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Jeschurun · 1886-10-28 · Heft 42-43 (28.10.1886) · p. 672

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 42-43 (28.10.1886)
Article
Deutschland : Hamburg [Nachricht]
Date
1886-10-28
Page
672 (sequence 2)
Language
German
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672 berührt, welche von einem anscheinend mehr eifrigen als einsichtigen ..Templer" auSgeht. Dieser Herr war nämlich so naiv, eine Predigt seines Seelsorgers für baare Münze zu nehmen. Herr Dr. Leimdörffer von der Tempel-Neform-Gemeinde hatte nämlich am Jom- Kippur seine Gemeinde einmal gehörig coram genommen und ihr den Text ob ihrer vielen Sünden gclesen. Nun, das läßt man sich ja auch am Jom- Kippur wohl gefallen. Eine solche Büßpredigt ist am Jom-Kippur recht stimmungsvoll. Man will gern ein Wenig zerknirscht sein, lind das Gefühl der Bußbedürftigkeit ist ja ein recht programmmäßiges. Warum wäre man denn heute in den Tempel gegangen? Also das war schon ganz recht und weise von dem Herrn Doktor. Ja, wenn so ein Tempetprediger "תוכחה sagt," dann ist das von einer ganz besondern Art! ״Schließet Eure Kontors am Sabbath, — richtet Eure Haushaltungen koscher ein, — denn Ihr habt Euch,meine theuren Andächtigen, durch die Entweihung des SabbathS durch Arbeit und durch unerlaubten. Genuß gegen Gott schwer versündigt!" — so ungebildet und unaufgeklärt spricht ein Tempelredner nicht. Nur an die Möglichkeit einer solchen Jom-Kippur-Mahnung zu denken, wäre frevelhafte Sünde an den heiligen Geist der Tempelresorm! Nein, nein, — so weit vergißt sich ein Neformdoktor niemals. Eine moderne תוכחה von der Reformkanzel lautet ganz anders. ״Ist eS nicht bedauerlich, daß Ihr. meine theuern Andächtigen, so selten den herrlichen Gottesdienst besucht? Haben darum Eure frommen ansgeklärten Väter, welche hier eine Stätte der geläuterten Anbetung errichtet, die altvütcrischen Formen abgestreift und Euch so gebildet und aufgeklärt erzogen, -aß Ihr nunmehr außer am heutigen Tage den Tempel leer stehen lasset? Und ferner — es blutet das Herz, aber eS muß gesagt werden — waS wissen Eure Kinder ׳ von Religion überhaupt? Nichts. Ist das nicht eine Schande? Ihr seid gleichgültig gegen die geläuterte und in zeitgemäße Formen gekleidete Religion, die ich hier vorkünde. Ja. selbst meine Vorträge hier auf der Kanzel und an profanen Stätten, die ich zu Eurer Belehrung, Erbauung und Erhebung halte, und die doch wohl eines großen Auditoriums werth sind, haben keine Anzichungskraft nrrtzr. Wenn ich nicht hier predigen müßte kraft meines Amtes, wahrlich, ich schwiege während des ganzen Jahres!" So ungefähr klagte und mahnte der Tempelprediger am Jom-Kippur. Damit hat er nun wunderbarer Weise das Herz eines seiner Zuhörer getroffen, der, wie erwähnt, so naiv war, zu wähnen, daß eS seine Pflicht sei, wirklich Buße zu thun und die Genossen der Tempelgemeinde ebenfalls zu einer In- und Umkehr nach dem Rezepte der Reform einzuladen. Und da hat denn der Gute einen offenen Schreibebrief in dem hiesigen Fremdenblatt verbrochen, in welchem er eoram 86natu 6t populo eine Beichte Namens der ganzen Tcmpelgesellschast oblegt und bekennt: ja, Dr. Leimdörffer hat uns gerecht geschölten und gestraft. Unsere Kinder wachsen ohne Religionsunterricht ans. Unser Tempel steht während der ganzen Woche so leer, daß nicht einmal der Prediger, Kantor und Organist sich etwas vororgeln lassen; wem etwa am Sterbetage seines Vaters einmal die fromme Regung anwandelt, Kaditsch sagen zu wollen, der muß bei den Orthodoxen hospitiren. Vor zwei Jahren waren wir von den wissenschaftlichen Vorträgen wohl ganz begeistert, aber wir hatten doch damit auf ein Paar Jahre genug. Nein, das muß anders werden, Brüder, kommt und bessern wir uns, sonst müssen wir uns ja selbst vor der Elbstraße schämen. — Nun ärgert man sich mit vollem Rechte über diese Ungeschicklichkeit. Auch in den besten Hausern kommt es vor, daß der Herr Papa unter seine Kinder mit dem Bakel in der Hand treten muß, um ein wenig nach dem Rechten zu sehen. Aber eine öffentliche Auspeitschung der Kinder ist doch gar zu plebejisch. Dr. Leimdörffer hatte ganz Recht, sagt man, denn es gehört zu seinem Ainte, am Jom-Kypnr zu schmälen und uns zu strafen. Wir sind deß wohl zufrieden und kommen auch ganz gern zu einer solchen Strafpredigt alljährlich einmal. Aber uns so öffentlich zu blamiren und ganz einfach zu drucken, daß wir alle die Sünden wirklich bcgcmgen haben׳ und noch ferner begehen werden, das ist zu ungeschickt! — Nun ist das Uebel gar nicht wieder gut zu machen! Der Herr Einsender. welcher ״der aufgeklärtesten Richtung des Indenthums angehört", und bereits Vater von zwei hoffnungSvollen Gymnasiasten ist — so kennzeichnet er sich selbst — hat nun einmal die Rolle des enfant terrible der Templer - übernommen und diese Rolle ganz anSgezeichnet gespielt. Daran läßt sich nichts ändern! Nun wurde man sich vor den Juden nicht so sehr schämen, aber im Kreise der christlichen Bürgerschaft rümpft man auch die Nase über die interessante Enthüllung der nun nicht mehr abzulengnenden Thatsache, daß die Aufgeklärtesten der Aufgeklärten der hiesigen Indenschüft ohne Religionsunterricht aufwachsen, daß der Tempel immer leer sicht, daß sie jeglichen religiösen Interesses entbehren. Dann ist ja die Tempelgemeinde eine Gemeinde von Heiden, sagt manch wackerer und angesehener Bürger, und die strenggläubigen Juden sind doch achtungswerther. Die halten doch ihre Religion, die Tempelgemeinde hat aber gar keine! — Das ärgert, das schmerzt.

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