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Jeschurun · 1886-11-11 · Heft 45 (11.11.1886) · p. 719

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 45 (11.11.1886)
Article
Rußland : Kischinew [Nachricht]
Date
1886-11-11
Page
719 (sequence 2)
Language
German
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Lehrhäuser ״Jeschiba" und ״Talmud Thora". Die Zahl der die Jeschiba besuchenden Knaben resp. Junglinge im Alter von 10 bis 20 Jahren beträgt über hundert. Dieselben lernen daselbst ש״ם und פוםקים mit bestem Erfolge. Die Talmud Thora besuchen 150 Knaben, im Alter von 4 bis 10 Jahren. Nun sind auch diese beiden Schulen geschlossen. Unsere Verzweiflung ist groß. Was soll aus unseren des religiösen Unterrichts entbehrenden Kindern werden? Amerika. * Newyork. 22. Oktober. Der ״American Hebrew" ergeht sich in folgender, gewiß sehr beachtcns- und beherzigenswerther Betrachtung über den Unsegen synagogaler Reform. Er knüpft dieselbe an das Geständniß eines ReformprcdigerS, Herrn Jakob Furth, in dessen. Jom-Kippur-Predigt zu St. Louis, daß das JuDenthum in Amerika trotz aller Reformer immer mehr erschlaffe, er aber trotzdem auch nicht einen Schritt auf der Bahn der Reform zurückweichen wolle. ״Man hat den größten Thci! des Siddnr und Machsor ausgemerzt," bemerkt dazu der ״American Hebrew", und den Nest zwischen Kantor und Chor getheilt, der Gemcinde aber die Nolle stummer Zuhörer und Zuschauer zngetheilt. Diese schweigende Theilnahmlosigkeit ist aber endlich langweilig geworden. Dem trägen, geschmacklosen Vortrag der Gebete durch den Vorbeter mangelt jegliche Anziehung. Das Seufzen, Klagen und Quiecken der.Orgel hat seinen Reiz eingebüßt. Das durch Nichtjuden aufgeführte Konzert erregt keine Bewunderung mehr. Die neue Mode der Barhäuptigkeit in der Synagoge zieht nicht mehr und selbst das erste Entzücken über die Einführung der bunten Reihe, in welcher Männer und Frauen neben einander in der Synagoge sitzen, hat für Viele anfgehört interessant zu sein. Daher kommt es, daß die ganze Aufmerksamkeit der Synagogenbesucher sich ans die Predigt konzentrirt. Diese ungehörige Bedeutsamkeit der Kanzel hat aber eine eigensinnige Arroganz bei Denjenigen erzeugt, welche dieselben einnehmen. Anstatt daß die Predigt eine Zugäbe des Gottesdienstes sein sollte, ist sie zu der hochsten Bedeutung anfgcbauscht worden. Anstatt von der Andacht des Gottesdienstes gehoben zu werden, hat sich die Kanzel unabhängig und selbständig gemacht und damit natürlich den Appell an das Herz, an das rcligiöse Gefühl, au den jüdischen Geist verschmäht, hat sich an den Kops, oftmals auch über den Kopf hinaus gewendet." Möchte doch dieser nicht mehr zu verheimlichende Bankerott der Reform in seiner vollen Bedeutung überall erkannt werden und man sich wiederum entschließen, zu der alten Innigkeit des Gottesdienstes zuruckzukehren unter Verschätzung alles ungehörigen und unjudischen Firlefanz. Asien. X. Omsk (Westsibirien), im Oktober. Im Gegensatz zum giößten Theile des unermeßlichen russischen Reiches — so wird der ״Hazefira" geschrieben — konnten wir Einwohner dieser Gegenden, insbesondere aber dieser Stadt, bis jetzt einigermaßen mit unserem Loose zufrieden sein. Wir waren bis jetzt nicht beschränkt im Handel und Wandel. Allerdings wurde schon eimal im Jahre 1885 ein Erlaß bekannt, wonach selbst die eingesessenen jüdischen Bürger, mit Ausnahme Derer, die im Heere dienten, unbarmherzig von HauS und Hof gestoßen werden sollten — doch Dank der allgütigen Vorsehung unseres himmlischen Vaters wurde noch in letzter Stunde jeueö furchtbare Machtwort redressirt. So lebten wir denn wieder in Ruhe und Frieden; wir fanden unser täglich Brot — ja, einer Anzahl unserer Glaubensgenossen gelang es, sich zu einigem Wohlstand aufzuschwingen; sie wurden HauS- und Grundbesitzer. Aber, als ob ein unseliger Stern über ünserm Haupte waltet — von Neuem schweben wir in banger Sorge um die Zukunft, da sich das Gerücht verbreitet hat von der bevorstehenden Aus- Weisung von über 50 Familien aus hiesiger Stadt. Was soll ans den Armen werden! Noch ist zwar kein definitiver Erlaß bekannt gegeben — aber schon das Gerücht ruft begreiflicherweise eine entsetzliche Panik hervor. Mit Bangen harren wir der Rückkehr des augenblicklich nach.Petersburg abwesenden Gouverneurs. Hoffentlich wendet sich die Sache unter des Allmächtigen Beistand, wie vor nunmehr säst zwei Jahren, zum Guten. — Bei dieser Gelegenheit will ich nur ganz kurz über die Unterrichtsverhältuisse in hiesiger Gemeinde berichten. Dieselben sind augenblicklich ganz trostlose. Die bisher augestelltcn zwei Lehrer, die der besonderen Genehmigung des städtischen Schulkollegiums bedurften, waren nichts weniger als zum Jugcndunterricht geeignet. Der eine ist ein Greis, der kaum sehen und hören kann, wie kann nun bei einem solchen von Diziplin die Rede sein, der Andere war 25 Jahre Soldat — da wir nun nicht unter jenem Könige leben, der nur ausgediente Unteroffiziere zu Schulmeistern machte, so glauben wir auch in diesem gerade keine geeignete pädagogische Persönlichkeit zu erblicken. Nun ist aber auch diesen beiden die Konzession entzogen. Um nun diesen traurigen Zuständen abzuhelfen, haben sich eine Anzahl angescheuer Gemcindemitglieder zusammcngethan, um eine reguläre öffentliche Schule, wie solche bereits auch in anderen Städten besteht, zu gründen. Eine Subskription zur Beschaffung der nöthigen Mittel ist in Gang gesetzt.

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