Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-11-04 · Heft 44 (4.11.1886) · p. 702

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 44 (4.11.1886)
Article
Holland : Rotterdam [Nachricht]
Date
1886-11-04
Page
702 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933197--23380-2967634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

702 Holland.!-! NotLerdam, 25. Oktober. In einem Briese über die politischen Verhältnisse von Marokko schreibt der Pariser Korresondent dcS ״N. N. C.":.Die Franzosen haben außerdem natürliche Bundesgenossen, die ihnen vielleicht einmal von großem Nutzen sein können. Diese Bundesgenossen sind die Israeliten, welche in großer Anzahl in Marokko wohnen. Die Hälfte der Bevölkerung in Tanger sind Juden. In der Stadt Marokko selbst wohnen mindestens zehn- bis zwölftausend, die alle unter muhamcdanischer Verwalluug als PariaS behandelt werden. ES ist noch nicht lange her, daß sie immer barfüßig gehen mußten. In der Stadt Marokko müssen sic in einem bcfonderen Viertel, Mcllah, wohnen, und wenn sic sich außerhalb desselben zeigen, sind sie groben Beleidigungen auSgesctzt. Sic dürfen keine Pferde benützen und nicht Waffen tragen, nur außerhalb der Stadt dürfen sic sich eines Maulesels bedienen. Kommen sie an einer Moschee vorüber, dann müssen sie sich ihres Schuh- Werks entkleiden, und niemals dürfen sie sich auf dem Wege befinden, den der Sultan entlang kommt. — Der Sultan heißt in Marokko unbeschränkter Herr und Meister über Alle und Alles. Als Nachkomme des Propheten ist er sowohl geistlicher als weltlicher Fürst, und würde er je seiner muhamcdanischcn Orthodoxie vergessen wollen, dann sind stets eine Anzahl fanatischer MaraboutS aus der Wüste bereit, sein ErinnerungSvermögen aufzufrischcn. DaS ist eine genügende Erklärung der Thatsache, daß kein Israelit in Marokko je eine offizielle Stellung bekleiden kann. Er würde noch eher am Hofe des Papstes in Nom als bei den Muhamedanern in Marokko angestcllt werden. — Kommen jedoch die Franzosen einmal in Marokko zur Herrschaft, dann würde man daselbst dieselben Veränderungen sehen, die man in Algier und noch jüngst in Tunis wahrgenommen. In Algier sind die Juden Wähler, was die Araber nicht sind. Die Israeliten, welche in Marokko alle Handelsgeschäfte in Händen haben, sind deshalb eine nicht zu verschmähende Stütze für den französischen Einfluß. Als im Jahre 1882 eine außerordentliche Gesandtschaft von hier nach Marokko ging, zögerte der französische .Gesandte Ordega denn auch nicht, im Streit mit der muhamedänischen Etiqnette, mit großem offiziellen Gepränge dem Judenviertel der Stadt Marokko einen Besuch abzustatten und bei einem der ihrigen zu Gaste zu sein. Frankreich. Q Bordeaux, Oktober. Die von Drmnont auSgestreute Saat zeitigt auch in der hiesigen Stadt giftige Früchte. Der ,,Ncveil Bordelais״, bezw. der Redakteur dieses Journals, Georges Lerisant, ergeht > sich fortwährend in den heftigsten Ausfällen gegen die Juden im Allgemeinen und gegen die hiesigen im Besonderen. Er möchte gern einen Judenkrawall bewirken. Aber cS wird ihm nicht gelingen. Bedauerlich ist eS aber jedenfalls doch, daß in dem freisinnigen Frankreich dergleichen tollhänserische oder verbrecherische Aufhetznngen der Bürger gegen einander um des Glaubens willen versucht werden können. England. * Dublin. Die antiscinititchcn Hetzereien, welche hier inszcnirt werden, treten in einer wahrhaft lächcrlichcn Gestalt auf, ganz Paddys würdig. Muß eS nicht eine komische Wirkung Hervorrufen, wenn diese bonibastischen Proklamationen die Uebcrschrift tragen ״Invasion of Jreland by German Jcws" und znm Schlüsse lauten : ..Jreland for the Irish. Not for JewS"? Sollte man nicht glauben, cs sei ein bis an die Zähne bewaffnetes mächtiges Heer jüdischer Soldaten in Irland einmarschirt? Ach, es sind nur ein paar arme, elende Flüchtlinge, welche die Noth hierher trieb. Sie sind zufrieden, wenn man ihnen vergönnt, ein Stückchen Brot hier zu erwerben! Wenn kein Volk weniger geneigt sein sollte, unglückliche Einwanderer anzufeinden und zu verfolgen, so ist cS das irische. Sind doch gerade die Iren so vielfach gezwungen, in fremden Ländern ein Unterkommen zu suchen. Darum sollten sie sich vor Verfolgung Fremder mehr hüten, als alle Anderen. Rußland. *j* Kiew, 25. Oktober. Nach einer neueren Statistik über das Volksschnlwescn in hiesiger Stadt besuchen im Ganzen 1576 Kinder die 23 städtischen Volksschulen. Unter denselben befinden sich 112 jüdische Kinder, und zwar. 24 Knaben und 88 Mädchen. Zugleich wurde anschlicßcnd an jene anfgcnonunene Statistik das VvlkSschulwcscn einer Reorganisation unterzogen, die in solgenden 3 Hauptpunkten gipfelt: 1) Es sollen nur solche Kinder ausgenommen werden, deren Eltern in Kiew HcimatSrccht haben. 2) Die Gesammtzahl der Kinder jeder einzelnen Schute darf die Zahl 60 nicht überschreiten; Kinder die nicht der christlichen Konfession angehören, haben erst nach Ausnahme sämmtsicher angemcldetcr christlicher Kinder — sosern dann noch Platz vorhanden — Anspruch, ausgenommen zu werden. 3) ES dürfen überhaupt nur höchstens 5'׳/« der Gesammtschülcrzahl nicht christliche Kinder aufgenommen werden. Demnach dürften in Kiew nur 69 jüdische Kinder die Kiewer Volksschulen besuchen. Da nun in Folge lokaler Verhältnisse nur 13 Schulen von jüdischen Kindern besucht werden können, so würde sich obige Zahl noch auf 39 reduziren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.