Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1886)
- Article
- Aus dem Geheimarchiv der Reform
- Date
- 1886-11-11
- Page
- 709 (sequence 2)
- Language
- German
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709 einer Synagoge betreten. Und ebenso geht cö mir und uns Allen. Wir sind Juden, weil wir nicht eine uns nicht befriedigende Religionsgemeinschaft mit einer uns ebenso wenig zusagenden vertauschen mögen. Wir sind Rabbiner und Prediger, weil wir eben nichts Anderes sein können. Wir bedürfen allesanunt keiner ReligronSsormen; dieselben sind uns vielmehr nur lästig. Ibrahim irrt deshalb, wenn er den Versuch unternimmt, auf dem Grunde unserer Anschauungen eine Reform des JudcnthumS vorzunehmen. Der andere Jrrthum ist aber, daß er die Macht des rabbinischcu JudcnthumS bei der großen Menge unterschätzt. Es werden noch Generationen vergehen, bis der große Haufe der alten Formen überdrüssig geworden sein wird. Deshalb ist das Jbrahim'schc Programm so über-׳ aus inopportun. Es ist eine saubere akademische Arbeit, geistvoll und kühn, aber durchaus zu verwerfen. — Ich begreife überhaupt nicht, wie mau dazu gelangen konnte, gerade Ibrahim gleichsam die Führung zu übertragen. Wer hat ihn hierzu berufen? Ich weiß es nicht. Das weiß ich jedoch: ich war cs nicht. Er ist der allerungeeignetste zur Leitung und Vertretung. Dafür ist der seichte, aber gewandte und wcltkluge Phöbuö viel geeigneter. Doch das steht jetzt nicht zur Erwägung. Genug, Ibrahim geht, wie ich dargcthan, von falschen Voraussetzungen aus, und damit fällt sein ganzes Opus. Zum Entwürfe eines Programms bedarf eS vor Allem der klaren Erkcnutniß dessen, was wir wollen. Sprechen wir uns darüber unter uns ganz unverhohlen aus. Für Männer gleich uns ist die Phrase nicht vorhanden. Wir gebrauchen sie im Leben für's Leben, d. h. unserer Stellung wegen. Also: nicht um der Verbreitung geläuterter Ideen und rich׳ tiger Anschauung — und wie sonst die Phrasen heißen, welche wir im Talar aussprechen — ist es uns zu thun. Das Volk kann im Grunde thun oder lassen, was ihm gut dünkt. Was kümmert eS uns, wenn wir nicht Rabbiner wären? Da wir dieses, leider! aber sind und bleiben müssen — was könnten wir sonst beginnen? — und uns so weit wie möglich von der lästigen Beobachtung des jüdischen Gesetzes frei machen möchten, darum wollen wir das Volk von der Befolgung dieser Satzungen abhalten. Sonst betrachten uns die Gemeinden als arge Sünder lind wollen uns nicht ntehr als ihre Geistlichen anerkennen. Das ist der Zweck unseres Strcbcns nach Reformen, die wir mit dem glatten Namen ״Ausgleich, des Lebens und der Religion" sehr passend belegen. Dieser Zweck ist nicht außer Acht zu lassen. Von jeher waren die Priester die klugen Philosophen, welche das religiöse Bedürfniß des Volkes geschickt anszuuntzen wußten, um eS zu beherrschen und sich von ihn! ernähren zu lassen. Daraus entstand die Theologie. Solche praktische, philosophische Theologie haben wir zu machen. Wenn cs den Kollegen recht ist, so lege ich ihnen demnächst ein Memoire über diese Motive vor. Mnlhold. Das Organ des Kreslailerthinils, die von Herrn Rabbiner vr. Nahm er in Magdebürg vorgeblich ״für die religiösen und sozialen Interessen des Jndenthums" unter der Devise ״ ־für Wahrheit, Recht und Frieden" rcdigirte und herausgegebene ״Israelitische Wochenschrift" hat in den letzten Monaten in der ihr cigcnthüinlichcn und sie derartig kennzeichnenden Weise, daß sic in der Regel nicht auf die Ehre einer Entgegnung seitens der von ihr An- Gegriffenen zu rechnen braucht, sich mit der Orthodoxie im Allgemeinen und der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Jndenthums im Besonder!! beschäftigt. Sie hat ihre Satelliten in erklecklicher Anzahl aufgcbotcn, ihr in den Plänkeleien gegen die Hochburg der gehaßten Orthodoxie — in diesem Haß ist sic in der Thal wahr und aufrichtig, damit rechtfertigt sie wenigstens den, dritten Thcil ihres Motto's, die ״Wahrheit" — Hülfe zu leisten und ist unter lallten! Bramabasircn ins Feld gezogen. Es fällt uns gar nicht ein, ihr und ihren Genossen in irgend einer Weise diesen Sport zu mißgönnen. Im Gegentheil. 'Wenn wir an der Kehrseite des als Aushängeschild von der Wochenschrift benutzten Devise, wem! wir au den Manisestatioucu der Lüge, des Unrechts und der Streitsucht uns weiden könnten, so müßte uns das ganz absonderliche Gcbahrcn in den Spalten der Wochenschrift höchlich ergötzen. Esgiebt nämlich unseres Erachtens gar keine kräftigere Propaganda für die Orthodoxie und die Freie Vereinigung, als sie in der Wochenschrift geübt wird. Für wen cs noch deS Erweises bedürfte, daß die Schaffung dieses Vereins nicht nur berechtigt, sondern im höchsten Grade uothwcndig war, den! kann man nur dieses Organ deS Breslauerthumö in die Hand geben. Was nur immer Gottlosigkcit und Bosheit erzeugen kann, wird als von der Orthodoxie verherrlicht und als daS Ideal der Freien Bereinigung dargcstellt. ״Abschneiden der Ehre, falscheö Zcugniß ablegcn" u.dergl.m. sei ״streng orthodox". Die Orthodoxie sei ״der schnödeste Materialismus", ״einer der schlimmsten Verbündeten der christlichen Judeu-Mission". Die Orthodoxie ״ü Irr Lehmann, Hirsch. Hildesheimer" sei ״das Gcgeutheil deS IndenthumS". ״Die Freie Vereinigung", so schließt eine der neuesten Nahmer'schen Liebenswürdigkeiten ״für