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Jeschurun · 1886-09-23 · Heft 38 (23.9.1886) · p. 602

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 38 (23.9.1886)
Article
Deutschland : Kassel [Nachricht]
Date
1886-09-23
Page
602 (sequence 2)
Language
German
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602 Gesinnung stehen, zu Theil werden läßt, für asiatisch ■ und der im gebildeten Europa herrschenden guten Sitte, nach der man Niemanden ungehört richtet und nicht einmal einen Mörder hängt, ohne ihm zu sagen warum, widersprechend zu halten. Die Konservativen scheinen nachgerade in die Lage des Zauberlehrlings zu kommen und die Geister, die sie riesen, nicht bannen zu können. Ob es ihrem Meister Stöcker, der nach einer andern Notiz des ״Kassel. Jour." demnächst hier eine Predigt zu halten gedenkt, gelingen wird, das dürfte doch, sehr fraglich sein. ~ LauLenbrrrg. Der ״Danz. Ztg." wird von hier geschrieben: Der seit 36 Jahren in Preußen wohnhafte, seit 22 Jahren in Lautend,irg verheirathete Handelsmann Jakob Lewin aus Tautenburg״ erhielt im Anfänge des Sommers gleich vielen Anderen die Ordre, mit seiner Ehefrau und seinen sechs Kindern (daS jüngste 2 Jahre alt) das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Lewin begab sich demgemäß nach seinem Geburtslande Rußland, wurde von dort.aber nach Preußen zurückgcwicsen, weil sich aus den russischen Registern seine dortige Staatsangehörigkeit nicht ermitteln ließ. Da er völlig mittellos war, blieb ihm nichts übrig, als nach seiner bisherigen Heimath Lautenberg zurückzukchren. Dort erhielt er eine vom Landrath deS Stras-- burgcr Kreises unterm 21. Juli gegen ihn erlassene Verfügung, nach welcher ihm der fernere Aufenthalt in Preußen untersagt und ihm eine Geldstrafe von 15(» Mark, eventuell eine Haftstrafe von -2 Wochen augedroht wurde, wenn er nicht binnen drei Wochen nut seiner Familie das preußische Staatsgebiet verlassen habe. Lcwin konnte dieser Weisung nicht Nachkommen, da die russischen Behörden ihn nicht über die Grenze lassen und er zur Reise nach einem Seehafen resp. zur Ucberfahrt in ein anderes fremdes Land keine Mittel besaß. Unterm 16. August wandte Lewin sich nun an den Regierungspräsidenten in Marienwerder, erklärte sich bereit, der AuswcisungSordre zu folgen, bat aber um Anweisung der erforderlichen Mittel zur Reise, da er dieselben aufzubringen außer Stande sei. Eine Antwort auf diese Eingabe ist ihm angeblich nicht zugegangen. Inzwischen aber hat unterm 21. August der Strasburgcr Landrath die augedröhte Geld- resp. Haftstrafe für vollstreckbar erklärt und die Polizcivcrwaltung zu Lautcnburg urit der Vollstreckung beauftragt. Gleichzeitig wurde gegen Lcwin eine neue Geld- resp. Haft-, strafe scstgcsetzt, wenn er nach Verbüßung der 2 Wochen Hast nicht binnen 8 Tagen mit seiner Familie abreise. Wie Lewin dies möglich machen soll, darüber enthalten die Strafverfügungen allerdings keine Andeutung. Werden die Haftstrafen an ihm vollftreckt, so fallen unterdessen seine Ehefrau und Kinder der öffentlichen Arrneupstcge der Stadt Lairtenburg zur Last, und wenn die Strafe verbüßt ist, dann ist man mit ihm geradeso wert wie jetzt und die Tragödie kann sich auf diese Weise bis an sein Lebensende wiederholen. Einstweilen hat sich der unglückliche Mann mit der Bitte um Rath und Hülfe in seiner trostlosen Lage an Glaubensgenossen gewandt. m. Frankfurt a. M Die letzte Volkszählung ergab für die hiesige Bevölkerung nach NeligionSbekenntnissen: 94042 Protestanten, 43636 Katholiken, 15 554 Juden, Verschiedene 1481. Seit der voraufgegangenen statistischen Aufnahme war ein Zuwachs von 10270 Protestanten (r2'/1» 5723 Katholiken (151/!o °/0), 1711 Juden (1210/י M. Nördlingen, 19. September. Vorgestern fand hier die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt. In erfreulicher Weise nahmen die Spitzen der Bevölkerung an diesem hohen Feste der israelitischen Gemeinde lebhaften Antheil. Der Magistrat und daS Gemeindekollegium, sowie viele Beamte königlicher Behörden befanden sich in dem Festzuge, welcher die Thorarollen von der alten Synagoge in das neue Gotteshaus geleitete. An Stelle des der Feierlichkeit beiwohnenden hochbetagten Rabbiners hielt der Herr Distriktsrabbincr Dr, Cohn aus Jchenhausen die Weihrede. Bei der am Abend veranstalteten Festivität sprachen unter Anderem auch der königliche Bezirksamtmann Herr Herrmann, sowie Herr Bürgermeister Neiger. Letzterer betonte den Frieden, welcher in der Stadtbevölkerung unter den Angehörigen der verschiedeneu Glaubensbekenntnisse stets geherrscht, und gab dem lebhaften Wunsche auf dessen ungetrübte Fortdauer Ausdruck. — Die Synagoge ist eine Zierde der Stadt, welche auch durch einen Beitrag von 2000 Mark ans städtischen Mitteln den Bau gefördert hat. — Möge der Geist acht jüdischer Frömmigkeit in dem Kreise der iu erfreulicher Entwickelung begriffenen jungen jüdischen Gemeinde stets heimisch bleiben und die in dem herrlichen Gotteshause zum Ausdruck gelangende Lehre im Leben der Gemeinde ihre Verwirklichung finden. >V. München, 15. September. Mit der Tagesdämmeruug des 13. d. erhob sich die Sette der allverehrten Frau Karoline Landauer zu den lichten Himmclsjhhären, um dort von^den irdischen Leiden auszuruhen und den Lohn, der ihrer harrt, in Empfang zu nehmen. Die Lheure Verblichene war durch ihre mustergiltige Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, durch ihre strenge .Religiosität und treue Anhäuglickkeit an dem Stamme, dem sie entsprossen, eine echte und wahrhaste Tochter des jüdischen Volkes, die wiewohl von GlückSgütcrn überhäuft und auf der Stufe allgemeiner Bildung stehend, jedem Versuche, der an sie herantrat, das Jahrtausende alte Judcnthum den vermeintlichen Anforderungen moderner Zeitströmung anzupassen, mit

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