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Jeschurun · 1886-10-28 · Heft 42-43 (28.10.1886) · p. 680

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 42-43 (28.10.1886)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1886-10-28
Page
680 (sequence 1)
Language
German
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Korrespondenzen niib Nachrichten. Deutschland. C. Berlin, 25. Oktober. Bezüglich Der religiösen Erziehung von Kindern aus gemischten Ehen hat der Kultusminister, wie gemeldet wird, auf die Eingabe eines Arbeiters an ihn erwidert, daß er cS nicht mißbilligen könne, wenn die Provinzialrcgierung, über deren Vorgehen Der Arbeiter Klage gesührt, dahin Anordnung getroffen habe, daß die bei gemischten Ehen Seitens der Eltern eventuell abzngebcnde übereinstimmende Willenserklärung, ihr Kind in einer anderen Religion unterrichten lassen zu wollen, als es ohne diese Erklärung nach dem Gesetze geschehen würde, in einer bestimmten Form, nämlich durch Abgabe derselben vor dem Landrathe, wo eben diejenige vor dem Richter oder Notar freigelassen sei, erkennbar gemacht werde. Wenn der Beschwerdeführer hervorhebe, daß ihm durch den Weg zum Landrcnhe Weiterungen entständen, so könne dies um so weniger ins Gewicht fallen, als eS sich nicht um eine unbedeutende, sondern um eine für Schule und Kirche wie für die betheiligten Personen gleich wichtige einmalige Erklärung handele. -g- Berlin, 18. Oktober. DaS ״Berl. Tgbl." schreibt: Sehr interessante Geständnisse über den Niedergang der christlich-sozialen und antisemitischen Bewegung gab jüngst Herr Prediger Hapkc in einer Bersammlung seiner Parteigenossen zum Besten. Er klagte, einem Bericht des ״NeichSboten." zufolge, über Abnahlne der Begeisterung und Eiumüthigkei in der Partei, über persönliche Eitelkeiten und Zerwürfnisse, über Mangel an Selbstlosigkeit und wcrkthätiger Liebe, und meinte: ״Wir leisten nicht viel. Die Bewegung hat vielfach Mitkämpfer gehabt, die ihr mehr geschadet als genützt haben. Wir sind den Beweis der Einwirkung der Bewegung aus das alltägliche Leben noch schuldig geblieben." Herr Hapke thut seiner Partei Unrecht. Eingewirkt hat dieselbe eine Zeit lang auf das alltägliche Leben; aber fragt mich nur nicht, wie. -11- Nogasen. Am Sonnabend, den 16. d. Mts. fand im Zercnze'schen Saale die Prüfung der Zöglinge der hiesigen israelitischen Neligionsschulc, zu welcher eine größere Anzahl Gäste erschienen waren, statt. Die Prüfung bewies, daß die Schüler und Schülerinnen tüchtig gelernt und für das Gelernte Berständniß hatten, denn die von den Herren Lehrern gestellten Fragen wurden rasch und sicher beantwortet. Die Leistungen der Schüler können vorzüglich genannt werden. Es ist dies um so mehr anzuerkennen, weil die Schule erst wenige Monate unter, der Leitung dcS Herrn Rabbiner Rosenthal wieder errichtet ist, und die Leitung 680_ sowie die vorzügliche Lehrfähigkeit des Herrn Rabbiners in der kurzen Zeit die Schule zu dem erhoben hat, was sie jetzt ist. Da nun die Predigten des Herrn Rabbiner Nosenthal auch in den hohen Feiertagen — wie stets — allgemein gefielen und erbauten, derselbe auch eine eifrige talmudische Lehrthätigkcit im Bethamidrasch entfaltet, so hat die hiesige jüdische Gemeinde mit dessen Berufung zum Rabbiner eine vorzügliche Wahl getroffen. x. Breslau, 22. Oktober. Der ״Verband deutscher Thierschutz-Vereine" bereitet eine an den Reichstag zu richtende Petition vor, dahingehend, es möge durch Neichögesetz die Bestimmung getroffen werden: ״daß Schlachtthiere nur nach vorausgegangcner Betäubung durch Blutentziehung getödtet werden, und daß das Schlachten überhaupt nur durch geprüfte Personen, in allgemeincu Schlachthäusern nur durch angestellte Schlachter auSgeführt werde." Außerdem soll noch eine Abänderung deö den Thierschutz betreffenden Passus 13 im § 360 des Reichs Strafgesetzbuches beantragt werden. O e st e r r e i ch - U n g a r n. 6. Wien, 17. Oktober. Unsere guten Freunde, die Herren Ritter von Schönerer, Mechauikus Schneider und Hollomay und der Altmeister der ehrenwertheu Antisemiten, Herr Marr. sind ein wenig an einander gcrathcn und sagen sich allerlei Liebenswürdigkeiten ins Angesicht. Einig sind sie nur nach dem berühmten Muster ihrer großen Ahnen Midian und Moab in ihrem Hasse gegen uns. Der wackere Schneider muß sich von Hollomay einen Fälscher nennen lassen, der um schnöden ״Judaslohn" das arme, brave Volk verräth. Dagegen hat Hollomay den ״Krakehler a tont prix" von Schneider einzustecken, mit welchem er weiter keine Lanze brechen will, damit nicht die Interna deö antisemitischen Skandals in die Oefsentlichkeit gezerrt werden, worauf es Hollomay hauptsächlich ankäme. Hollomay zeiht Marr der Korruption und Bestechlichkeit und zweifelt seinen ächten Antisemitismus an, ja, er mutzt ihm sogar auf, daß er in der Wahl seiner Ehegcsponstcn und seiner Mutter nicht die einem guten Antisemiten geziemende Vorsicht bewahrt habe. Sie alle drei seien nämlich Jüdinnen. Darauf nimmt der wirkliche, unverfälschte Antisemit Marr den allergröbsten Keil zur Hand. Er brummt seinem Gegner das Epitheton Schmeißfliege an und ruft ihm in freier lateinischer Ucbersetzung des berühmten Berliching'schen AbschicdSgrußes ein ״lax milü Mars!" zu. Alles recht erbaulich und ergötzlich zn Ehren des frommen, deutscheu Antisemitismus. Und mit solchen Gesellen haben wir zu kämpfen!

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