Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-09-29
- Page
- 619 (sequence 2)
- Language
- German
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619 seines Dienstes zum Vorwurfe gemacht haben soll, schildert den Vorfall so, als ob Dr. Pettersch, Professor Fiegl und die Genossen derselben das Publikum gegen die Judm aufgehetzt hätten. Er stellt in Abrede, den Reichsraths-Abgeordneten Professor Fiegl beleidigt zu haben, und will die Bemerkung, daß es eine Schande sei, wenn solche Leute im Neichsrathe sitzen, auf Dr. Pettersch, der sich ihm als Abgeordneter vorgestellt, bezogen wissen. Er erbat sich die Eruirung und Namhaftmachung von Zeugen, die Nachweisen werden, daß der ganze Skandal von Antisemiten provozirt, und das Publikum durch dieselben gegen die Juden gehetzt wurde. Zwillinger wurde nach Konstatinwg seiner Jdendität entlassen. Weitere Erhebungen sind im Zuge, und wird nach Vernehmung von Zeugen entsprechend amtSgehandelt werden." f. Wien, 15. September. In der Volköhalle fand heute Nachmittag eine Versammlung der Gemischtwaarcn-Verschleißer statt, in welcher die Stimmenabgabe für den Vorstand vor sich.ging, nach deren Beendigung das Skrutinium vertagt und vom Vorsitzenden, Kammerath Zimmern! an 11, die Diskussion über geuossenschastliche Angelegenheiten eröffnet wurde. Anfangs bewegte sich die Diskussion im ruhigsten Fahr- Wasser, die Redner beflissen sich der größten Mäßigung, bis gegen Schluß die Bemerkungen des Vorsitzenden einen heillosen Skandal entfesselten und vom anwesenden Genossenschafts-Kommissär vr. Kronawetter dir Auflösung der Versammlung ausgesprochen werden mußte. Vorsteher Zimmcrmonn nahm nämlich in seinen Ausführungen die Gelegenheit wahr, gegen die von antisemitischer Seite ausgehenden Störungsoersuche mit aller Schärfe sich zu wenden, und als er erklärte, daß die Religion in der Genossenschaft nichts zu suchen habe, brach ein ohrenzcrreißender Spektakel los, in dem das sonore Organ des Redners spurlos verklang. Erst als ein Antisemit die Tribüne erklomm, legte sich ein wenig der Lärm, um bei dem folgenden Redner, welcher im Sinne des Vorsitzenden sprechen wollte, mit erneuter Macht wcilerzutoben. Daö nun folgende Bild war unbeschreiblich wüst. Der Vorsitzende, sowie vr. Kronawetter wurden niedergeschriecn, und auf der Tribüne bildete sich ein Knäuel von Anhängern der gegnerischen Parteien. Die Gefahr einer regelrechten Balgerei lag um so naher, als die im Saale Anwesenden hiezu ermunterten, und von den Antisemiten der befeuernde Nus für ein solches Beginnen erscholl. RathloS sahen der Vorsteher und der GenosfenschaftS-Kommissär in die immer wüthrnder sich gebcrdenden Gruppen, als Plötzlich ein Wachmann im Saale erschien und die Theilnehmer, nachdem vorher die Versammlung aufgelöst worden war, mit harter Mühe zum Verlassen der Volks- Halle veranlaßte. * Mus Galizien, September. Die ״Oesterr. Wochenschrift" schreibt Folgendes über die Reise des österreichischen Kaisers in Galizien: Seit dem 6. t>. weilte Se. Majestät,. unser allcrgnädigfter Kaiser, in unserem Lande. Das Hauptquartier des Kaisers befand sich in Lnbien. Der Kaiser wurde in allen Orten, die er bei seiner Reise berührte, mit besonderem Enthusiasmus empfangen, obgleich programmmäßig nirgends mit Ausnahme in Grodck ein offizieller Empfang stattfand. Die Bevölkerung Galiziens gab wieder Beweise ihrer umwandclbaren Treue und Anhänglichkeit an Se. Majestät; die Juden haben sich in der Beziehung besonders hervorgethan und mit Recht, weil sie in Sr. Majeftät ihren mächtigen Beschützer finden, der mit gleicher Liebe und Gerechtigkeit alle seine Unterthanen, ohne Unterschied der Religion nmgiebt, so daß die Giftpflanze von Rassen- und NeligiouShaß in unserem geliebten Vatcrlande, trotz künstlicher Pflege von mancher Seite, durchaus nicht gedeihen kann. Uebcrall wurde Sr. Majestät von den Vorständen und Rabbinern ehrfurchtsvoll gehuldigt. Nur iu Bochuia, nächst Krakau, fehlte während der Durchreise des Kaisers, unter den zahlreichen Deputationen, die gekommen waren, um dem Monarchen zu huldigen, eine Vertretung der israelitischen Gemeinde des Nachbarstädtchens WiSnicz. Die Krakauer ״Nowa Reforma" vom 19. d. M. bringt nun eine Zuschrift der israelitischen KuttuSgemcindc von WiSnicz, in welcher das unqualisizirbare Vorgehen, des Bürgermeisters von Bochuia zur Kenntniß gebracht wird. Die Zuschrift lautet wörtlich: ״Der Vorstand der israelitischen Kultuögemeinde in WiSnicz, um seine Abwesenheit bei der Begrüßung Sr. Majestät während der Durchreise nach Bochuia am 15. d. M. zu rechtfertigen, gicbt hiermit bekannt, daß das Verfahren des Bürgermeisters von Bochuia die ausschließliche Ursache hiervon war; denn der Bürgermeister von Bochuia gab, nachdem er die heranziehen den Juden mit den gemeinsten Ausdrücken empfangen hatte, der Polizei den Befehl, die Juden auseinander zu jagen, und drohte hierbei, daß er alle Israeliten und den Rabbiner sammt der Thora aufknüpfen lassen werde. Der israelitische Kultusvorstand in Wisnicz." Daß ein Bürgermeister auch Todesurtheile fällt, ist eine rechtliche Institution, die zum großen Leidwesen der Antisemiten bisher noch nicht allgemein Geltung erlangt hat. Die Affäre ist wohl nicht ernst zu nehmen und eher in psychiatrischer als in politischer Hinsicht interessant; gegen derlei Vorkommnissewird sich wohl leicht Abhülfe schassen lassen. * Ältofen, 24. September. Die ״N. jüd. Pester Ztg." berichtet von hier: Vorgestern wurde eine merkwürdige jüdische Frau zu Grabe getragen, welche ihren Gatten durch fast ein halbes Jahrhundert auf seltsame Weise betrauert hat. Es ist dies die Wittwe des vor