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Jeschurun · 1886-10-07 · Heft 40 (7.10.1886) · p. 632

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 40 (7.10.1886)
Article
Giftsaat
Date
1886-10-07
Page
632 (sequence 2)
Language
German
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632 ganz gleichgültig sein, ob er in jedem Jahre zu seinen Hnnderttausendcn eine oder mehrere Zehntausende hinzufügt, ob seine Frau und Töchter ihre reiche Garderobe wiederum vergrößert haben, ob sein Sohn sich ein Reitpfcrb hält, und was sonst dcrgtcichen wunderbare und erstaunliche Begebenheiten von einem reichen Manne zu berichten wären. Ich habe freilich in meinem wechselvollcn Leben die Erfahrung gemacht, daß die Leute an nichts so viel Interesse nehmen, als an Reichthum und dessen Besitzer und vor nichts einen so tiefen Respekt hegen. ״Die Offenbacher verbrennen ihr Oel um der Frankfurter Karolinen zu zählen", dieses früher und wohl auch noch jetzt nicht selten angewendete Sprichwort bezeichnet recht prägnant das merkwürdige Interesse, welches den Reichen gewidmet wird. Den Offenbuchcrn könnte es doch wirklich ganz gleich sein, wie viel Geld am anderen Mainufcr in den Geldtruhcn aufgespeichert lag; aber nein, da wußten sie an den langen Winterabenden gar kein unterhaltenderes Gesprächsthema, als die reichen Frankfurter. Ich habe dieses eigentlich nie begreifen können. Mir flößte der strotzende Geldsack nicht das mindeste Interesse, geschweige denn Hochachtung, ein. Ich hatte zeitlebens mit der ewig drohenden Ebbe meines kleinen Beutels zu kämpfen und vermochte mich gar nicht an dem Klange dcS Goldes in Anderer Taschen zu ergötzen, noch in dem Träger einer gefüllten Geldbörse einen bcachteuSwerthen, geschweige denn gar einen bedeutenden Mann zu erblicken. Da ich in diesem vielleicht bebäuerlichen Mangel der Werthschätzung der Reichen alt und grau geworden bin, so werde ich voraussichtlich mit diesem Fehler behaftet dereinst aus diesem Leben scheiden. Wenn ich Herrn Abraham Friedlich in Welsingen als einen allgemein für reich angesehenen Mann hier vorgestellt habe, so mußte ich natürlich dafür einen ganz besonderen Grund haben. Ich habe aber sogar zwei Gründe. Zunächst wollte ich von vornherein dadurch ein gewisses Interesse für meine Erzählung rege machen, daß der geneigte Leser und die freundliche Leserin denken: das muß gewiß eine höchst interessante Geschichte sein, sie handelt ja von dem reichen Friedlich! Sodann aber ist dieser sehr vermögende Herr Abraham Friedlich mein intimer Freund — wie könnte ich auch sonst von ihm so genau erzählen? — und deshalb glaube ich, daß ich mich bei denselben geneigten Zu- Hörern als Freund eines so bedeutenden Mannes in ein vortheilhafteS Licht stelle, so daß man gern meiner Erzählung folgen wird. - . Herr Abraham Friedlich ist übrigens nicht nur ein sehr vermögender Mann, sondern auch ein sehr wackerer Mann, und aus diesem Grunde wandte ich ihm meine Freundschaft und Achtung zu. Er betreibt ein sehr mnsangreiches Geschäft, welches er von seinem Vater in blühendem Zustande ererbt hat. Dasselbe ist sehr mannigfacher Art. Es umfaßt einen sehr dedeutenden Handel in Wolle und Getreide, in Eisen und sonstigen Metallen, in Tuch und Manufakturwaaren. Außerdem ist Herr Friedlich der Bankier der Stadt und ganzen Umgegend. Da ich vom Handel nichts verstehe, so bin ich nicht im Stande, ein Weiteres über das Geschäft des Herrn Friedlich zu berichten. Ich bitte, mich deshalb entschuldigen zu wollen, wenn ich das gewiß höchst interessante Kapitel des Friedlichscheu Geschäftes hiermit schon zu schließen mich genöthigt sehe. Herr Friedlich befand sich in seinem Kontor. — Der gütige Leser wird über den sonderbaren Erzähler gewiß den Kopf schütteln und denken, das braucht er ja gar nicht zu erzählen, daS versteht sich von selbst, wo sollte denn ein so gewichtiger Geschäftsmann anders zu suchen sein als in dem Kontor?! Und ich muß ihm Recht geben. Herr Friedlich befand sich während des ganzen TageS in diesem bedeutsamen Raume, und ckn deshalb ging sein einziger zwölfjähriger Sohn Joseph bei seiner Heimkehr aus der Schule geraden Wegs dorthin. ״Denke Dir," Vater, rief er in höchster Erregung beim Eintritt in das Kontor, ״sie haben mich geschimpft und gestoßen!" Und dabei füllten sich die Augen des Knaben mit Thranen. Der Vater blickte von seiner Arbeit auf, ging seinem Sohne entgegen und legte die Hand auf des Knaben Schulter. ״Beruhige Dich, Joseph, und erzähle, was Dir begegnet ist." ״Die Jungen aus der Sekunda haben mich vcrhöhnt. Als ich auS dem Schulhofe heraustrat, riefen sie mir nach: seht mal den protzigen Jndenbengel, der steigt daher, als ob er der Herr wäre! Ich wandte mich uni und sagte, sie hätten mich nicht zu schimpfen. Da kamen sie ans mich zu und riefen: Mag dich nicht mausig, Jud', sonst sctzt'S was! Und Wilhelm Krabbe packle mich im Nacken, schüttelte mich hin und her und stieß mich dann fort mit den Worten: Jetzt lauf' zum Taten, Manschet, und leg' dich auf seine Geldsacke!" Friedlich zog den Knaben, welcher bei der Erinucrnng an die eben erduldete Schmähung, heftig schluchzte, an sich. Er empfand mit seinem Sohne den Schmerz der Beschimpfung. ״Beruhige dich, Joseph", sprach er nach einer Weile, ״cs muß getragen werden. Wir sind Juden, Hohn und Schimpf sind die Begleiter unseres Lebens schon seit Jahrhunderten. Du mußt dich daran gewöhnen, eS hilft nichts!" (Fortsetzung folgt.)

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