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Jeschurun · 1886-11-11 · Heft 45 (11.11.1886) · p. 718

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 45 (11.11.1886)
Article
Rußland : Warschau [Nachricht]
Date
1886-11-11
Page
718 (sequence 1)
Language
German
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718 aber eS wird immer mehr verarmen und in Barbarei versinken. Die Juden, welche den Fleiß und die Geschicklichkeit und die Intelligenz Rumäniens rcpräsentircn, werden nicht mehr da sein, aber auch keine fleißigen, geschickten Handwerker, keine intelligenten, unternehmenden Kaufleute, keine Männer der Wissenschast. Damit wird diese Acra des ״orientalischen Belgiens" enden! * Jassy. Unser Schnlinspektor hat an sämmtliche Schulleiter ein Zirkular versendet, daö ich Ihnen in Uebersetzung zusende. Dasselbe lautet: ״Meine Herren Direktoren und Frauen Direktricen! Der Herr Minister für Kultus und öffentlichen Unterricht hat verfügt, daß Sie alle israelitischen Schüler mit Zero (Null) — (Zum Verständniß des Zero (0) bemerke ich, daß in Rumä« nien die Zensuren (Noten) von 1--10 gehen. ״Zehn" ist am besten (ausgezeichnet), ״Eins״ am schlechtesten. Eine Null ist also noch ärger als die schlechteste Zensur.) — zensircn sollen, welche unter dem Vorwände (!), daß ihnen ihre Religion nicht erlaube, am Sonnabend zu schreiben, sich an jenem Tage den Arbeiten nnd Uebungen, die sie in der Schule zu machen haben, entziehen. Gezeichnet: Der Revisor, Ciritza." Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß die Herren Lehrer und Lehrerinnen, in übereifriger Ausführung des ihnen von den Direktoren rc. zur Keuntniß gebrachten RundschreibenS, eS als ihre wichtigste Aufgabe betrachten darüber zu wachen, daß die israelitischen Kinder am Sonnabend und Festtag die christlichen Exerzitien in der Schule mitmachen. Auch versteht eS sich von selbst, daß sie das Wocheutägliche ״Verhören" (Vorrufen) der israelitischen Schulkinder just auf den Sonnabend verlegen und bei der Weigerung zu schreiben, nächst den schon seit lauge üblichen Schimpfnamen, wie: Aussatz Blutegel, schmutziger Jude, Parasit u. s. w., den armen jüdischen Kindern die allerletzte, ministeriell verfügte Zensur appliziren. Wie die Lehrer noch sonst mit den israelitischen Kindern verfahren, können Sie aus nachstehendem Beispiel ersehen. In Niamtz gab bei einer Prüfung der obersten Klasse der Gemein beschule der Lehrer, Alexanhru Wassiliu, einem israelitischen Schüler folgende drei Sätze zunt Analysiren: 1) ״Die ״Juden", welche wie Blutegel sind, säugen uns aus, wo immer sie sich niederlassen. 2) Die ״Juden" stürzen sich in Schlägereien, wie die Krähen anfS AaS. 3) Die ״Juden" sind wie die Blutegel, die Zigeuner aber wie die Gift- Pilze..." Diese Sätze beweisen zugleich, welche Wirkung die Anregungen von Negierungswegen haben, nicht minder aber die ״christliche Liebe" und die Höhe des BildungSgrades, welcher in Rumänien Hoch und Niedrig, besonder-S die Lehrer beseelt. DaS Traurigste aber ist die Wirkung, welche dergleichen Beispiele auf die Erziehung der künftigen Christengeneration haben! (Ocst. Wchsch.) Rußland. ...z. Warschau, November. Durch die Verfügung der Entfernung jüdischer Notariatsschrciber sind in hiesiger Stadt etwa sechzig Familien brodlos geworden. — Die vielen Maßregeln gegen die Juden haben leider manche zur Taufe verleitet. Es sollen sich auch die Fälle mehren, in welchen Eltern, welche selbst nicht ihren Glauben wechseln mögen, ihre neugeborenen Söhne nicht in den AbrahamSbnnd aufnehmen lassen, um sic später taufen zu lassen. — AnS Schitomir wird gemeldet, daß der dortige Polizeimeister den Inden verboten habe, die Brautpaare im feierlichen Zuge mit Fackeln, wie es von je dort üblich war, zur Trauung zu geleiten. Derselbe Herr hat ferner die Unterhaltung des Ernb untersagt, obgleich solcher von jeher dort angebracht gewesen ist. R. GcrdiLschew, 15. Oktober. Obwohl von den auSgewanderten Brüdern aus Amerika gerade keine günstigen und zur Emigration dorthin aufmunternden Berichte hierher gelangen, droht dennoch der Strom der Auswanderung lawinenartig anzuschwellen. Der kommende Frühling wird uns wieder eine Massenemigration erleben lassen. Gleich nach dem Peßachfeste soll die Wanderung in die fernen Länder in Angriff genommen werden. Unsere besten Wünsche begleiten die Auswanderer, obwohl wir uns leider nicht verhehlen dürfen, daß nach den bisherigen Erfahrungen die Aussichten für die Emigranten in Amerika gerade keine sehr günstige sind. Wir möchten vielleicht eher dafür plaidiren, Australien als Reiseziel zu nehmen. Die Verhältnisse scheinen, insbesondere auch die religiösen, gerade keine ungünstigen — wenigstens augenblicklich — zu sein. [_} Kischinew, 3. Marcheschwan. Die leidige ״Lehrer- und Chederfrage" hat nunmehr einen — aber sehr traurigen Abschluß gefunden. Am vergangenen Sabbath wurde in allen Synagogen eine Verordnung zur Verlesung - gebracht, des Inhalts, daß allen מלמדם bei schwerer Strafe verboten ist, in ihrem Hause Schüler behufs Unterrichts zu versammeln. Der Urheber dieser uns in unseren Kindern schwer treffenden Verordnung ist der kürzlich hierher aus Odessa gesandte Schnlinspektor. Derselbe inspizierte sämmtliche Chadorim und ließ sie allesammt schließen, indem er zugleich die Lehrer mit den schwersten Strafen bei Zuwiderhandlung gegen sein Gebot bedrohte. Was sollen wir nun mit unseren Kindern anfangen. Die vier existirendcn sogenannten NeligionSschulcn reichen nicht anS für die große Zahl der Kinder, und sodann ist der׳ dort herrschende Geist nicht dazu angethan, diesen Schulen unsere Kinder anzuvertrauen. ׳— In unserer Stadt bestehen schon seit einer Reihe von Jahren zwei

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