer zu beschäftigen. Nur so ist es möglich, daß gegen eine Glanbcnsgenossenschast, welcher gesetzlich die gleichen Rechte mit den übrigen Konfessionen gewährleistet ist, schon Jahre hindurch eine Hetze in Szene gesetzt wird, die bei jedem vernünftigen und tzonnetten Menschen Ekel und Abscheu erregen muß.. Nur deshalb ist es erklärlich, daß sich eine Schandlitcratur ärgster Qualität, welche die niedrigsten Volksklassen zw Provokationen und Thätlichkeiten gegen die Inden direkt anspornt und verleitet, ohne von der Staatsanwaltschaft rcsp. Preßbchörde behelligt zu werden, großziehen und bis in die weitesten Gauen des Reiches Verbreitung finden konnte. Nur damit ist cs zu motiviren, daß öffentliche Brandreden gegen die Inden gehalten werden können, die die Gesinnung der Mittelklassen vergiften und den oberen Regionen zum Gaudium dienen. Wenn sich Herr Pernerstorfer aus das Tiefste verletzt fühlt, wenn er eö wagen darf, in öffentlicher Wählerversammlang auszusprechen, daß er eS als eine ״niederträchtige Verlämndung" betrachte, wenn ihm vorgeworfen werde, er wäre nicht mehr der gewaltige Antisemit, als zur Zeit, da er sich um das Neichsraths-Mandat beworben; wenn Herr Fiegl, der an einer Landesschulc als Lehrer fnngirt und auch vom Steuergelde der Juden besoldet ist, es wagen darf, allüberall seinen Haß gegen die Juden zu Lokumentiren, ohne befürchten zu müssen, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, .dann wird man es wohl begreiflich finden, daß das Beispiel der Antisemiten-Apvstel Schule gemacht. Was ist auch in der That die Aufschrift ״Christliche Tuchhandlnng" aus der Firmatasel eines obskuren KramcrS einer Provinzialstadt im Vergleiche zu der wirkungsvollen, zündenden Kapuzinade eines antisemitischen Mittelschullehrers, den unglücklicherweise dazu noch die Gloriole des Abgeordneten- Mandats umgicbt, gehalten vor einer im Biergenusse selig gewordenen Wählerversammlnng der Urgermanen? Die Folge der Aufhebung des erwähnten Verbotes dürste zweifellos sein, daß das Beispiel mit den ״Christlichen" Ausschriften auf den Firmatafcln starke Nachahmung finden wird. Was dies zu bedeuten hat, kann nur Derjenige ermessen, der in einer Provinzialstadt wohnt, wo derartige ״Vorkommnisse", stets Ereignisse sind, den Gegenstand des Gesprächsstoffes bilden, zu Feindseligkeiten und Thätlichkeiten ausrcizen, die oft in Ausschreitungen und Gewaltthätigkeiten übergehen. Die ״Christlichen Firmatafeln" sind eine neue Vethätigung des ״praktischen Christenthnmö". Herrn Hofprediger Stöcker wird das Herz im Leibe lachen, wenn er erfahren wird, welch' neue Seite die österreichische GesirmungSgenossm dem ״praktischen Ehristenthum" des lutherischen Pastors abgewonnen und wir gehen nicht fehl, wenn wir.annebmen, daß er Allen, die negativ oder positiv diese Bethätignug seiner Lehren ermöglichten, aus Dankbarkeit die Hand schütteln wird. Allem für Juden hat der Gegenstand nicht nur eine hochwichtige moralische, sondern auch eine Liefeingrcifende materielle Bedeutung. Eine christliche Firmatasel heißt so viel als ״kauft nicht bei Juden". Die Idee, in dieser Weise für sich eine ״christliche" Reklame zu machen und dem Juden die Kunden abzuwcnden, ist eine Herrliche. Die kleinen winzigen BignetteS mit ״Kauft nicht bei Juden", die man auf Thür und Thor anhestete, hat der Zehnte nicht bemerkt und schließlich wurden sie polizeilich beseitigt. Welchen Effekt hat dagegen eine Firmatasel, auf welcher mit lapidarer Schrift in goldglänzenden Buchstaben weithin schon zu lesen ist: ״Christliche Tnchhandlung". Wir sind in der That begierig zu wissen, ob die politische Behörde den Wink des obersten Verwalt nngsgerichtshofcs verstanden hat und die Beseitigung der berühmt gewordenen Firmatasel wegen ״Provokation" dekretiren wird. Es ist hoch an der Zeit, daß man maßgebenden Orts endlich mit Ernst dazu schreite, die vielköpfige antisemitische Hydra zu zertreten, soll nicht der Kampf Aller gegen Alle entbrennen und das vielgeprüfte Vaterland noch weitern Prüfungen entgegengehen. H oll and. M NoLterdam- 26. November. Eines der Steckenpferde, ans welchen der internationale Antisemitismus — wie eine ״rsthe" gicdt es auch eine antisemitische Internationale — Ijcminreitet, ist die angebliche ״Abneigung der Inden gegen das Handwerk." Da mag es denn von Interesse sein, von den Auslassungen der bedeutendsten Zeitung unseres Landes, die zu ganz anderem Zwecke geschrieben sind und deshalb an Werth gewinnen, Notiz zu nehmen. Der Zweiten Kammer ist von Seiten der Negierung ein Gesetzentwurf bez. der Beförderung der Sonntagsruhe vorgelegt worden, und da schreibt der durchaus nicht philosemitische ״Nieuwe Notterdainsche Courant": ״Daß dieser Gesetzentwurf auch in Amsterdam die Interessen Vieler bedroht, wird Jedem einleuchten, der

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