Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1886)
- Article
- Rußland : Petersburg [Nachricht]
- Date
- 1886-09-16
- Page
- 588 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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589 Nußlau d. .. . z. Petersburg, 10. September. Wie Gewittcrschwüle lagert sich Beklemmung und Sorge auf den Gemüthern der Juden. Sie harten seit Jahren auf Heil und siehe, es ist Schrecken und Noth gekommen. Unsere Hoffnungen erweisen sich trügerisch. Sorge und Verzweiflung erfüllt unser Herz. Wie die Sturm- Vögel das Unwetter anzeigen, so durcheilen umheimliche Gerüchte das Land. Was sage ich Gerüchte?! — nein, cs sind Thatsachen! — Es bereitet sich unser ein schweres Geschick — ob wir es ertragen können, ob wir es ertragen werden? — Gott allein weiß es! Es kann als unzweifelhaft betrachtet werden, daß der größte Theil der hier in der Hauptstadt des Reichs ansässigen Juden auf Grund irgend einer oder der andern Verordnung ansgctricben werden wird. — Es verlautet, daß im ganzen Reiche überhaupt alle jüdischen Angestellten verabschiedet werden sotten. Den zum Taufbecken sich Wendenden sollen die bisherigen Aemter belassen werden, aber ohne Aussicht auf höheres Avanccment. Das Letztere glaube ich nicht. — Aus Südrußland hört man fortwährend von Auswanderungen der Juden nach Amerika. . Ich hatte dieser Tage Brief aus Jelisawetgrad, in welchem es heißt, daß aus dieser Stadt und den benachbarten Orten allein fast zweihundert jüdische Familien in kurzer Zeit ausgewaudert sind. Aus dem Westen hört man tagtäglich von Noth und Elend, von Feuersbrünsten oder Bedrohungen — wie soll das enden?? ~ Sficro. Von dem Senate der hiesigen Universität werden sämmtliche jüdische Studenten aufgefordert, unverzüglich dafür Sorge zu tragen, daß die in den Matrikeln der Universität angegebenen Namen und Daten mit denen der Register der Heimath in Uebereinstimmung gebracht werden. Es haben nämlich viele jüdische Studenten ihre hebräischen Namen rnssifizirt. Sie glaubten dadurch dem Hasse und der Verachtung ihrer Komuülitonen weniger ausgesetzt zu sein. Darin aber täuschten sie sich, wie es ja überhaupt ein großer Jrrthnm ist, daß man Achtung bei Anderen finden kann, wenn man sich selbst nicht achtet. Da haben nun die jungen Leute jetzt den Spott und die Schande doppelt zu ertragen. . l\\ Wilrm, September. Man hat hier wieder das alte Verbot gegen die langen Röcke und Locken der Inden hervorgesucht und wendet cs sehr rigoröS an. Jeder Zuwiderhandelnde wird in eine Geldstrafe von 150 Rubel genommen, ihm der Rock bis zur Kniebeugung und die Locken an der Wurzel abgeschnitten. Und das Ganze nennt man Zivilisation. ss ZeEatsch (Wolhynien), September. Diese von vielen Juden bewohnte Provinzialstadt ist von einer bedeutenden Feuersbrunst heimgesucht worden. 120 Häuser sind gänzlich niedergebrannt, und deren Insassen haben nur das nackte Leben gerettet. Fünf Synagogen liegen in Asche. Die Noth ist unbeschreiblich groß. Der Kronrabbiner Herr Joseph Wagner fordert zu milden Gaben für die Abbrändler auf. * Jnmpoli (Podolien).. Der ״Hazephira" wird folgende Thatsache berichtet. Vor etwa drei Jahren fand ein jüdischer Einwohner, Herr Joseph K., des Abends vor seinem Hause einen Säugling, an welchem die Beschncidung bereits vollzogen war. Er erbarmte sich des kleinen Wesens und nahm dasselbe bei sich auf. Als dieses jedoch ruchbar wurde, verfügte die Stadtbehörde die Wegnahme des Kindes, um cs als Christ erziehen zu lassen. Vergebens!nachte Herr K. auf die vollzogcne Beschneidung als auf ein untrügliches Zeugniß aufmerksam, daß der Kleine ein Jude sei. Es wurde ihm bedeutet der Knabe könne ja auch so zur Welt gekommen sein. Herr K. beruhigte sich jedoch nicht hiermit. Er forschte eifrig nach der Herkunft des Kindes. Da stellte es sich denn heraus, daß dasselbe von jüdischen Eltern in Jarmiliniez stamme, diesen aber gestohlen worden sei Das Kind ist nunmehr den Eltern wieder übergeben worden. ||| Uttiatt (Gouvernement Kiew). Die hiesige Jndenschast befand sich kürzlich in großer Aufregung. Ein nichtjüdischer Jüngling, erst 18 Jahre alt, verleitete ein 13 jähriges jüdisches Mädchen zum llcbcrtritt znm Christenthum. Dasselbe wurde bei einer alten Frau uutcrgebracht, war aber plötzlich verschwunden. Da verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten es wegen seines Neligionswechsels getödtet. Das Volk nahm eine so drohende Haltung gegen die Juden ein, daß die Bc-- Hörde den Letzteren erklärte, sie vor der Wuth dcS Pöbels nicht schützen zu können. Die Juden setzten nun alle Hebel in Bewegung, um den Aufenthalt des verschwundenen Mädchens zu erforschen, und gerade in dem Augenblicke, wo die Bevölkerung über sie herfallen wollte, waren sie so glücklich des Mädchens Aufenthalt in einem benachbarten Dorfe zu entdecken. — So entrannen sie glücklich der Gefahr. Amerika. ~ Der ״American Hebrew" bemerkt über die Zurückweisung armer Emigranten, namentlich von dem Landen in dein Hafen von Newyork, daß über den Begriff ״a88!8t6<1 1)anx618׳", denen nach amerikanischem Gesetz die Einwanderung nicht gestattet ist, bei den BcanUcn der Einwanderungskommission selbst zweispaltigc Auffassungen obwalten. Während z. B. Herr Stephcnson auf Grund dieses Gesetzes jeden Eiuwanderer zurückwcist, der nicht reichliche Subsistenzmittel Nachweisen kann, erklärte sich' Herr Ulrich dahin, daß