Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1886)
- Article
- Jüdische Briefe aus und über Rußland
- Date
- 1886-09-23
- Page
- 596 (sequence 2)
- Language
- German
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596 Beschränktheit, die ihnen ein weiteres Arbeitsgebiet ׳ verschlossen halt. So erscheinen diese Kleineren wegen ihrer Erfolge oft bedeutender als viel Größere. Wagen sie sich aber aus ihrer Sphäre heraus und unterfangen sich, ralhcnd und handelnd in außerhalb ihres GesichtskreifeS liegende Verhäitnisse cinzngrcifen, so erkennt der Kundige alsbald ihr Unvermögen, die Kürze ihres Geistes und ihre Thorheit. Ja, sic erscheinen dann geradezu als Unverständige — im vollen Wortsinne — und alle ihre Ansichten und Urtheile tragen den Stempel der vollendetsten Thorheit Das Kennzeichen des wirklich Weisen besteht aber darin, daß er ein zutreffendes gerades Urtheil auch über solche Dinge und Verhältnisse sich zu konstrulrcn vermag, die außerhalb des beschränkten Kreises seiner nnmittelbarcn Umgebung liegen, daß er Dinge und Verhältnisse nach ihrer besondern Eigenthümlichkeit, nicht nach einer bereits vorweg fertigen Ansicht schablonenhaft beurtheilt. Wir gewahren jedoch auch oft, daß auch sonst kluge Männer in Betreff der Beurtheilung von Angelegenheiten ferner Lande sich unfähig erweisen. Die Ursachen der dortigen Erscheinungen ist ihren Blicken entzogen, und sie vermögen nicht, eine zutreffende Erkenntniß zu gewinnen, so daß ihre Urtheile und Nathschlage durchaus fchlsam sind. Das ist ein leider nur zu oft bestätigtes Faktum. Daß aber ein von einer sonst als Autorität geltenden Stelle ausgehendes Urtheil um so gefahrdrohender und verderbenbringender wirkt, je anerkannter diese Autorität ist, liegt ans der Hand. Der Jrrthum und die Thorheit wird hier von einem großen bekannten Namen gedeckt und findet leicht Verbreitung und Anerkennung. Darum ist die Gefahr und der Schaden eines Jrrthums dieser klugen und angesehenen Männer so unendlich groß, wenn sic/die geistigen und moralischen Interessen ferner und ihnen unbekannter oder nicht genügend bekannter Angelegenheiten zu fördern sich vorsetzen und nicht bedenken, daß sie damit leicht den Feinden unseres Volkes in die Hände arbeiten, da diese ans den Worten und Ansichten sener Klugen und Angesehenen Waffen gegen uns zu schmieden verstehen. So werden ihre wohlgemeinten Urtheile und Nathschläge aus der Ferne zum Verderben. Wer ein richtiges Urtheil ans der Ferne füllen will, nlnß zuvor eine ganz genaue und eingehende Kenntniß deö Landes und der Menschen, der Ordnungen und Gewohnheiten, der bewegenden Ursachen und obwaltenden Verhältniffe sich angccignet Haben; erst dann wird er sich berechtigt fühlen können, sich eine zutreffende Ansicht zuzutrauen. Dies ist auch die Meinung jenes Weisen: ״urtheile über deinen Mitmenschen ׳nicht, du seiest denn an seinen Ort gekommen," d. h. mache dich Zuvor mir allen einschlägigen Verhältnissen so genau vertraut, gleich als ob du an seinem Orte und in seinen Verhältnissen gelebt hättest. Unsere Brüder in Deutschland mögen es uns nicht verübeln, wenn wir es aussprechen, daß sie gar keinen Begriff und kein rechtes Verständniß von den Verhältnisse!׳. Lcr russischen Juden haben — auch nicht im geringsten Maße — daß sie uns ihre Nathschläge und Anschauungen hierüber als maßgebend mitthcilen könnten. Sie können hierin in keiner Weise kompetent sein. Sind cs doch auch die wenigsten russischen Juden der Gegenwart selbst! Auch ihnen fehlt eine genaue Kenntniß und Einsicht in die Geschichte der Juden Rußlands, in die Ursachen der Verhältniffe und Zustände, und darum können sie sich kein rechtes Verständniß bilden für das, was unseren geistigen und moralischen Interessen frommt. Woher sollte nun gar unseren fernen Brüdern eine solche Kenntniß und Einsicht zukommen? Wenn deshalb irgend ein Naih oder Urtheil von unfern Brüdern in Deutschland in dieser Angelegenheit zu uns gelangt, so erscheinen sie den Einsichtigeren unter uns wie ungerufene Nathgeber. Sie kommen zu uns mit der Miene der Ueberkgenheit und geriren sich, als ob wir unmündige Waisenkinder oder geistig beschränkte Männer wären, deren sie sich zu unserm geistigen Heile in großmüthigem Erbarmen widmen müssen. Daß sich aus dieser durchaus irrigen Anschauung falsche Begriffe ergeben müssen, ist nur zu natürlich. Aber es hat dieses noch außerdem ein großes Nebel zum Gefolge: die Gewährung einer Handhabe für unsere Gegner gegen uns. Wir wollen hier nicht auf Einzelheiten cingchen. Der Leser wird sich Manches leicht vorstellen können. Um jedoch nicht in Näthjeln zu sprechen, gedenken wir im Nächsten unsere Behauptungen näher zu begründen. (Fortsetzung folgt.) *r Die fitipse der K&prifpi Wich- MMpkwMlWn. Pest, 15. September. Es ist keine glückliche Hand, welche die Feder in der Kanzlei der DurchführnngSkommission regiert. Da hat sich nach langer Ueberlegung und Erwägung die Durchführnngökommission ermannt und in einer der wichtigsten Angelegenheiten, welcher sie sich längst hätte widmen sotten, endlich das Wort genommen, — und trotz dieses langen Zögerns ist sie mit einem דבר אינו מתוקן vor die Oeffentlichkcit getreten. Das hätte nicht zu geschehen brauchen, das hätte nicht geschehen dürfen.