Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1886)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1886-11-18
- Page
- 734 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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734 sammcn, ihr Alle, die ihr euch der armen Bruder annehmen wollet, und schaffet bessern Nach. Nicht England und Deutschland allein vermögen das große Werk, welches allen Juden, ohne Ausnahme, allen Juden aller Länder, die in Ruhe und Frieden weilen, obliegt, das große Werk der Hülfe und der Rettung an den unglücklichsten und elendesten Brüdern zu vollführen. Tretet zusammen und schaffet Rath in der höchsten Roth. Sol! die schwere Zeit, in welcher wir leben, uns nicht als die ächten Söhne Israels finden? Soll es von uns heißen, daß wir, daS Israel der Gegenwart, zu engherzig gewesen sind, die Rettung unserer unglücklichen Brüder zu bewirken?? m. Lorrdorr. AnS einem kürzlich erschienenen statistischen Werke entnehme ich, daß nach der letzten Zählung in England 110 000 Juden wohnen, wovon 41 700 in London. il. London, 14. November. Am vergangenen Freitag verstarb hier plötzlich der bekannte Herausgeber der hebräischen Wochenschrift ״Halcbanon", Herr Jechiel Vril, im Alter von einundsunfzig Jahren. Der Verblichene, welcher buchstäblich ans seiner rastlosen Thätigkeit zu einem bessern Dasein uns entrissen worden ist — er starb die Feder in der Hand — hat ein sehr bewegtes Leben geführt. Er begründete den ״Halebanon" vor etwa zwanzig Jahren in Jerusalem, siedelte alsdann nach Paris über, ging später nach Mainz und kam vor zwei Jahren hierher. Er schrieb einen ausgezeichneten hebräischen Stil nttb war ein gewandter Literat. Mühsal und Dürftigkeit waren die ständigen Genossen seiner irdischen Wanderung. Er hinterläßt Frau und Kinder in dürftigen Verhältnissen. Möge man sich ihrer annchmen! Der Entschlafene aber möge im lichten Jenseits den Lohn für sein hieuidigcS Schassen finden. ת׳נ׳צ׳ב׳ח׳. Rußland. ...׳/. Warschau, November. Zur Kennzeichnung der Gesinnung des Landvolkes, welches, wenn nicht künstlich zum Judenhaß aufgcstachelt, im friedlichen Verkehr mit den jüdischen Mitbürgern lebt, möge die folgende Geschichte dienen, welche die jndcnfrenndliche Zeitung ״Kjobljanin" berichtet. In den zu den Besitznngcn des Fürsten Sangnshka gehörigen Ortschaften befinden sich seit langer Zeit sehr viele Wirthshäuser in jüdischen Händen. In Folge des für die Inden erlassenen Verbots des BranntwcinanöschankS, erging der Beseht an diese jüdischen Krüger, etwa dreißig an der Zahl, ihre Wohnorte zu verlassen Sie remonstrirten dagegen unter dem Hinweise, daß sie ihre Wohn- Häuser längst käuflich erworben hätten und deshalb nicht zum Verlassen ihres eigenen Besitzes angehalten werden könnten. Die Sache kam vor die Gerichte und fiel selbstverständlich zu Ungunsten der Inden aus. Dieselben wurden zum augenblicklichen Verlassen ihrer Wohnorte verurtheilt. Die Säumigen sollten mit Gewalt exmittirt werden. Der Exekntivbeamte kam auch nach dem Dorfe Haliki im Kreise Saßlawl (Volhynien), vm den dortigen jüdischen Krüger auszutreiben. Er fand ihn nicht zu Hause, wohl aber dessen Kinder, welche die Hände vollauf zu thun hatten, um die zahlreichen Gäste, Landleute zu bedienen. Der Beamte forderte die Bauern auf, ihm bchülflich zu sein, die Habscligkeiten des WirthS auf die Dorfgasse hinausznbringcn. Vergebens bot er einem Jeden dreißig Kopeken für die Stunde. Alle antworteten: nein, dem Juden gehört dieses HauS, und wenn er aus demselben verjagt wird, so geben wir ihm gern in unseren eigenen Häusern Unterkunft. Es blieb dem Beamten nichts anderes übrig, als aus einem anderen Dorfe Bauern zu requiriren. welche des Juden Eigenthum auf die Gasse schafften. Kiew, 10. November. In letzter Zeit sind wieder die Verhaftungen von Inden aus der Tagesorduung, und zwar nimmt die Polizei dazu in vielen Fällen folgende höchst schlaue Maßregel. Wenn jemand, dessen Paß abgelaufen ist, denselben per Post behufs Umtausch gegen einen neuen in seine Heimathstadt befördert und darüber sich einen Einlieferungsschein von der Post ausstellen läßt, so sind sofort die Häscher bereit, um den natürlich momentan Paßlosen auszugreifen und polizeilicherscitS als Gefangenen zur Polizei seiner Heimathstadt zu tranöportircn. In Folge solcher Maßnahmen ist eS um so begreiflicher, daß um so mehr unserer Brüder zum Wanderstab greifen, um derartigen Gewaltmaßregcln, die ja unberechenbar sind, ans dem Wege zu gehen. Wie bei den meisten russischjüdischen Emigranten, so ist auch das Ziel der Kiewer Auswanderer größtenthcils Amerika. * AuS Kowrro berichtet der ״Woßchod", daß der Geistliche, Herr Timofei Dubänökji, NeligionS- Professor an dem Töchtergymnasinm, in seiner bei einer öffentlichen Schulfeier gehaltenen Ansprache eine vornrthcilsfreie. wahrhaft fromme Gesinnung bekundet habe. Es könne und dürfe in der Schule kein Unterschied zwischen Juden und Christen gemacht werden. Aufgabe der Bildung und der Religion sei es, das Gemüth der Jugend mit jenem Geiste der Milde und gegenseitigen Duldung zu durchdringen, daß beide, Christen und Inden, darin wetteifern, im Lichte Gottes zn wandeln und das Hcrannahen jenes Tageü zu fordern, welches der Prophet Jesaja als das Endziel der Menschengeschichte gerechnet hat. Der Vortrag behandelte das Thema״ .׳Die Propheten Israels und ihre Bedeutung für das auSerwahlte Volk Gottes".