Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-09-16
- Page
- 590 (sequence 2)
- Language
- German
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5go nicht bewegen, sein Schweigen zu brechen und die verlangten Ausschlüsse zu ertheilen. In Anbetracht aller dieser und noch anderer ungünstiger Umstände war es nicht zu verwundern, daß der Gerichtshof über ihn das harte Urtheil sechsmonatlicher StaatSgcfaugenschast verhängte. Und trotzdem herrschte allgemein die Ansicht, das Urtheil wäre milder ausgefallen, wenn es von Richtern gesprochen worden wäre, zn deren Amtsfreunden nicht der Vater des so schwer betroffenen Gegners gehörte. Der Vcrthcidiger hoffte zuversichtlich, die höhere Instanz werde das Strafmaß beträchtlich herabmindern und wollte die Berufung anmclden, aber Rafael erklärte mit trübem Lächeln, er würde dazu nur dann einwilligen, wenn er gewiß wäre, daß seine Haftzeit ihm verdoppelt würde. ES war ihm aber, trotzdem er dabei lächelte, voller Ernst mit dem Gesagten — sechs Monate dünkten ihm zu kurz für die großen Umwälzungen, welche sich in Abgeschiedenheit von der uulcidsamcn Welt in ihm vollziehen sollten. Eine düstere Lebens anschauung erfüllte ihn und er wünschte sich in die Mitte einer Wüste, auf eine öde Insel im Ozean, wo ihn nicht das geringste Zeichen an die traurige Epoche erinnern könnte, die er durchlebt, wo er in dumpfer, brütender Unthätigkeit dem Momente der Auflösung entgegenharren würde... Er hatte viel zu verwinden, viel zu begraben: eine unglückselige Liebe und eine ganze Welt von Anschauungen! Sind sechs Monate nicht ein winziger Zeittropfcn für eine so große Aufgabe?... wird sein ganzes Leben hinreichen, um bannt fertig zu werden? ... Die ersten Wochen, die er in den düsteren Gefängnißmauern zubrachte, verstrichen ihm in finsterer Gcistesvcrtiefung. Er verbrachte den größten Theil des TagcS auf der primitiuca Strohmatte liegend, welche ihm ein Kanapee ersetzen!nutzte, und wie geistesabwesend zur feucht schimmernden Decke seiner Zelle cmporstarrend. Sein Wärter mußte ihn ein jedes Mal wecken, wenn er ihm sein Mahl brachte. Es wurde ihm frei gcstellt, seine Zeit nach freiwilliger Neigung auSznfüllen, man erlaubte ihm, sich Bücher bringen zu lassen und durch Vermittelung der Gesängnißzcnsur einen schriftlichen Ideenaustausch mit seinen Freunden zu unterhalten; — er machte aber von dieser Erlanbnitz keinen Gebrauch. Er war froh, in plan- und ziellosem, wohl auch traumartig verworrenem Gedankenspiel vergessen zu können, daß cs außerhalb der Gesängnißmauern noch etwas gebe. Jedes höher gerichtete Streben schien in ihm erstorben, sein geistiger GesichtscrkiS ging nicht weiter wie sein physischer. So verging eine Lange, öde, trübselige Zeit. Eines TagcS aber sprang der Gefangene wild erregt von der Strohmatte empor, die sterbensmüde Apathie war aus seinen blassen, erschlafften Zügen gewichen, welche statt dessen sich in einer übermäßigen Aufregung spannten. Wie ein greller Blitz war es in seinen Geist gefallen und hatte ihm das Ziel des Weges beleuchtet, auf welchem er in der Dunkelheit dcS Trübsinnes gerathen war. Er führte zum Wahnsinn. DaS also soll das Ende aller Hoffnungen, Pläne und Empfindungen, das Ziel allen Gefühls- und Gedankenlebcns sein? — Und warum das Alles? Einer Enttäuschung halber! — Wie viele Menschen würden daun bei ihrem Verstände bleiben? — Er schauderte. Hinaus, hinaus! schrie es in ihm auf, mit der Macht der Befreiung von mehrwöchentlichem Druck; er mußte den Anblick der kahlen vier Wände mit einem andern eiutauschen. Er mußte sich Anregung, Abwechslung verschaffen. Der Staatsanwalt, der Rafael von früher kannte und lebhaften Authcil nahm an dem Geschicke dcS intelligentcn, sympathischen Jünglings, gestattete ihm mit Vergnügen, sich in dem großen Garten zu ergehen, welcher hinter dem Gesänguißgebäude sich erstreckte und gesellte sich ihm sogar bei. Schluß folgt.) DrucksehkcrberrchLigttng. Die in Nr. 36 irrthinnlich au« ״China" gebrachte Nachrecht hat sich in Chiwa zngetragen. Eingesandt. Mainz, 30. August. Wiederholt wurde im ״Israelit" vor der sögenannten Kunstbutter gewarnt, welche bekanntlich auS animalischen Stoffen bereitet wird und deshalb von Israeliten nicht genossen werden darf. ES ist nunmehr gelungen, aus reines Pflanzenstoffen, und zwar auS der Kokosnuß, eine Butter oder ein Fett herzustellen, welches an Nährwerth und Wohlgeschmack der besten Kuhbutter nicht nachsteht, an Wohlfeilheit aber alle Speisefette übcrtrifft. Als der Unterzeichne!«: von dieser neuen Erfindung Kunde erhielt, sagte er sich sogleich, daß cS für die gcsetzcslreucn Israeliten von Wichtigkeit sein würde, dieses nothwendigc, wohlschmeckende und wohlfeile NahrungSmittcL für die jüdischen Haushaltungen nutzbar Zu machen. In Folge dessen habe ich mich mit dem Fabrikanten in Verbindung gesetzt, die Fabrikation auf das Genaueste und Sorgfältigste — unter Assistenz zweier gcsctzeStreuen Glaubensgenossen — untersucht und folgende Anordnungen getroffen: