Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-09-29
- Page
- 618 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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618 Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. C. Berlin, 23. September. Das ״Berliner Tageblatt" enthält folgende Notiz: ״Nordd. Allg. Atg." und ״Post" halten cS für angemessen, ans Anlaß der Rede, welche Professor Virchow am Grabe Ludwig LöwcS gehalten, und die unsere Leser in aller Ausführlichkeit kennen, den Präsidenten des deutschen Naturforscher- und Aerztctages wie folgt zu apostrophiren: ״Wenn Herr Virchow ein achter Deutscher ist, dann danken wir selbst ganz gehorsamst dafür, uns noch zu den Deutschen zu rechnen." Wahrlich sehr bezeichnend und höchst angemessen!! Oesterreich-Ungarn. 0. Wien. 25. September. Vor dem hiesigen Schwurgerichte spielen setzt die Verhandlungen eines Mililärbesreiungsprozesses, in welchem die Angeklagten, zwei Juden, sich einer argen Schwindelei überführt zeigen. Von einer Szene aus demselben berichtet die ״N. fr. Pr.": ״Als heute um die Mittagsstunde der Vorsitzende im Prozesse Heller-Grünberger die Verhandlung auf kurze Zeit unterbrach, verließ das Publikum, wie gewohnlich, den Saal. Es befanden sich darunter Advotaten, Vertheidiger, GerichtSbcamte und viele Offiziere; auch ein Hanptiuann-Auditor wohnte heute, wie man annimmt in offizieller Eigenschaft, im reservierten Zuhörerraume der Verhandlung bei. Während dieser Pause entstand an der Garderobe, die sich im Vestibüle vor dem Schwurgerichtssaale befindet, ein großer Skandal. Ein gewisser Dr. Peter Edler v. Oberleithner, der offenbar mir einigen antisemitischen Gesinnungsgenossen, darunter der Gymnasial-Professor und NeichSralhs- Abgeordneter iUcgi, der Verhandlung beigcwohnt hatte, rief plötzlich: ״Die Juden sind alle Betrüger und gehören alle hierher!" Einer der Beschädigten im Prozesse, ein Jude, stellte Oberleithner wegen dieser Aenßerung energisch zur Rede. Nun erhoben die Antisemiten ein großes Geschrei, andere Personen mischten sich gleichfalls in den Streit, und Gymnasial-Professor Flieg! schrie: ״Was krakehlcn dir Inden, als ob sie im Tempel wären!" Nun wurde der Lärm noch ärger, man drang auf Oberleithner und Fiegl ein, und nur dem Eingreifen der GcsangeuhanSwache gelang es, die Genannten vor Schlügen zu schützen. Nun ries man der Wache zu, sie möge Oberleithner verhaften; dieser aber ries: ״WaS, mich wollen Sie verhaften lassen? Ich bin. ein Dntzbrnder des Herrn LandgerichtsratheS Dr. v. Holzinger, und ich werde ihm morgen schreiben, daß er solche Leute nicht in den. Saal Lassen soll." — ״Und dieser Herr," rief er, aus den Gymnasial-Professor Fiegl deutend, ״ist der NeichörathS-Abgeordnete Fiegl." Nun schrieen die Antisemiten, man möge eine Person, die sie im Publikum gepackt hatten, verhaften. Der Lärm dauerte eine Weile so fort. Man rief den Antisemiten zu: ״Das ist eine abscheuliche Feigheit, das ist ein bübisches Benehmen." Inzwischen kam ein Wachtmann an den von den Antisemiten bezeichneten Mann heran, um ihn zu verhaften und auf die Polizei-Wachstube zu führen. Die Umstehen dm schrieen, Oberleithner und Fiegl sollten mitgenommen werden, und unter fortwährendem Geschrei und Geschimpfe strömte Alles von der Alserstraße, wo sich eine Menge Leute anschlossen, zur Wickenburgstraße. An der Ecke dieser Straße erklarte Gymnasial-Professor Fiegl, er gehe nicht mit zur Wachstube. Neuer Lärm und Nufe: ״DaS ist schändliche Feigheit, nur im Neformverein haben Sie MnLH!" Die Antisemiten dagegen schrieen: ״DaS ist unverschämt, einen ReichSrathS-Abgeordneten zu beleidigen!" Und so strömte der Haufe Menschen, sich immer vergrößernd, unter tobendem Lärm in die Wickenburgstraße. Nur mit Mühe vermochte der Wachmann eine Schlägerei zu verhindern. Mittlerweile gelang cs dem Gymnasial- Professor Fiegl, sich bei einem Hause der Menge zu entziehen, und der Wachmann konnte nun den Arretirten zur Wachstube führen, wo derselbe nach einen: kurzen Verhöre frcigelassen wurde." — Amtlich wird über diesen Vorfall gemeldet: Heute, Nachmittags um halb 1 Uhr entstand in der Vorhalle zum Schwurgerichtssaale, nachdem die Verhandlung im Prozesse Heller- Grünberger auf eine halbe Stunde vertagt worden unter dem Schwnrgerichts-Gcbändc verlassenden Publiknm ein Skandal, welcher sich bis aus die Straße fortpflanzte. Der Anlaß hierzu war folgender: Der angebliche Dr. Karl Hugo Pettersch, Schriftsteller, V. Bezirk, Arbcitergasse Nr. 21 wohnhaft, ging mit einem Herrn, dessen Namen er nicht kennt, beim Saale herans. Letzterer äußerte sich, daß es doch sonderbar sei, daß die Beschädiget Juden seien. Auf diese Bemerkung rcplizirte eine Dame, daß dies eine Gemeinheit sei. Es bildeten sich bald Parteien für und gegen, und der Slandal verpflanzte sich ans die Straße. Hier gerieth vr. Pettersch mit dem in der Levpoldstadt, Vereinsgasse Nr. 35 wohnhaften Pyrotechniker Emanuel Zwillingcr in einen Streit. Der hinzngekommene NeichSrathS- Abgeordnete Fiegl ries: ״Das ist ein Skandal, wie sich dieses Judenvolk benimmt!" Professor Fiegl will hierauf von mehreren Personen bedroht und von Zwillingcr dadurch beleidigt worden sein, daß derselbe rief, es sei eine Schande, wenn solche Leute im NeichSrathe sitzen. Zwillmger, welcher in Folge Aufforderung deSDr. Pettersch und Professor Fiegl durch einen Sicherheitswachmann in das Bureau des Polizei-Kommissariats Josephstadt gestellt wurde und der dem Wachmanne Unkenntniß f