Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 42-43 (28.10.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-10-28
- Page
- 681 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 42 tt. 43• 681 Jeschrrrrrn. Korrespoudcuzell und Nachrichtcil. D eutschland. -a- Berlin, 2h. Oktober. Die Tage des Festes sind vorüber. Möge das neue Jahr für uns und die gesanunte Menschheit eine neue bessere Aera ein leiten! Das wünsche ich aus tiefstem Herzensgründe. Ich beziehe diesen Wunsch nicht nur auf uns und unsere Freunde, nicht nur auf die Edlen und Tugendhaften, sondern wahrlich in nicht minderer Herzlichkeit auch auf unseren Gegnern. Mögen sie ihres Irrwahns inne werden. Mögen sie endlich begreifen, daß es nicht gut ist, nicht recht ist, nicht christlich ist, nicht gottwohlgefällig ist, wenn sie jahraus jahrein Haß und Unfrieden, Neid und Verachtung unter ihren Mitmenschen zu verbreiten sich bestreben. Mögen sie der Lüge Valet sagen und der Wahrheit die Ehre geben, mögen sie Liebe predigen und dem Haß entsagen, mögen sie die Streitaxt ans den Händen legen und die Friedens- Palme ihren Mitbrndern vorantragen! — — Das sind die innigen Wünsche, welche ich für unsere Mitbrüder, die uns haßen und verfolgen, auf den Herzen trage, so heiß und innig, wie alle theuern Hoffnungen und Wünsche für unser Heil und unsere Wohlfahrt. Ich bin nicht so sanguinisch, eine baldige Verwirklichung dieser aufrichtigen Wünsche zu erwarten. Daß aber die Zeit doch einmal kommen wird, wo sie in Erfüllung gehen werden, das ist außer Frage. Die Zeit kommt doch, die in unseren heiligen Büchern längst enthüllt ist, die Zeit, wo man nur die Sprache der Wahrheit redet und unter Liebe nicht Haß, unter Gottesfurcht nicht Menschenfreiheit, unter Fröinruigkeit nicht Fröhnnng der Leidenschaft begreift. Inzwischen aber fahren die Herren fort, sich gegenseitig die Meinung zu sagen und mit einander abzurechncu. So schreibt die ״Post" an die Adresse des Herrn Stöcker kürzlich folgendermaßen: ״Wer Erfolge erzielen will, soll sich nicht nur über seine Zwecke, sondern auch über seine Mittel klar sein, und darin hat es Herr Stöcker, von verschicdcnenl Anderen gänzlich zu schweigen, sicherlich gründlich versehen, von den Zeiten des Schneiders Grüneberg an bis zu den Tagen des GünsllingS des NeichSbotcn, Doetor juris Piiiiadelphiac Simon May. Aber der Verlauf der christlich-sozialen Propaganda in Berlin ist jedenfalls belehrend, er liefert dem Urtheil über die Wirkung der Dckorirung politischer und sozialer Programmpunkte mit kirchlichen Tendenzen einen sicherlich schätzbaren Anhalt. . . Vielleicht zeugt eS auch von einer sehr viel tiefer gehenden innerlichen Religiosität, als mansie gemeinhin der Bevölkerung unserer Hauptstadt zutraut, daß auch Herr Stöcker mit seinem Bemühen, in der Dunstatmosphäre wüster Volksversammlungen Altar und Kanzel aufzubauen, so wenig Anklang gefunden. WaS in den Schrein des Herzens gehört, das sieht man nicht gern auf dem Markte ausgestellt und in den Lärut und Kampf um politischen Vorthcil und Gewinn herabgczogcn." So hat dagegen Herr Stöcker am vergangenen Freitag Abend dem ״Deutschen Antisemitenbunde" Namens der ״Christlich-Sozialen" einen Absagebrief in schärfster Fassung vor die Füße geworfen. Vielleicht, daß durch diese Intimitäten dem Volke doch die Angen ausgehen und eS weder den Christlich-Sozialen, noch den Deutsch-Antisemiten HccrcSfolge leisten will. Oesterreich-Ungarn. K. Prag. Der ״Politik" wird ans Wien über die Begegnung dcS ultramontanen Abgeordneten Greuter mit dem Abgeordneten PoUak das Folgende berichtet: Es war im Abgeordnetenhause. Monsignore Greuter, nach langer Krankheit wieder dem Parlament zurückgegeben, empfing die Glückwünsche der Abgeordneten. Unter Anderen trat auch der Abgeordnete Herr Leopold Pollak ans Monsignore Greuter zu und stellte sich als Abgeordneter der Budweiser Handelskammer vor. ES erfolgte eine herzliche Bewillkommnung. Monsignore Greuter gab seiner Freude Ausdruck, da er ja die Böhmen ganz besonders gern habe. ״Ich danke, Mvnsignore," sagte Herr Pollak mit feinem Lächeln, ״ich weiß aber nicht, ob Sie mich auch so gerne .haben werden, wenn ich mich Ihnen auch als — Jude vorstelle. — ״Daö ist ganz gleich," erwiderte Monsignore Greuter, ״im Gegcntheil, ich achte jeden Juden hoch, der zur Nation hält, in der und mit der er lebt, jeden rechtschaffenen Inden gerade so wie Andere." Und nach längerer Konversation, während welcher die beiden Abgeordneten Arni in Arm promenirten, trennten sie sich mit herzlichem Händedrucke. # In Wk'lkievtschi (Galizien) wurde der bisherige Bürgermeister Herr Nissin Feuer auf die Dauer von weiteren sechs Jahren von Christen und Juden einstimmig zum Bürgermeister wiedcrgewählt. (N.I.P.Zlg.) Frankreich. *** Paris, Oktober. Der Rabbiner der polnischen Synagoge hier, Herr Chailin, der Verfasser einer'bei Lieweg demnächst im Druck erscheinenden ״Apologie dcS IsracliteS" hat mit mehreren angesehenen Mitgliedern einen Verein zum Unterricht der Kinder seiner Gemeinde in Talmud Thora zu gründen begonnen. Es sind bereits sehr ansehnliche Subskriptionen zu diesem Zwecke gezeichnet.