Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-12-02
- Page
- 761 (sequence 1)
- Language
- German
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M 4&. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. -a- Berlin, 24. November Die wackere ״Kreuzzeitung" glaubt sich an dem Genius des heiligen Antisemitismus zu versündigen, wenn sie irgend eine Gelegenheit vorübergehen ließe, das deutsche Volk vor der ihm von Seiten des Judenthums drohenden Gefahren zu warnen. Sie betrachtet sicherlich den Tag für einen verlorenen in ihrem ruhmreichen Dasein, an welchem sie nicht eine solche rettende Thal zu verzeichnen hatte. Darum ist sie so erfinderisch, Alles und Jedes mit den Juden im Allgemeinen und mit den deutschen Juden im Speziellen in Beziehung zu setzen. Da hat der französische Handelsminister Lockroy die Absicht, eine Verschärfung der Gcgetzgcbung gegen die Einfuhr fremder Waaren unter französischer Marke zu erlassen. Was kümmert das die Juden und was die deutschen Juden? Ja, das meint wohl ein gewöhnlichcr Kopf. Die ״Kreuzzeitung" ist aber weiser als alle Sterblichen. Man höre, staune und neige bewundernd das Haupt. In der heutigen ״Kreuzzeitung" ist eS schwarz aus weiß zu lesen. Dieser Entschluß des französischen Ministers ist ein Zeugniß des stark ausgeprägten französischen Nanonalbewnßtseins. Die Deutscheu besitzen leider ein solches nicht. Wer ist Schuld daran? Theilweise die Juden, die das weltbürgerliche Moment mit besonderer Vorliebe pflegen. Nun, da wären wir glücklich bei den deutschen Juden augelangt und nun frisch d'rauf los! Man bedenke den weiten Weg, den der antisemitische GeisteSflug in einem kurzen Moment zurücklegt — von Paris nach Berlin, von dem Minister Lockroy zu dem jüdisch-deutschen Literatenthum. — Nur eine kurze Frage: nimmt die fromme ״Kreuzzeitung" nicht für das Christenthum im irrthüm-!ich behaupteten Gegensatz zum Judcnthum gerade das weltbürgerliche Moment in Anspruch? Und was bei dem Christenthum ein vermeintlicher Vorzug ist, sollte dem Judenthum zum Vorwurf gereichen?? U. A. w. g. * Berlin, 29. November. Von der gesummten ortsanwesenden Bevölkerung .des preußischen Staates waren, wie die ״Statistische Korrespondenz" mittheilt, am 1. Dezember 1684 dem Religionsbekenntnisse nach 18 243587 (64,42 Proz.) evangelisch und 9 621 624 (33,97 Proz.) katholisch; 1437 waren griechisch-katholisch oder russisch-orthodox; 83020 (0,30 Proz.) gehörten zu den sonstigen Christen; 366 543 (1,30 Proz.) waren Juden, 155 Bekenner anderer Religionen; bei 2183 war die Angabe des Neligionsbekeuntnisses unverständlich oder so unbestimmt, daß eine Zutheilung zu einer der vorgenannten Gruppen nicht erfolgen konnte. 761 ׳ Zeschnnm. und bei 1346 Personen fehlte diese Angabe in den Zählkarten überhaupt und konnte auch weder aus dem sonstigen Inhalte der Zählpapiere, noch durch Rückfragen ergänzt werden. Von den im Alter von über 6 bis 14 Jahren stehenden 5 225 884 schulpflichtigen Kindern waren 3326931 evangelisch, 1619233 römischkatholisch, 15 407 waren griechisch-katholisch, oder gehörten zu den sonstigen Christen, und 64308 waren jüdisch. Von je 1000 Personen standen demnach im schulpflichtigen Alter: bei den evangelischen 182,4, bei den römisch-katholischen 188,1, bei den griechisch-katholischen und sonstigen Christen, 178,3 und bei den Juden 175,5. Auch bezüglich der Vertheilung nach dem Geschlechte macht sich ein Unterschied zwischen den Bekenntnißgruppen bemerklich; denn unter je 1000 Personen befanden sich bei den Evangelischen 489,2, bei den Katholiken 493,2, bei den sonstigen Christen 481,8, bei den Juden 492,1 und bei den Vekennern anderer Religionen (Mohamedanern, Buddhisten u. s. w.) sogar 677,4 Männer. -a- Berlm, 30. November. Die ״Kceuzzeitung" ist heute so glücklich, ihren Lesern eine wunderbare Geschichte zu Nutz und Frommen des heiligen Streits wider die bösen Juden zu erzählen, welche sie den schönen Titel ״Zur Judenfrage" gegeben hat. Sie leitet diese schöne Erzählung mit den Worten ein: ״Daß ,unsere Leut'' eS meisterlich verstehen, bei allen Geschäften noch immer schön rauS zu kommen, dafür folgendes Geschichtchen, das recht lehrreich ist." Darauf erzählt sie gar erbaulich eine etwas verzwickte Geschichte von ״einem Juden ans Guben, Lasser ulkt Namen," welcher erst glaubte, bei einem Gutskaufe den Verkäufer zu prellen, hernach aber selbst der Geprellte war, endlich aber doch der Preller blieb. Worauf die Geschichte mit der tiefen, bedeutsamen Frage an den lieben Leser schließt: ״sollte Lasser dieses Kunststück nicht schon öfter gemacht haben, und wie viel Lasser giebt eS wohl?" Ich habe keine Veranlassung, um den Preis in der Beantwortung dieser Frage mit zu konkurriren, will auch nicht untersuchen, ob dieser Gubcner Lasser wirklich der große Schlaukopf von ״unsere Leut'" ist, um den Jargon der ״Kreuzzeitung" zu gebrauchen. — Ich lese aber zujällig Ln dem gestrigen ״Berliner Tageblatt" als Gegenstück das folgende Geschichtchen: ״Ein in Kassel erscheinendes Antisemitenblatt, ״Das Grldmonopol", machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, die Juden wegen Zinswuchers in der leidenschaftlichsten Weise anzugreifen. Nunmehr hat sich aus Anlaß einer Verhandlung der Strafkammer ergeben, daß der vor Jahresfrist verstorbene Redakteur des ״Geldmonopols״ nebenbei ein Pfandleihegeschäft betrieben hat, um einen ZinSgenuß von 10, nach einem Kasseler Blatte, bis zu 20 Prozent zu er-