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Jeschurun · 1886-12-02 · Heft 48 (2.12.1886) · p. 756

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 48 (2.12.1886)
Article
Aus dem Geheimarchiv der Reform
Date
1886-12-02
Page
756 (sequence 2)
Language
German
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ist demgemäß die eigentliche Tradition. Was von ihm in der Gegenwart noch erfaßt wird, bildet mit der Schrift zusammen die Religion. ES ist demnach ein unvernünftiges, ja frevelhaftes Beginnen, diese Neligion wcgphilosophircn zu wollen. Aufgabe der Wissenschaft ist cs vielmehr, sic in ihrem Wesen zu erkennen, Aufgabe der geistlichen Führer, ihr Achtung und Bekenner zu erhalten. Das ist meine Anschauung über den von uns zu wahrenden Standpunkt. Er heißt weise Akkomodation. Eine gewisse Zurückhaltung und Mäßigung ist weit angczeigter, als ein schrankenloses Jortwartstrciben. Es ist ein großer und verhängnißvoller Fehler, daß die Rabbiner glauben, sie hätten sich an die Spitze der Bewegung als treibender Motor zu stellen. Im. Gegentheil; es geziemt ihnen vielmehr, die Bremse zu handhaben; das ist ihrem Stande weit angemessener. Man erwartet von ihnen auch nichts Anderes. Das Volk will sich gern Zügel und Leitscil aulegen lassen. Es empfindet das Bedürfnis der Führung. Es fürchtet instinktiv, daß ihm endlich von der Religion nichts mehr übrig bleibt. Darum gebietet cs auch die Rücksicht auf den Rabbinerstand, dem sonst gar leicht jeder Boden im Volke entzogen werden möchte, weniger als Zerstörer, denn als Erhalter auszutrcteu. Es giebt keinen Stillstand — darum sind jene Thoren, welche der Entwickelung der Zeit Einhalt gebieten und sich selbst ihr entziehen wollen. Alles soll konservirt, nichts geopfert werden! rufeit sie und sind so kindlich naiv, dcn von mir vorhin entwickelten Begriff der Tradition zu verwerfen und buchstäblich zu glauben, daß MoscS in der That von Gott die Schrift nebst der als mündlichen Lehre in der Mischna niedergeschriebenen Erläuterung cmpsangen habe, mithin in Wirklichkeit die Tradition ebenso göttlich sei wie die Schrift. Wenn wir weise handeln wollen, so lassen wir uns hierüber mit diesen Stabilen in keine Polemik ein und vermeiden es überhaupt, unsere kritische Ansicht allzusehr in den Vordergrund zu stellen. Es hat ja dieses gar keinen Nutzen und nur Schaden. Wir können diese Stabilen als Hemmschuh für dcn sonst in ungemessenen Weiten sich, verlierenden Fortschritt gebrauchen. So werden wir beiden Extremen gerecht erscheinen. Die Stabilen schonend und bei ihnen mit dem Hinweis ans die Forderungen der Fortgeschrittenen, denen wir thcilweise cntgcgcurrctcn, das Aufgebeu deS unvcrrückbaren Stillstandes rechtfertigend, — die Fortgcschritteneu mit dem Hinweis auf die Starrheit der Stabilen von zu extremen Schritten zurückhaltend. So allein beherrschen wir die Situation und werden vom Volke allseitig als seine weisen Bcrather und Leiter anerkannt. Wir werden eine Schule gründen, die des Kon^ servatismns, gleich entfernt von einem unvernünftigen Radikalismus, wie. von einer starren, stabilen Rechtglänbigkcit. Und wenn wir eine solche geschaffen haben, und eine Anzahl unserer Schüler angesehene Gemeinderabbinate innehat, da wird .es auch an der Zeit sein, dem von mir langst als dringend erkannten und bozeichneten Erforderuiß der Einsetzung von jüdischen Konsistorien, näher zu treten. Das Rabbiueramt wird alsdann in Wahrheit in den Gemeinden herrschen und die in unseren Schulen gepflegte Lehre als deutsches Slaatsjudcnthum proklamirt werden. Dann geht von uns allein die Horaah ans; wir stellen die Semichah wieder her. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, wo alle Hüllen fallen können und mit deu bis dahin sorgsam geschonten Stabilen ein ernstes Wort nicht mehr zu scheuen ist. Sokrates. Spticn Md die Juden. In jüdischen Blättern wird in letzter Zeit die Wiederansicdclnng der Juden in Spanien behandelt. Von deutschen Zeitungen ist es die ״Jüdische Presse", welche durch Mitthcilnng eines Briefwechsels, welchen sie mit Herrn Isidor Lopez Lapuya in Madrid führt, diesen Gedanken propagirt. Herr Isidor Lopez Lapuya giebt in Madrid eine Zeitung: ״El Progreso" (Der Fortschritt), ein politisches Blatt, hercms, welches unlängst unter der Ueberschrift ״Die Rückkehr der Juden", folgenden Artikel brachte: Wir sprechen über ein Thema, das von der öffentlichen Meinung anfgcgrissen wurde, beabsichtigen jedoch nicht, dasselbe schon heute eingehender Zn diskutircu. Es gilt, den Jrrthum wieder gut zu machen, dessen Opfer die jüdische Bevölkerung Spaniens im Jahre 1492 geworden ist, und dies kann dadurch geschehen, daß die Rückkehr der Nachkommen jener spanischen Juden in ihr Vaterland vorbereitet wird. Zn diesem Bchufe wollen wir innerhalb des Rahmens einer Tageszeitung, welche schnell hingcworfene Ideen im Gegensätze zu den sorgfältig ausgeführten, ruhigen Raisonnements der Bücher verlangt, einige Vorgänge zusammcnstetlcu, welche, da sie bisher in Spanien noch nicht veröffelttlicht sind, der Mehrzahl unserer Leser wahrscheinlich neu seilt werden. Kurz nach der Revolution von 1868 unternahmen verschiedene Londoner Juden Vorarbeiten, um sich in Spanien nicderzulassrn. General Prim unterhielt mit ihnen eine interessante Korrespondenz, aus welcher hervorgeht, daß er dem Projekt günstig gesinnt war. General Serrano, Ncunero, Ortiz und Sagasta setzten seitdem die Korrespondenz mit den Londoner Juden mit größerem oder geringerem Interesse, jedoch in gleichem

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