Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1886)
- Article
- Von der Selbsterkenntnis zur Buße und Vergebung
- Date
- 1886-10-07
- Page
- 628 (sequence 2)
- Language
- German
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628 ständnißlvs auf seine Umgebung starrt, sondern ein freudiges Lächeln als erstes Zeichen deS Bewußtseins um seine Lippen spielen läßt. Es liegt in der Noth- Wendigkeit des menschlichen Wesens, ׳ daß bald ein Streben nach Verständigung im kindlichen Lallen, in abgebrochenen Worten, endlich in klarer Redeweise sich geltend macht. Ist vielleicht diese Entwickelung des Bewußtseins, welche von Tag zu Tag durch neue Erscheinungcn die Eltern erfreut, jene Erkenntniß, um die wir täglich den Ewigen anflehcn? Da mißt der menschliche Geist betrachtend seine Umgebung, lernt die gestaltenreiche Welt kennen und gewöhnt sich daran, das eigene Berhältniß zur Welt besonders zu bedenken. Die Bildung unserer Zeit, welche sich bald an den kindlichen Geist herandrängt, dient vorwiegend dem Lebenszwecke, den' Fortschritten auf der Bahn des Daseins, der Erwägung des eigenen Bortheils. Selbst die Kunst, welche einen Theil unserer geistigen Nahrnng ausmacht — wurde sie tm bürgerlichen Leben geübt und gepflegt werden, wenn man sich nicht gesellschaftiiche Borthcile davon verspräche? Wie hält man von dieser Geistesentwickelung ängstlich Alles als Hcmmniß fern, was nicht den Lebensanforderungen des Augenblickes dient! So tritt der Jüngling selbstständig auf die Bahn seines Berufes, als höchste Weisheit gilt ihm nur das rechte Verstehen der Lebensumstände und die Kunst, sie zu benutzen; darin bildet ihn die Erfahrung aus, und mit Rücksichtslosigkeit geht der Kampf um Bortheil und Ehre vor sich. Plötzlich naht uns die heilige Vußzeit, führt uns in das Heiligthum — der Tag des Posauncnschalles, das Fest der Versöhnung mahnen zum Ablegen der nicderziehcudeu Mängel, wir sollen nach innerer Läuterung nengekräftigt auf dem Wege wahrhaft mcnschlichcr Entwickelung fortschreiten, — wir betreten das HauS dcS Gottesdienstes. — zu welchem Zwecke hat uns der heilige Tag hicrhergcsührt? Hier genügt nicht die bloße Anwesenheit, ja, wir sind noch nicht weit gekommen, wenn eine gewisie Stimmung. eine dunkele Empfindung, eine bloße Rührung über uns kommt, wir haben dann noch immer feinen Grund, mit uns übermäßig zufrieden zu sein. Selbstbewußtsein ist überhaupt fernzuhalten, wo wir der Buße wegen uns versammeln. Buße thun? Fehler ablegen? so sragen wir erstaunt; wir haben das Bewußtsein unserer Sünd- Hastigkeit nicht, wir kennen keine Mängel, die uns heute zur Demuth vor dem Ewigen bringen könnten. Dem Staatsgesetze waren wir gehorsam, unsere bürgerlichen Pflichten haben wir erfüllt, unserem Lebensberufe find wir nachgekommen — wozu uns die Mahnung zur Buße? ' Wozu soll uns dann überhaupt dies heilige Fest dienen? fragen wir zurück; ist eS bloße Sache der Gewohnheit, die uns von Zeit zu Zeit, selbst an diesem Feste hierherführt? Allerdings, wenn ich der Bedeutendste in meiner Umgebung bin, werde ich mich bald selbst überreden, daß Verstöße gegen irgend Jemanden, mich selbst ausgenommen, unmöglich sind; wenn ich mich jedoch im Kreise höherer Personen bewege, da werde ich mir stets dessen bewußt werden müssen, daß ich leicht in meinem Benehmen irren kann. Ist sich der Mensch selbst Mittelpunkt der Welt, nur sein Vortheil. nur seine Ehre, nur sein Genuß der Zweck seines Lebens — dann hat Niemand an ihn irgend welche Forderungen zu richten — wenn er sich selbst dient, hat er das Rechte gethan — nur wenn er gegen seinen eigenen Bortheil sündigt, wird er cs sich als Sünde anrechncn, ja, als einen Fehler, der schlimmer ist, als ein Vergehen. So Hütten wir heute zu bedenken, wie oft wir unfern Vortheil verkannt, und in diesem Sinne Besserung zu geloben? Aus diesem blos irdischen Treiben führt kein Pfad zur Läuterung unseres Wesens empor.?אתר ״ הוגן לאדם דעת ומלמד לאנש בינהDu begnadigst den Menschen mit Verstand und den Erdensohu mit Klugheit," aber ein Zweites thnt noth, “חננו מאתן ״ דעח בינה השכלbringe uns dazu, daß von Dir ansgehend, in der Voraussetzung Deines Wesens sich in rmS Erkenntniß mit Vernunft und Klugheit eine," daß jenes stete Mißtrauen uns erfülle, wir möchten -einen Forderungen nicht genügen, jene Furcht, wir könnten bei jeden! Schritte uns irren, daß dadurch Bejchcidcnhcit in uns ciuziehc, daß ein Schuldbcwußtscin uns erfülle, das Bedürfniß der Gottesnühe uns emporhebe und wir in strenger Sclbstprüfung uns all der Bestandtheile entledigen, welche unser Verhältuiß znm Ewigen, zu den Unseren und zu unseren Mitmenschen zu stören geeignet war. מה ראו לסמוך האל הקדוש להונן הדעת על שם והקדישו את קדוש יעקב מה ״ כתיב בתריה וידעו תועי רוח בינהWeshalb schließt sich in unserer täglichen Tephilla an daö Lob des heiligen Gottesnamens das Gebet um Erleuchtung des Geistes an?" Weil die Schrift sagt: ״Sic sollen den Heiligen deö JakobShanseS heiligen lernen, indem die Verirrten zur Vernunft gelangen." Nur durch Selbsterkenntniß und strenge Selbstprüfung gelangen wir dazu, den Namen des Ewigen zu heiligen vor den Augen der Mitwelt: nur so gereichen wir den! Judenthume selbst nicht zur Schande. (Fortsetzung folgt.)