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Jeschurun · 1886-09-29 · Heft 39 (29.9.1886) · p. 614

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 39 (29.9.1886)
Article
Jüdische Briefe aus und über Rußland
Date
1886-09-29
Page
614 (sequence 2)
Language
German
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614 in hohem Ansehen stand, so daß dieser sich seines RathcS beständig bediente. Neben dieser mächtigen Stellung war er unausgesetzt beschäftigt, Thora zu lehren und ihre Wissenschaft zu fördern. Er verfaßte unter Andern sehr schätzenSwerthe Anmerkungen zum פמ״ק. Durch seine Schüler, die zu den bedeutendsten Rabbinern zählen, verbreitete sich das Licht seines reichen Wissens über alle Provinzen unseres Landes. Es ließen sich der Beispiele noch viele anführen, um dorzuthun, wie von jeher in unserem Lande die Leiter und Führer unseres Volkes bei der Negierung hochangesehcne, mitten im praktischen Leben stehende Männer waren, welche in die Fuß tapsen unserer Großen, wie R. Samuel Hanagid, N. Chisdai, Maimonidcs. Abarbanel u. A. m., traten, denen ihr Neichthum und ihr Ansehen als das Untergeordnete, die Thorawissenschaft als das Höchste galt, — deren ganzes Streben darauf gerichtet war. die Kenntniß des Gottesgesetzes zu fördern und zu verbreiten, dessen Wissenschaft immer mehr anzubauen und für das Wohl ihrer Brüder stets einzustehen und dafür zu wirken bis zum letzten Odemzuge. Das waren unsere Häupter und' Führer. Im letzten Zyklus des vergangenen Jahrhunderts stand als solcher anerkannt unter uns der wahrhaft große Rabbi Ehajim aus Wolosin, der eine neue Aera auf dem Gebiete des Iudcnth'umS begründete. Er war ein Schüler des Rabbi Elia, dcS Wilnaer Gaon. Er schuf die heilige Hochschule in Wolosin. ' Unter Gefährdung seines Lebens begab er sich vor etwa achtzig Jahren nach Petersburg, um die Sache seiner Brüder vor dem Kaiserthrone zu führen. Er war in seiner Zeit das Oberhaupt der Judenschaft und deren gefeierte Autorität, sowohl auf dem Gebiete' der theoretischen Wissenschaft und der religiösen GesetzeSentscheidnng, wie in Bezug auf die Verwaltung der Gemeinden und die Vertretung der Gcsammtheit nach Außen. Es ist unmöglich, in der Kürze ein erschöpfendes Bild seiner Größe zu entwerfen. Aus allen seinen Handlangen strahlte seine Weisheit wieder. Man wandte aus ihn allgemein den Satz an: der Weise überragt den Propheten. DaS . Gcdächtniß seines Schaffens, seiner Anordnungen, Aussprüche und Urtheile lebt noch heute maßgebend unter ׳.׳.ns, gleich als ob er unter uns wandelte und er noch jetzt die Leitung und Führung über uns in Händen hielte. Vor Allem ist es seine erhabene Schöpsung, die Hochschule zu Wolosin, welche sein Licht unter unS leuchten läßt. Die wahrhaft Großen prunkten nicht mit ihren Thaten. Aechte Bescheidenheit war ihre höchste Zierde. Weder sie selbst noch. Andere verherrlichten ihr Wirken durch Aufzeichnungen ihrer Handlungen. Wir besaßen überhaupt keine profane Literatur. Wer die Feder zur Hand nahm, führte sie zu keinem andern Zwecke, als religiös-wissenschaftliche oder ethische Werke niederzuschreiben. Man befolgte buchstäblich den Grundsatz, daß den wahrhaft Großen kein Denkmal zu errichten sei, daß ihr Gedächtnis vielmehr in ihren Werken fortdauere. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob man hierin recht gehandelt hat, oder ob cS vielleicht ein Fehler gewesen, daß das Andenken an die Thaten dieser Großen und ihrer Vorgänger nicht in einem geordneten Geschichtswcrk festgehaltcn worden ist und wir keine zuverlässige Geschichte von den vergangenen Zeiten besitzen, auf daß die Epigonen die glorreichen Thaten der Ahnen zum nacheifernden Vorbild genau kennen lernen. Wir haben hier umsoweniger darüber eine Untersuchung anznstellcn, als eS ja von keinem Nutzen sein kann, das Nichtvorhandene zu besprechen. In der Gegenwart ist dieses freilich anders. Es wird jetzt so Vieles zum Uebermaß geschrieben, so zwar, daß die leeren und dürren Aehren die guten überwuchern. Wir leben ja leider in einer Zeit, deren ganzes Wesen in der Schreiberei aufgcht. Sie gleicht einem Körper ohne Seele, einer Hülle ohne Wesen. Die inhaltlose oder übermäßige Schriftproduktion ist das charakteristische Zeichen der Gegenwart. — Wir wollen jedoch bei dieser Betrachtung nicht länger verweilen. Wir wollen vielmehr nun zum eigentlichen Gegenstand unserer Briefe zurückkehren, nachdem wir gesehen, daß in -er Vergangenheit man es verschmäht hat, deren Thaten und Geschehnisse aufzuzcichnen, obgleich sie Stoff für große GcschichtSwerke darboten. Für die Profanliteratur war aber gar keine Stelle in unserem Lande vorhanden. (Fortsetzung folgt.) Uelielknldee. Von Leander. Friede, Friede! Ist cS mir bcschieden, das Herrlichste Geschenk des Weltcnlenkers? Nein, nein, für mich ist kein Friede, keine Ruhe. — Schon sinkt der Sonne Fcuerball hinab zu jener Hälfte der Mutter Erde, noch einmal Alles vergoldend, Alles verklärend. Das ist die Farbe des Friedens, — des ewigen Friedens? Friedlich ruht das Thal, durchflossen von dem Silberfaden. des sanft rauschenden Bergbaches, rosig strahlen die Kuppen -er herrlichen Berge, dort hinten die Stadt mit ihren Thürmen und Schloten, — schon umflort von nebligtem Schleier. Da — ein Zucken feurig roth — eS ist Nacht. Ich schaue, hinab, weit, weit in die schlummernde Landschaft; sanft murmelnd rauschen über mir, - vom kühlen Nachtwinde bewegt, die Blätter am Wipfel des Baumes, an dessen Stamm

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