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Jeschurun · 1886-10-07 · Heft 40 (7.10.1886) · p. 637

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 40 (7.10.1886)
Article
Rumänien : Jassy [Nachricht]
Date
1886-10-07
Page
637 (sequence 2)
Language
German
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637 würdige Herr Senator erinnerte sich jedoch alsbald nach geschlossenem Kauf, daß er doch eigentlich höchst unrecht gehandelt, einem Juden den schönen Raps zu verkaufen. Er wußte sich deshalb in der Eisenbahn- Spedition als angesehener Mann wieder in den Besitz der Ladescheine zu setzen, welche auf den Namen des Käufers lauteten. Um den Fehler ganz zu sühnen, verkaufte er den Raps an einen guten Christen, gab aber dem Juden natürlich die sechstausend Franken nicht zurück, so daß dieser darum klagen mußte. Der Kläger erwirkte auch ein verurtheilendcs Erkenntniß, kann aber keinen Beamten finden, welcher dasselbe vollstrcckt. Das ist rumänische Justiz. Rußland. dl. Krilschew, Gouvernement Mohilew, 25. Elul. Eine schwere Heimsuchung ist über uns gekommen. Der hiesige Ort, dessen Alter bis in die graue Vor׳- zeit ragt (der Flecken Kritschew zählt zu den ältesten russischen Orten. Red.), und welcher von einer ansehnlichen israelitischen Bevölkerung bewohnt wird, ist zum Theil eingeäschert worden. In einem Heuschuppen brach ein Feuer aus nnd verbreitete sich in großer Schnelligkeit über die Wohnstätten der Menschen. Es sind auch die jüdischen Lehrhäuser und etwa siebennnddreißig aitberc jüdische Häuser gänzlich niedergebrannt. An achthundert Menschen sind ihres Obdachs beraubt. Während der Fcnersbrnnst zogen Pöbelhaufcn auf und plünderten was vom Feuer verschont geblieben. Die Noth ist unbeschreiblich. Ein Ausruf bittet um Theilnähme an den Werken der Unterstützung für die Unglücklichen.- *[|* Kisch knew. Wie der ״Hajom" meldet, soll die kleine judenchristliche Gemeinde sammt ihrem Anführer Joseph Nabbinowitz kürzlich in corpore von der russischen zur evangelischen Kirche übergetreten sein. צ Kiew, 29. September. Im Dorfe Molo- Listwen, Gouvernement Tschernigow, lebt ein jüdischer Krüger, Hirsch Gnesin. Dessen Tochter Hanna entfloh vor etwa zwei Jahren dem Vatcrhause und ließ sich von dem Ortspopen taufen. Doch nach einiger Zeit war das sechzehnjährige Mädchen, welches zuerst eine sehr eifrige Kirchenbesncherin war, nicht mehr gesehen, später aber, in dem Hause eines Juden angctrosfen. Man zog sie Zur Rechenschaft. Sie aber erklärte frank und frei, daß sie heimlich, zum Christenthum nbergetreten sei, aber diesen in jugendlicher Unbedachsamkeit vollzogenen GtaubenSwechsel nunmehr bereut habe und zum alten Glauben zurückkehren wolle. Das Kreisgericht ordnete nun an, daß sie eingehend in der Lehre der Kirche zu unterweisen, und bi's zu ihrer Unter- Weisung ihr ein Vormund zu bestellen sei. Man ließ sie aber vorlänsig in dem Hause deö Inden. So vcrflössen zwei Jahre. Dieser Tage ist endlich daS.Endurtheil gefällt worden, dahingehend, daß sie wegen des zweiten Glaubenwechsels׳ erst zu bestrafen sei, weil sie noch nicht recht, strafmündig gewesen. Odessa, 27. Scptenrber. Dieser Tage sind sechzehn jüdische Familien von hier,!Heils nach Palästina, theilS nach Amerika auSgewandert. U Warschau, 26. September. Die in Len Notariatskanzleien beschäftigten jüdischen Schreiber sind sänrmtlich entlassen worden. * Turek (Polen), Septbr. Der ״Israelitischen Wochenschrift" wird von hier berichtet: ״Am 15. d. M. bemerkte man auf dein hiesigen israelitischen Friedhofe, daß das Grab, in welchem vor sechs Wochen ein junger Mann beerdigt worden, frisch anfgegraben war. Man vcrmuthete, daß sich Jemand mit der Leiche zu schaffen gemacht habe; man grub das Grab auf und überzeugte sich, daß jene Bcrmuthung begründet war. Allein Anschein nach war die Leiche hcransgenonunen nnd darauf in sitzender Stellung hingesetzt worden; außerdem war die rechte Hand abgc'hauen. Die eingeleitete Untersuchung wird vielleicht den Leichenschonder ergeben, unter dem Volke sind Gerüchte im Umlaufe, daß Aberglauben in der ganzen Sache eine Nolle spiele. — Aehnliche Prosanationcn fanden jüngst aus dem jüdischen Kirchhofe zu Warschau statt." * Warschau, 30. September. Nach amtlichen Berichten betrug die Bevölkerung der Stadt Warschau im Jahre 1872 279 999 Personen, und im Jahre 1885 war dieselbe auf 431 864 gestiegen. Nach den Bekenntnissen vertheilt sich diese Zahl folgendermaßen: Die Zahl der Katholiken ist von 147 254 auf 255692 gestiegen die Zahl der Protestanten von 14548 auf 17 492, der Russisch-Orthodoxen von 8275 auf 11 957, der Juden von 85 787 auf 146 246, der Musel- Männer von 46 auf 149. Die Zahl der armenischgregorianischen Katholiken ist von 99 auf 35 gefallen. Die Zahl der fremden Untcrthanen betrug im Jahre 1872 5715 und im Jahre 1885 12 752. * Aus Kurland׳ Laut dem Vertrage von 1561 wurde den Inden der Aufenthalt in Livland verboten. In Kurland war wenigstens bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts kaum ein Jude ansässig. Von dieser Zeit ab gelang es, trotz verschiedener Verbote und Bedrückungen, einigen sich in Kurland seßhaft zu machen, bis endlich in den achziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Negierungssphärcn ein vollständiger Umschwung zu Gunsten der Juden eintrat'. Im Pillenscheu Kreise waren die Juden schon seit uralter Zeit geduldet. Durch einen Landtagsbeschluß des Piltcnschen Kreises vom 3. März 1783 wurde ihnen in Hasenpoth nicht nur der Aufenthalt, sondern auch die Ausübung verschiedener Handwerke gestattet. In den

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