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Jeschurun · 1886-11-25 · Heft 47 (25.11.1886) · p. 742

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 47 (25.11.1886)
Article
Jüdische Briefe aus und über Rußland
Date
1886-11-25
Page
742 (sequence 2)
Language
German
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742 vergeudet und die Gemeinden dem Ruine entgegenführt? Spürt ihr denn nicht das schwere Joch, welches man euch aushalst? Fühlt ihr nicht, wie man euch das Mark aus den Gebeinen zieht? Seht ihr denn nicht, wie sie — eure Führer und Leiter — das Wort des lebendigen Gottes durch ihre Thateu verhöhnen und kein anderes Endziel haben, als das Judcnthum, sür welches eure Väter cm Leben voller Sorgen und Entbehrung gelebt und einen qualvollen Tod nicht gescheut, verachten und die Thora aus eurem Herzen und den Herzen eurer Kinder zu reißen, daß ihr und sie gleich ihnen Verächter des Judenthums werdet??!! Wahrlich, hätte Jemand den Muth zu solcher Rede, so setzte er sich nicht nur der allergrößten Gefahr aus, bei den Behörden fälschlich denunzirt zu werden und die schrecklichen Folgen einer solchen Denunziation zu tragen — wir sagen, fänden sich für das Judenthum erglühende Männer, welche ihre Existenz und ihre Freiheit wagen wollten, indem sie jenen die Larve vom Angesichte reißen und das Volk über ihr wirkliches Wesen ausklären möchten, so würde es doch ein vergebliches Mühcn sein. Denn nach den hiesigen Gesetzen über die Presse kann nichts veröffentlicht werden, waö nicht die Zensur passirt hat und mit dem Imprimatnr des angestcllten Zensors versehen ist. Die Zensoren sind aber ihres Gleichen, und deshalb sind alle Versuche, mit dem Worte her Wahrheit ihnen zu begegnen, gescheitert. Also sind die Gesctzeötreuen ihrer Willkür gebunden überantwortet. Kein Seufzer, keine Klage, keine Beschwerde, kein ausklärcndcs Wort vermag in die Oeffentlichkeit zu dringen. Sie, die Feinde des Judenthums, führen das Regiment und handhaben es mit unbarmherziger Strenge, angeblich sür die Interessen der Juden und zum Heile des Judenthums, in Wahrheit aber zur Vernichtung desselben. Ein großer Theill der in hebräischer Sprache erscheinenden Zeitungen steht vollständig in ihrem Dienst und ergeht sich fortwährend in bcr Herabwürdigung der GesctzeStreuen, über welche man sich sogar nicht cntblödet, offenbare Unwahrheiten zu verbreiten. Die hiergegen von Korporationen oder Einzelnen eingesandten Berichtigungen werden meistcntheils zurückgewiesen, oder, wenn ausnahmsweise angenommen, so beschnitten, und verändert zum Abdruck gebracht, daß sie als Berichtigungen kaum noch angesehen werden können. Diese Presse verherrlicht die Maßkilim und ihre Thateu und zieht Alles in den Staub, was von GesctzeStreuen ausgeht und mit ihnen zusammcuhängt, so zwar, daß man getrost annchmen kann, wo in den Spalten dieser Glätter irgend etwas gelobt und anerkannt wird, cS sich auf die Reform und Reformer bezieht, wo aber eine Sarge oder eine Person recht geschmäht und ver- •'nglimpft wird, es sich um eine wirklich gute Sache und eine wahrhaft fromme und verdienstvolle Persönlichkeit handelt. Aber auch dieses kann nur gedacht, aber nicht öffentlich ausgesprochen werden. So glauben wir denn das Resultat unserer bisherigen Mittheiluugen dahin zusammcusassen zu können: Die Reformer treten bei uns als die Frommen, Gottesfürchtigen und für das Judenthum begeisterten Vertreter aus. Sie haben die Macht in Händen, beherrschen die Gemeinden und die öfsentliche Meinung. Sie täuschen die Unkundigen. Sie wissen auch unsere Brüder im Auslände zu berücken. Diese sollten deshalb gewarnt sein, nicht vertrauensselig Alles als Wahrheit über Rußland hinnehmen, was sie aus solchen trüben Quellen schöpfen. Sie sollten vor Allem sich hüten, durch die Autorität ihres Namens die geheimen Bestrebungen dieser Wortführer zu decken. Sie sollten ferner namentlich sich in Acht nehmen, in ihnen fremde Angelegenheiten — und die hiesigen jüdischen Verhältnisse sind ihnen fremd — rathend und handelnd eingreifen zu wollen. — Bon Naphtali Simon. (Nachdruck verboten) (Fortsetzung.) ״Ereifern Sie sich doch nicht!" unterbrach ihn der Agitator. Wozu führt die Erhitzung des Gemüthcs? — Sie werden doch nicht in Abrede nehmen wollen, daß die Juden nur aus Klugheit und Schwäche keine Empörer waren. Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß die vielgernhmte Menschenliebe der Juden sich nur auf ihre Stammesgenossen erstreckt. Damit ist aber der Beweis vollauf erbracht, daß die Juden sich als Fremde fühlen in unserem Lande und deshalb nur Anspruch auf diejenigen Rechte haben, die Fremden gebühren." ״Ich nehme dieses allerdings in Abrede," ries Mansfeld. ״Nicht kalte Berechnung, sondern das warme Gefühl inniger Anhänglichkeit und treuer Liebe verbindet uns mit dem Vaterlande und unfern Mitbürgern, deren Leid wir Mitempfinden, deren Freude wir theilen." ״Da steht sich eben Behauptung gegen Behauptung," entgegnete der Agitator. ״ES dürfte Ihnen schwer fallen, die ihrige zu erhärten, während ich mich auf die allbekannte Thatsache bernfe, daß der gegen seine Stammesgenossen milde, weiche Jude gegen die Christen der unbarmherzige, kalte Gläubiger ist, der die Schwäche ausbentet und sich freut, wenn er den Herrn und Gebieter des Wirthsvolks spielt. Von der

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