Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-10-28 · Heft 42-43 (28.10.1886) · p. 682

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 42-43 (28.10.1886)
Article
England : Dublin [Nachricht]
Date
1886-10-28
Page
682 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933196--23313-2967547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

682 England. * Dublin, 24. Oktober. Verfolgung und Haß begleiten die Juden überall, wohin sie ihr wandernder Fuß treibt. Auch auf der grünen Insel Erins sind sie seine Begleiter und hängen sich an seine Ferse. Die traurigen Ereignisse im Osten Europahaben viele jüdische Flüchtlinge auch hierher geführt. Es sind arme, fleißige Menschen, die froh sind, wenn man ihnen vergönnt, die Luft eines freien Landes zu athmcn und die Arme zu rühren, um sich ein Stückchen Brot zu verdienen. Ein Barbar müßte Mitleid mit diesen Unglücklichen fühlen! Eines schönen Morgens wurden sie aber durch Maucranschlagc ans dem Wahne aufgerüttelt, daß sie hier unbehelligt leben dürften. Der kleinlichste Neid mißgönnt ihnen den Bissen Brot, weil sie Inden sind. Die öffentlichen Afstchen verlangten nichts weniger als die gewaltsame Vertreibung der Juden ans Irland, weil sie die Konkurrenz vermehren. Wenn die Juden den Nüssen zu schlecht sind, dann können wir sie hier doch gewiß nicht gebrauchen, also fort mit ihnen! Das ist das Argument des niedrigsten Hasses. Nun, Gottlob, hier verfangen dergleichen Hetzereien nicht viel. Unter einer englischen Negierung ist eine Judenverfolgung eine Unmöglichkeit. Rußland. N. Petersburg, 24. Oktober. Am Vorabend des Snkkothsestes fand die Einweihung des mit dem seiner Vollendung noch cntgcgenschcnden Prachtbau der neuen Synagoge in Verbindung stehenden Anbaus einer kleineren Synagoge unter Betheiligung der höchsten Spitzen der Behörden statt. Man bemerkte bei dieser Feier unter Anderem den Stadtkommandanten Genera! Gresser und das Stadt Oberhaupt Herrn Lichatschcw. Alle diese hohen Herrschaften traten ehrfurchtsvoll zu der rcichgeschmnckicn GcsctzeSrolle hin and küßten sie. . z. Warschau, 17. Oktober. Wann werden wir endlich zur Ruhe kommen? — das ist die Frage, die pun bereits schon so lange Zeit sich unserer angsterfüllten Brust immer von Neuem entringt, Noch ist kein Ende unserer Leiden abzuschen. Jeder Tag bringt leider neue traurige Kunde über unsere Lage. So wird ans Balta gemeldet, daß daselbst eine große Bestürzung unter unseren Brüdern herrscht, da alle diejenigen Balta und dessen nächste Umgebung verlassen müssen, die sich daselbst nach dem 3. Mai!683 niedergelassen haben. Wie viele Familien werden da wieder ins Unglück gestürzt; eine Anzahl der Schwergeprüften hat bereits den Wandcrstab ergriffen, die übrigen müssen über kurz oder lang auch von dannen ziehen — wohin? irr die weite, weite Welt, ungewiß, ob es ihnen jemals wieder vergönnt sein wird, nach langer Wanderung ein Ruheplätzchen für ihr müdes Haupt zu finden. jji Kischenew. Hicrselbst herrscht eine große Aufregung seit Bekanntwerden des Erlasses des Kiewer Gerichtspräsidenten, daß fortan keine jüdische Schreiber von Seiten des Gerichts und der Notare angestellt werden dürfen, und die bis jetzt angestellten ans ihrem Dienste entlassen werden sollen. Sollte diese Maßregel auch hier durchgeführt werden, so würden dadurch fast 100 jüdische Familien brotlos. *||* Ddesscr, 16. Oktober. Eine wahrhaft auffallende Verfügung ist Seitens der Sanitätsbehörde erlassen worden. Um die Einschleppung der Cholera von Oesterreich und Rumänien zu verhüten, ist ein Kordon mit ärztlicher Assistent an den betreffenden Grenzen zur Kontrolle eingerichtet worden. Die genannte Behörde hat nun angcordnet, daß hierbei jüdische Aerzte nicht verwendet werden sollen. Man kann ab- [ohit keinen vernünftigen Grund für diese die Juden beschämende Ausschließung erkennen. Es liegt auch nicht ein einziger Fall vor, in welchem jüdische Aerzte. sich einer Pflichtwidrigkeit schuldig gemacht hätten, und in wissenschaftlicher Hinsicht sind sie ihren christlichen Kollegen durchaus ebenbürtig. — Man beabsichtigt hier die Gründung einer jüdischen Realschule Seitens der israelitischen Gemeinde. — Die hier wohnhaften fremden jüdischen Handwerker, welche auögewiescn werden sollten, haben um eine Frist bis zu Ende dieses Jahres nachgesucht, sind aber abschläglich beschieden worden. Die hiesige Stadt wird eine Menge fleißiger und geschickte Hände verlieren. Das Schneidcrgewerbe allein wird um 101 tüchtige Handwerker ärmer. Daß diese Maßregel zur Hebung der industriellen Verhältnisse beitragen wird, dürfte doch wohl kaum angenommen werden können. % Odessa, 20. Oktober. Die hiesigen Zeitungen melden ans Nowo-Praga vom 19. September, daß an diesem Tage, als die jüdischen Einwohner in der Synagoge versammelt waren, ein Individuum in das Haus eines Inden cinbrach und daselbst Werlhgegenstände im Betrage von 28 Rubeln entwendete. Als er sich mit seiner Beute von dannen machen wollte, kam die jüdische Magd des Hauses in das betreffende Zimmer. Sobald der Dieb derselben ansichtig wurde, schnallte er seinen Ledergurt ab und erdrosselte das Mädchen, bevor dasselbe noch um Hülse schreien konnte. Dann lies er davon. Als die Hausbewohner ans der Synagoge heimkehrten, gewahrten sie zu ihrem großen Schrecken die grausame That. Eine große Menschen- Masse sammelte sich, als das Gerücht von dem Morde sich in der Stadt verbreitete, am Thcüorte an. Bald glaubte man ans die Anzeige einer Magd hin den Thäter gefunden zu haben; es war ein dortiger Ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.