Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-10-13
- Page
- 648 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933195-2967334--23181-2967416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
648 noch ist es nur eine winzige Anzahl von Personen, welche zufällig in dem Vorstand des BürgervcreinS prädomcniren, die jenen unheilvollen Beschluß herbeigeführt haben. Du und ich und viele andere Juden sind Mitglieder des Bürgervereins. Laß uns mit einigen angesehenen christlichen Vereinsgenossen die unverzügliche Einberufung einer Vcrcinövcrsammlung deantragen, um gegen das Vorgehen des Vorstandes Ver- Wahrung einzulegen. Laß uns hierzu öffentlich auffordern. Wir dringen damit durch. Heute ist es noch möglich, den Streich abzuwenden. Selbst Manche, die vielleicht den Beschluß des Vorstandes im Stillen gutheißen, werden Anstand nehmen, ihm selbst öffentlich beizupflichten." ״Nun will ich Dir meine Meinung sagen," entgcgnete Friedlich, indem er seinem Freude eine Zigarre anbot und selbst eine in Brand setzte, ״wir, und ganz besonders ich. wir hüben gar nichts zu thun. Und weißt Du, warum? Weil wir nichts thun können. Der heutige Judenhaß ist eine Krankheit, welche epidemisch austritt, deren Keim aber von jeher in dem OrganiSmus unserer geliebten Mitbürger wuchert. Manches Mal gelangt diese Krankheit nicht allzu bösartig zum Ausbruch, ein anderes Mal wirkt sie verheerend, — ich glaube, daß das letztere jetzt der Fall ist. Meinst Du im Ernst, wir paar Juden vermöchten dem Vordringen der Epidemie an den Thoren unserer guten Stadt Halt zn rnsen?" ״Du bist also gesonnen, ohne Kanipf den Platz zu raumen?!" rief Mansfeld. ״Ganz gewiß. Kommt über die Bürgerschaft endlich die Erleuchtung, daß ein gutes deutsches Ge- Gemeinwesen ohne Schaden an seincnt zeitlichen und ewigen Heil zu nehmen, unmöglich einen Juden in seiner Vertretung sehen dürfe, so werde ich doch mich diesem Lichte nicht hindernd in den Weg stellen." ״Es giebt aber in der ganzen Stadt Niemand, der irgend etwas gegen Dich Vorbringen könnte, Du bist der angesehenste Kaufmann und hast eine stets geöffnete Hand für das städtische Wohl undie Noch der Armulh, gleichviel ob Jude oder Christ." ״Laß das gut sein," unterbrach ihn Friedlich. ״Du willst doch hier leine Wahlrede zu Gunsten meiner Kandidatur halten? Genug, ich bin ein ganz ordentlicher Mann und habe seit zehn Jahren das Vertrauen meiner Mitbürger genossen, die mich zu einem Ehrenamte berufen. Habe ich dieses Vertrauen aus irgend einem Grunde nicht mehr, so darf ich mich demnach nicht beschweren. Genug, daß mir während zehn Jahren eine hohe Auszeichnung zu Theil geworden ist, dafür ich meinen lieben Mitbürgern herzlich Dank schulde. Sie aber schuldenmir nichts. Also, meine Wieder- Wahl richtiger Nichtwiederwahl, denn darüber ist doch kein Zweifel, ist adgethan. Darüber rede ich kein Wort mehr. Was die Berufung des Agitators zu einem Vortrage im Bürgerverein betrifft, so sehe ich auch nicht ein, was wir dabei thun können oder sollen. Entweder hat der Vorstand mit seinen antisemitischen Gelüsten die Mehrheit des Vereins hinter sich, oder', nicht. Im ersten Falle können wir nichts thun, im andern Falle dürfen und brauchen gerade wir,- als Juden, nichts thun. Dann ist der Antisemitismus hier bei uns noch nicht ganz reif geworden. Laffe ihm aber nur Zeit, die Giftsaat wird auch hier üppig aufgehen." Mansfeld hatte seinem Freunde schweigend zugehört und dachte, nachdem Friedlich geredet, über dessen Ansicht nach. ״Also, gar nichts?" frug er endlich. ״Ist üas Deine entschiedene Meinung?" ״Jawohl, gar nichts," entgegnete der Freund. ״Im Uebrigen aber danke ich Dir recht freundlich und innig für das warme Interesse, welches Du mir als Freund widmest. Du und ich, und wir Alle, halten den gegen uns heranbrechenden Sturm der Zeit nicht auf. Wir müssen ihn über uns ergehen lassen?" ״Ich kann Dir nicht beipflichten," nahm Mansselb das Wort. ״Freilich hast Du darin Recht, daß wir zu ohnmächtig sind, dem Antisemitismus die Waffen zu entwinden. Es verschlägt zwar nichts, ob wir den Beweis führen, daß alle gegen die Inden erhobenen Anschuldigungen eitel Lug und Trug sind, oder nicht. Der Haß will sicb seine Scheingründc nicht nehmen lassen. Er wurzelt ja auch nicht in ihnen. Er ist auch gar nicht verlegen, neue Gründe ins Treffen zu führen, die nicht besser sind als die früher». Das Alles weiß ich sehr wohl. Aber cs sträubt sich mein ganzes Wesen gegen den Gedanken, daß wir dem elenden, aus Mißgunst und Bosheit entspringenden Angriffen uns nicht entgegenstenimen und einem regelrechten Kampfe aus dem Wege gehen sollen. Ich möchte nicht von dem Platze weichen, möchte der Agitation mit der Agitation begegnen. Plant man hier gegen uns Schlechtes, will man die Lüge gegen uns aufhctzen, veranstaltet man Versannnluugen für die Propaganda der Lüge und des Hasses, nun wohl, so ist eS an uns, die Bürgerschaft aufzuklären und den Versuch zu wagen, der Wahrheit und den Frieden zum Siege zu verhelfen. Gelingt es uns nicht, nun wohl, so haben wir das Unsrige gethan. so verlieren wir die Schlacht mit der Waffe in der Hand. So denke ich, und also werde ich handeln." (Fortsetzung folgt.)