Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-09-23
- Page
- 599 (sequence 2)
- Language
- German
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599 Tirza stieß einen gellenden Schrei aus und umklammerte, wie Hülfe suchend Werners Arm. Dieser aber hatte im Moment die Situation erfaßt. ״Er hat sich selbst gerichtet," murmelte er erschüttert, ״das Andenken an sein Verbrechen wird mit ihm begraben werden. — Nasch, Geliebte, nimm das Kind und eile hinüber in Dein Zimmer, Deine Ab- Wesenheit ist drüben vielleicht noch nicht einmal bemerkt worden." Bebend, keines Wortes mächtig, nahm Tirza den schlummernden Knaben in ihre Arme. Dann begaben sie sich in das anstoßende Zimmer, weder die Kranke noch ihre jugendliche Wärterin hatten den Schuß vernommen. das Rollen des Donners mochte ihn üb'ertönt haben. ״Was macht das Kind?" fragte die Kranke besorgt. ״ES schlummert ruhig," erwiderte der Ar;t, ״wir wollen es jetzt hinübertragen. Leuchen," wandte er sich an das junge Mädchen, ״wollen Sie eine Laterne nehmen und uns leuchten?" Lenchen hatte das Verlangte rasch zur Hand und Alle verließen das Zimmer. Tirza eilte mit dem Kinde hinüber in den Gasthof, ohne einen Blick um sich zu wenden. Werner aber hielt daö junge Mädchen, das sie begleiten wollte, zurück. ״St", flüsterte er, ״hören Sie nichts?" ״Das ist nicht die Großmutter," erwiderte das Mädchen, ״das kommt von draußen, als ob ein Mensch verunglückt wäre." '׳ ״Kommen Sie," gebot er, ״leuchten Sie." Sie traten hinaus. ״Herr Gott!" schrie das junge Mädchen, ..das ist der Löwenwirth!" Werner neigte sich über ihn, der sich ächzend in seinem Blute wand. ״Er scheint schwer verwundet. Stellen Sie die Leuchte auf die Erde und helfen Sie mir, ihn hinübertragen." Vorsichtig hob er bei diesen Worten den Oberkörper des Verwundeten, dessen blutendes Haupt auf seinem Arme ruhte, das zitternde Mädchen umfaßte die Füße und langsam schritten sie mit ihrer Last hinüber in den Gasthof. Entsetzen erfaßte die Dienerschaft, als sie ihren Herrn, der vor kaum zehn Minuten in strotzender Gesundheit das Haus verlassen, blntbcdeckt, allem Anscheine nach leblos, hercintragen sahen. Aus Werners Geheiß riefen sie schleunigst den Hausarzt herbei, der die Verletzung als äußerst gefährlich bezeichnete. Der Verwundete kam zwar wieder zum Bewußtsein, aber der Arzt verhehlte eS'der Umgebung nicht, seine Stunden waren gezählt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von dem Selbstmordversuche des LöwenwirtheS durch die ganze Stadt. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages hatte auch Walther eS bereits erfahren. In höchster Erregung eilte er zu dem Untersuchung-- richter und forderte diesen auf, ihn unverzüglich zu dem Verwundeten zu begleiten, da er den dringenden Verdacht hege, daß derselbe die Anna Brukner ermordet habe. Der Untersuchungsrichter blickte ihn betroffen an; er kannte Müller und hielt es für undenkbar, daß ein Mann in seinen Verhältnissen ein derartiges Verbrechen verübt haben könnte. ״Auf was gründet sich Ihr Verdacht?" fragte er zögernd. ״Ich kann und darf diese Frage nicht ohne zwingende Nothwendigkeit beantworten. Doch ich hoffe mit Zuversicht, daß der Verwundete im Anblick deS TodeS das begangene Verbrechen eingestehen wird. Aber im Verzüge liegt Gefahr, der behandelnde Arzt zweifelt, daß Müller den heutigen Mittag erlebt." Walthers Vermuthung bestätigte sich. Sterbend bekannte Müller nicht nur, daß er den Mord verübt, sondern auch, daß er eigens, um ihn verüben zu können, das HauS, in dem die Ermordete gewohnt, in Brand gesetzt hatte, und daß er, um den Verdacht der Thüterschaft auf einen ihrer Hausgenossen zu lenken, dieselbe mit einem schweren Folianten, der ihrem Zimmernachbar gehörte, wiederholt auf's Haupt geschlagen habe, nachdem er sie bereits erwürgt. Den Folianten hatte er auf die Ermordete gelegt, und das Schubfach, in dem sie ihre geringen Ersparnisse aufbewahrt hatte, erbrochen und geleert. Der Untersuchungsrichter glaubte dm eigenen Ohren nicht trauen zu dürfen, und vergebens forschte er nach den Motiven des Verbrechens; diese Frage ließ derselbe unbeantwortet. Daß der unschuldig Angeklagte sofort enthaftet und seiner Familie zurückgegeben wurde, bedarf kaum der Erwähnung. Weniges bleibt uns zu berichten. Doktor Werner und seine Tirza, ebenso Friedrich Walther und seine Bella leben noch heute in gtücklichstcr Ehe. Der SanitätSrath erfreute sich eine Reihe von Jahren des ungetrübten Glückes seiner Kinder, muntere Enkel umspielten ihn. Jetzt ist er jedoch bereits heimgegangen zu seinen Vätern. Doktor Werner hat das Wort gehalten, das er Tirza einst gelobt; er hat ihren Sohn mit ächt Väterlicher Liebe erzogen. Der junge Karl Müller ist ein frommer, gesinuungstüchtiger Jude geworden, wie sein Later einer war.