Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-11-04 · Heft 44 (4.11.1886) · p. 703

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 44 (4.11.1886)
Article
Rumänien : Krajowa [Nachricht]
Date
1886-11-04
Page
703 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933197--23388-2967635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

703 \ Rumänien. ר Krajowa. Die Emigration nimmt gewaltige Dimensionen an. Das Ziel der Emigranten ist fast ohne Ausnahme Amerika. Ob sie dort die erwünschte Ruhe, ihr täglich Brod finden werden? Wir bezwcifcln'S fast. Um einen Begriff von der Menge der Auswanderer zu geben, sei angeführt, daß aus Jassy bis jetzt ungefähr 15000 Köpfe auSgcwandert sind. — Die kürzlich in Bukarest ins Leben getretene Anti-Alliance-JSraelitc soll bereits in Bukarest allein mehr als 1200 Mitglieder zählen. — Wie bei den Rechtsverhältnissen unseres Landes zu erwarten stand, ist der famose Lefctcr PetreScu, der Rädelsführer in jener bekannten Judenhatz in der Nacht des 31. August, aus der Untersuchungshaft entlassen. Amerika. \\\ New-Orlcans. Hier starb am 7. Oktober Josef Rosenbcrg im Alter von 102 Jahren. Er war in Altbreisach geboren und machte den Napoleonischcn Feldzug nach Rußland 1812 mit. Bis zu den letzten Jahren seines Lebens war er sehr rüstig. Der hiesige jüdische Friedhof zählt vielleicht den letzten Napoleonischcn Krieger zu seinen stillen Bewohnern. L. Boston, im Oktober. Die unvernünftige Praxis unserer Glaubensgenossen in Europa, Tausende von armen theilS verfolgten, thcilS verjagten, thcils unterdrückten und in ihrer ErwerbSthatigkeit beschränkten Juden einfach mit einer Schiffökarte nach Amerika zu versehen und sie dann Gott und der Wohlthätigkeit der amerikanischen Israeliten zu überantworten, sich aber in den! Gedanken zu wiegen, nunmehr ihrer Pflicht vollauf Genüge geleistet zu haben, rächt sich in Tausenden von Füllen an den armen Unglücklichen. Ich null nicht behaupten, daß die Hülfe und der Beistand, welcher auf dem diesseitigen Ufer des Atlantischen Ozeans den GlaubenSbrüdcrn von GlaubcnSbrüdcrn gewährt werden, im Gegensatz zu Europa ein Mustergültiges Beispiel der jüdischen LiebeSpflicht darstellt. Immerhin aber geschieht hier im Verhältniß mehr als in Europa für die unglücklichen Brüder. Amerika ist aber nicht im Stande, der heiligen Verpflichtung, welche der gesammten Judenhcit gegen diese Elenden obliegt, allein zu genügen. Europa darf nicht sagen, wir haben daö Unsrige gethan, wenn wir den Armen die Reisekosten nach Amerika zahlen. Es ist ein Werk der a l l g e m c i u ft e 11 nationalstcu Pflicht, zu Zeiten solcher Kalamitäten allesammt, gemeinsam, mit dem wirk׳ lichen Aufgebot der äußersten Mittel zu wirken. Europa darf nicht sagen: Aus den Augen, aus dem Sinn. Der Zug der Nückeinwandcrung von hier nach Europa wird sonst viel bedeutendere Dimensionen annehmen als jetzt schon der Fall ist. Die Schuld hieran wird den amerikanischcn Juden allein, resp. deren Engherzigkeit, nicht zu Lasten zu jchreibcn sein. ES wirken ganz andere Faktoren mit. Außer der thatsächlichcn Unmöglichkeit für die amerikanischen Inden, die unbedingt erforderlichen Mittel für die Versor gung der armen Einwanderer aufzubringcn, kommt einerseits die Besorgniß der Negierung vor einer Ueberschwemmung des amerikanischen Bodens durch eine völlig mittellose Immigration, andererseits aber auch der auch hier nicht schlummernde Eigennutz und das auch hier nicht gänzlich begrabene Vorurtheit gegen die Juden in Betracht. Eines der angcsehendsten und verbreitctsten Organe der Presse, der hiesige ״Herald" bemächtigt sich schon der Frage von der jüdischen Ein- Wanderung in einer Weise, welche judenfeindliche Gesinnung nicht verleugnen läßt. Der ״Herald" ist eine Macht, welche die öffentliche Meinung stark beeinflußt, und seine Kundgebungen in dieser Sache sind sehr beachtenswerth als ein symptomatisches Anzeichen für die Anschauung» welche sich nach und nach hier über diese Sache bilden wird. Er verlangt nicht mehr und nicht weniger, als die strengste Durchführung der Praxis, jeden mittellosen Inden daö Betreten des amerikanischem Bodens zu verbieten. Amerika sei nicht dafür da, ״den AnSwurf" Europas anfznnehmen. Die europäischen Regierungen, welche sich ihrer Inden entledigen wollen, inöchten sich etwa mit Südamerika und anderen noch, nicht ganz in Kulturboden verwandelten Ländern in diplomatische Verhandlungen setzen, um die Bedingungeu zu stipuliren, unter welchen die Negierungen dieser Länder geneigt wären, ihnen die lästige Bevölkernng abzunehmen. Daö ist der Rath des ״Herald". ES ist nicht ausgeschlossen, daß über kurz oder lang. Amerika der europäisch-jüdischen Einwanderung, insofern dieselbe mit leeren Händen Einlaß begehrt, völlig versperrt ist. Man sei bei Zeiten in Europa gewarnt. Man raffe sich zu einem wirklich großen brüderlichen Werke auf und arbeite in der alten Welt Hand in Hand mit der neuen. Ans einem großen Kongreß, an welchem alle Inden sämmtlicher zivilisirten Staaten der Welt theilnehmen, werde zu einem gemeinsamen wirklichen HülsSwerke für die armen unglücklichen Brüder beralhen, und der geineinsam gepflogene Rath ins Leben gesetzt. Nur dann kann wirkliche Hülfe unseren Brüdern kommen. (Wir veröffentlichen gern diese Kundgebung, welche gewiß der Beherzigung sehr werth ist. Ob eS nun gerade eines jüdischen Wclt-KongresseS bedarf, wollen wir jetzt nicht entscheiden. Wohl aber bedarf cs deS- Zusammenwirkens aller Juden im Geiste aufrichtigster opferbereitester Bruderliebe. Wir stellen willig unsere Spalten für jeden Rath, der in dieser schwierigsten von der gesammten Judenhcit zu lösenden Angelegenheit an die Oesfentlichkeit treten will, zur Verfügung. D. Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.