Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-11-18 · Heft 46 (18.11.1886) · p. 731

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 46 (18.11.1886)
Article
Deutschland : Regensburg [Nachricht]
Date
1886-11-18
Page
731 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933199--23480-2967811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wolkensäule, im Fcuerbnsch, zwischen den Cherubim tronte, dies Alles glaubt und bekennt Rabinowitsch auf Grund der Thora, Psalmen und Propheten. Und gerade dies Alles glaubten die ersten Christengemeinden, welche sammtlich gläubige Juden waren und blieben. In ihre Fußstapfen tritt wieder die judcnchristliche Gemeinde in Kischenew. Wir Christgläubigen aus dem Gojim sehen mit großer Spannung dieser Bewegung innerhalb Israels zu und wünschen, daß sie auch in Deutschland Platz greifen möge. Ob cs jemals dahin kommen wird, steht bei Gott. Wie Sie gesehen, lieber Freund, ist cS mir ganz und gar nicht um diesen und jenen zu thun, nein, die Masse Israels soll sich an den wenden, den ihre Väter durchstochen nach Sach. 12, 10; neben die heidenchriftliche Kirche soll eine judcnchristliche Kirche treten, die letztere mit Beibehaltung alles dessen, was zur jüdischen Nationalität gehört, beide einig nur in dem Bekenntnis, daß der Gerechte do emunato leben wird, Hab. 2, 4; Röm 1, 16; Gal. 3, 1l. Denn so, wie die Heidenchristliche Kirche z. B. beschaffen ist, kann ich einem Juden kaum verdenken, wenn er bleibt, was er ist. Nach diesem ehrlichen Bckcnntniß meinerseits werden Sie kein Mißtrauen mehr hegen, wenn ich den Verkehr mit Ihnen und Ihren Brüdern nach dem Fleische slichc. Eins steht mir fest: Ger daran arbeitet,.daß der Haß zwischen Christ und Jude endlich verschwindet, und daß gegenseitige Achtung und Duldung statt dessen herrscht — der ist ein Wohlthater der Menschheit — und diese Aufgabe ist mein nächstes Ziel. Es kann aber nur erreicht werden, wenn beide Theile in lebendigen Gedankenaustausch treten und einander zum Verstandniß ihrer Eigenthümlichkcit verhelfen. Nur dies habe ich im Auge, wenn ich mir erlaube, bisweilen Druckschristeu an Sie zu senden und ich bin sehr dankbar, wenn auch Sie mich mit solchen beehren. Könnte sich nur einmal jeder Jude dazu entschließen, die Thora des Bcrith chadascha zu lesen und zu prüfen, so würde das größte Stück der Kluft, die uns trennt, auSgefüllt werden. Den Eindruck müßte der jüdische Leser ganz sicher gewinnen, daß der Geist Mosches und der Propheten in unserm Jcschua lebendig gewesen und daß es nie einen liebenswürdigeren Inden noch edleren Patrioten seines Volkes gegeben hat, als ihn (Luk. 19, 41—44). Ja, cS gicbt in aller Welt keinen, der so verkannt wird, als Er. Aber cü wird und muß ja noch die Stunde kommen, wo sich wiederholen wird, was von Joseph und seinen Brüdern zu lesen ist. (1. Mos. 45, 14—15). Noch lassen Sie mich mit-' Lheilen, daß der berühmte jüdische Akademiker Frankreichs, Dr. Frank, dem Herausgeber des Neveil d'Zsracl schrieb, 24. August 1886: ״Ohne in irgend einer Weise das Projekt zu tadeln, die Entstehung einer judenchristlichen Kirche, möchte ich doch bemerken, daß mir der Erfolg Ihrer Bemühungen gesicherter scheint, wenn Sie sich das Ziel setzen, eine Alliance zwischen den beiden Religionen zu gründen u. s. w. Der Brief steht zu Diensten. Ich schließe mit besten Grüßen an Ihre liebe Frau und bin Ihr ergebener W. Ulmer, Senior und emerit. Pfarrer." □ Kassel, 16. November. Unsere Stadt hat am 15, November die hohe Ehre des Besuchs des Herrn Hofprediger Stöcker aus Berlin gehabt. Der konscrvative Verein für Hessen und Waldeck hatte, um den Vercinömitglicdern einen genuß- und lehrreichen Abend zu bereiten, den Altmeister der christlich-sozialen Partei gebeten, nach dem schönen Kassel zu kommen und daselbst seine Lehre zu verkünden. Gestern Abend war er denn nun auch erschienen und hatte die Freude, vor einer außerordentlich zahlreich besuchten Versammlung im großen Stadtparksaale zu sprechen. Ms er den Saal betrat, herrschte eine Begeisterung, die ihres Gleichen suchte, und obwohl das von ihm Vorgebrachte, bereits so und so oft abgedroschen war, konnte man doch sagen: cs ist zwar eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu. Wenigstens wurde Stöcker nach Beendigung seiner von öfteren ZnstiinnrungSrufen unterbrochenen Rede durch ein Hoch beehrt. — Was die Judcvfrage, die Stöcker in seinem Vortrage gleichfalls berührte, anlangt, so war das Vorgebrachte nichts Neues. Der Kernpunkt war, daß die Judenfrage nur in Verbindung mit dem religiösen Standpunkte, nicht allein als Nassenfrage, betrachtet werden könne. Wir halten es für überflüssig, des Näheren auf die Stöckerscheu Ausführungen einzngchen, da sie — insbesondere auch, was die eben angeführte Behauptung anlangt — in diesen Blättern des Oefteren bereits eingehend kritisch beleuchtet sind. Daß wir nun aber überhaupt von jener Versammlung berichten, obwohl nichts Neues in Bezug auf die Judenfrage in derselben behandelt wurde, geschieht deshalb, weil wir der Meinung vieler Leute entgegentreten möchten, die da glauben, die Anlisemitcnbcwegung habe ihren Höhe- Punkt bereits hinter sich und sie sehe ihrem Ende ent« gegen. Das ist leider keineswegs der Fall. Täuschen wir uns nicht darüber — wenn es auch augenblicklich etwas stiller geworden ist. Oesterreich-Ungarn. § Wien. (GcbahrungS'AuSweis der israelitischen Kultus Gemeinde.) Die Einnahmen dieser Gemeinde stellen sich in ihrer Spezifikation wie folgt: Bethäuser fl. 34418.2l, Fleischbank fl. 2900, Häuseradministration fl. 17 605.45, Bibliothek fl. 75.42, Unterrichts- Anstalten ft. 1519.74, Zcntralfriedhof st. 48 688.91, Rituelle Verköstigung fl. 59.44, Siechen-Versorgung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.